„Wo ich bin, ist keine Provinz.“ Selbstbewusst, fast trotzig, hatte er diesen Satz am Rande einer Pressekonferenz gesagt. Da hatte Christoph Schroth, vom Berliner Ensemble kommend, gerade seinen Vertrag als Intendant des Cottbuser Staatstheaters unterschrieben. Elf Jahre lang, von 1992 bis 2003, sollte er bleiben und Cottbus zum Anziehungspunkt für Theaterinteressierte aus ganz Deutschland und darüber hinaus machen.
Nein, wo er war, war nichts provinziell. Das hatte in vielfacher Hinsicht mit diesem geradlinigen Mann und seiner Auffassung von Theater zu tun. „Theater für die Leut‘“ wollte er machen, was nicht etwa hieß, populistisch dem Mehrheitsgeschmack zu folgen. Vielmehr wollte er gewinnen für ein Theater, das zum Diskurs auffordert, zum Denken anregt, spielerisch ausprobiert, durchspielt, wofür die Realität blind oder noch nicht reif ist – gesellschaftlich relevantes Theater, das unterhält, lustig und traurig ist, berührt.
Christoph Schroth gab nicht nur mit der Zonenrand-Ermutigung in Cottbus die Initialzündung für politisches und lustvolles Theater.
Christoph Schroth gab nicht nur mit der Zonenrand-Ermutigung in Cottbus die Initialzündung für politisches und lustvolles Theater.
© Foto: Marlies Kross
2008 zu Gast im Theatertreff des Cottbuser Staatstheaters: Christoph Schroth (M.) mit Moderatorin Kathrin Krautheim  und Schauspieler Thomas Harms.
2008 zu Gast im Theatertreff des Cottbuser Staatstheaters: Christoph Schroth (M.) mit Moderatorin Kathrin Krautheim und Schauspieler Thomas Harms.
© Foto: Michael Helbig

Christoph Schroth: ein genauer Beobachter, dem einfache Antworten nicht genügten

Und Christoph Schroth hatte die künstlerische Meisterschaft, es auf die Bühne zu bringen. Umgeben von Schauspielern, Dramaturgen, Ausstattern – Bühnenmenschen eben, die sich von ihm anstecken ließen. Schon in Schwerin, wo er von 1974 bis 1989 für Aufruhr sorgte, weil er keine Denkverbote akzeptierte, sich nicht einrichten wollte in der sozialistischen Gemütlichkeit, wo sich doch überall die Probleme zu türmen begannen. Legendär seine „Faust“-Inszenierung, zu der die Leute mit Sonderzügen anreisten. Ein Mephisto, der vom blühenden Leben predigt, das Publikum weiß um den Gegensatz zur Realität und sieht, worauf der hinausläuft.
Aufsehenerregend 1989 sein „Wilhelm Tell“. Der Schriftsteller Hans-Dieter Schütt erinnert sich, dass der Dramatiker Heiner Müller beim Gastspiel an der Berliner Volksbühne schrieb: „Tumulte unter den Zuschauern – das war im Oktober 1989 das Freiheitsdrama.“
Christoph Schroth war ein genauer Beobachter, wollte wissen, was die Leute denken und warum, gab sich nicht zufrieden, wenn ihm Antworten nicht genügten. Mit ihm zu diskutieren, war herausfordernd und lehrreich.

Cottbuser „Zonenrand-Ermutigungen“ waren besondere Spektakel – auch mal bis zum Frühstück

Ein besonderer Publikumsmagnet waren Schroths Spektakel. In Schwerin unter dem Titel „Entdeckungen“, in Cottbus hießen sie „Zonenrand-Ermutigung“. Was für großartige Theaterfeste, die Theaterleute und Zuschauer in gemeinsamem Erleben, Ausprobieren, Diskutieren, Feiern vereinten. Auch wenn der Start etwas holprig war, wollten sich doch 1993 am Zonenrand nicht so viele ermutigen lassen – jedenfalls nicht vom Theater. Das neue Leben war herausfordernd, oft erschöpfend. Theater?
Aber Schroth und den Seinen gelang es, die Menschen zurückzuholen in das Haus, das ihnen zu Vor-Wendezeiten als Kommunikationsort so wichtig gewesen war. Seine Arbeit, sein Engagement für die Stadt überzeugten. Und schon brauchte man ja auch wieder einen Ort der offenen Debatte.
Nach der ersten gab es noch sieben weitere Zonenrand-Ermutigungen. Da ging es um Preußen, oder vielmehr das Preußische in uns unter dem Titel „Rührt euch“. Oder: Das Theater lud zu einer ganzen Nacht mit Brecht ein – bis zum Morgengrauen mit Frühstück. Noch heute erzählen Mitarbeiter, wie sie bei Cottbuser Bäckern anrufen mussten, um Brötchen zu ordern, denn Frühstück war eigentlich nicht vorgesehen. Die Ermutigung hatte sich zeitlich etwas ausgedehnt. Frappierend war nur, die Leute blieben. Weil da etwas stattfand, was mit ihnen zu tun hatte.

Christoph Schroth verabschiedete sich nach elf Jahren aus Cottbus

„Utopien“ hieß die Zonenrand-Ermutigung, mit der sich Christoph Schroth als Intendant aus Cottbus verabschiedete. Aber eigentlich war es ihm ja immer um diese Utopien gegangen. Die Welt nicht nur hinzunehmen, wie sie ist, sondern sie besser zu denken, wenigstens auf der Bühne, Alternativen auszuprobieren – naiv und wissend zugleich. Das alles auf unterhaltende, wenn möglich, vergnügliche Weise. Schließlich hat er selbst gern gelacht, und wie, aus tiefster Seele, ansteckend.
Christoph Schroth wurde am 5. Mai 1937 in Dresden geboren. Zunächst studierte er Journalistik, entschied sich dann aber, als Regieassistent ans Maxim-Gorki-Theater und die Volksbühne Berlin zu gehen. Wichtige Regieerfahrungen sammelte er in Halle und Berlin. Am 20. September 2022 ist er gestorben. Ein freundlicher Theaterberserker, der die Unentbehrlichkeit von Theater erlebbar gemacht hat. Er selbst sagte einmal: „Glück ist, wenn eine Liebesbeziehung zwischen Theater und Zuschauer entsteht.“ Schroth und sein Publikum hatten viel von diesem Glück, an das man sich gern erinnert.