ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:43 Uhr

Kolkwitz
Warum Tobias Jäkel zwölf Fenster putzt

 Helfer und Hilfesuchende sind glücklich. Tobias Jäkel (r.) putzte im Rahmen der Kolkwitzer Nachbarschaftshilfe zwölf Fenster. Luise und Dieter Herold, hier mit Urenkelin Alia (5), sind erleichtert, dass sie nun wieder unbeschwert Besuch empfangen können.
Helfer und Hilfesuchende sind glücklich. Tobias Jäkel (r.) putzte im Rahmen der Kolkwitzer Nachbarschaftshilfe zwölf Fenster. Luise und Dieter Herold, hier mit Urenkelin Alia (5), sind erleichtert, dass sie nun wieder unbeschwert Besuch empfangen können. FOTO: Gemeinde Kolkwitz
Kolkwitz. Gulbener unterstützt Seniorenehepaar im Rahmen der Kolkwitzer Nachbarschaftshilfe. Im Rathaus können sich Hilfesuchende und Helfer aus allen Ortsteilen der Großgemeinde melden.

Zwölf Fenster in zwei Stunden putzen. Als Tobias Jäkel im April beim Kolkwitzer Rathaus anruft, ahnt er nicht, was auf ihn zukommt. Der 32-jährige Erzieher hat gelesen, dass für die Nachbarschaftshilfe Menschen gesucht werden, die ihre Mitbürger unterstützen möchten.

Während sich der Gulbener registrieren lässt, wird ein paar Kilometer weiter Luise Herold von Sorgen geplagt. Sie will ihren 81. Geburtstag feiern. Sie hat Gäste eingeladen. Staubsaugen. Essen kochen. Das bekommt sie noch hin. Horror, wie sie sagt, hat sie aber vor dem Fensterputzen. Ihr 84-jähriger Mann Dieter ist ebenfalls gesundheitlich angeschlagen. Beide trauen sich diese Arbeit nicht mehr zu.

Als sie von der Nachbarschaftshilfe in Kolkwitz hört, nimmt sie ihren Mut zusammen und ruft im Kolkwitzer Rathaus an. Luise Herold schildert ihr Problem. Kurz darauf klingelt das Telefon von Tobias Jäkel in Gulben. Dank der Schließzeit hat der Kolkwitzer Erzieher gerade Urlaub. Er sagt seine Hilfe zu. Wieder einen Moment später klingelt sein Handy. Luise Herold ist dran. Er verspricht vorbeizukommen, wenn sein Einkauf erledigt ist.

„Ich verschaffe mir erst einmal einen Überblick“, ist sein Gedanke, als er an der Gartentür der Familie Herold klingelt. Fenster geputzt hat er noch nie. Als er sieht, dass es sich nicht um ein oder zwei Fenster handelt, sondern um alle zwölf Fenster des Hauses, beschließt er kurzerhand, gleich loszulegen. Luise Herold ist erleichtert und räumt die Fensterbretter frei. Dann leitet sie ihren Helfer an. So lernt er, dass in das Wasser Essig hineingehört,  wie mit dem Abzieher umzugehen ist und dass zum Schluss noch einmal die Kanten nachgewischt werden müssen. Zwei Stunden später ist es vollbracht. Nachbarschaftshilfe und Fenster putzen – auf diese Doppel­premiere ist Tobias Jäkel stolz.

Als er vom Hilfe-Aufruf liest, findet er das eine gute Sache. Auf der Terrasse der 81-Jährigen hört er ihr nun zu. „Wissen Sie. Ich bin richtig erleichtert. Jetzt kann ich mich auf das Backen und den Kartoffelsalat konzentrieren. Die Last mit den Fenstern ist weg. Ich bin ein anderer Mensch“, sagt sie zu ihrem Helfer. Dieser freut sich, in nur zwei Stunden einem Mitmenschen so sehr geholfen zu haben. Wenn es seine Zeit zulässt, steht er gern für weitere Einsätze bereit. „So lernt man andere Leute kennen und kommt ins Gespräch“, sagt er. „Wir hatten aber vor lauter Arbeit kaum Zeit zu reden“, fügt die Rentnerin hinzu. Der Helfer lacht.

Dann erzählt sie, dass ihr schon der Gedanke mit dem Altersheim gekommen sei. Das Haus ist viel zu groß für die beiden. Die Arbeiten sind kaum zu stemmen. Dies muss sich das Ehepaar immer wieder eingestehen. „Das Unkraut läuft nicht weg“, sagt sie. Die Hecke bräuchte jedoch dringend einen Schnitt. Hier hofft sie wieder auf die Nachbarschaftshilfe. Schließlich wollen beide so lange wie möglich in ihrem Heimatort wohnen bleiben.

(red/pos)