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| 05:30 Uhr

Seit 14 Monaten wird verhandelt
Mord an Cottbuser Rentnerin: Kein Prozessende in Sicht

Die Polizei hatte im Dezember 2016 am Stand vor der Stadthalle in Cottbus nicht nur Zeugenhinweise zur getöteten Gerda K. aufgenommen. Sie gab Senioren auch Tipps, wie sie sich besser vor Überfällen schützen.
Die Polizei hatte im Dezember 2016 am Stand vor der Stadthalle in Cottbus nicht nur Zeugenhinweise zur getöteten Gerda K. aufgenommen. Sie gab Senioren auch Tipps, wie sie sich besser vor Überfällen schützen. FOTO: Annett Igel-Allzeit
Cottbus. Am Sonnabend jährt sich der Todestag der Cottbuser Rentnerin Gerda K. zum zweiten Mal. Ihr mutmaßlicher Mörder steht vor Gericht. Sein Anwalt erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittler. Wann es zu einem Urteil kommt, ist offen. Von Andrea Hilscher

Der Fall hat die Öffentlichkeit weit über die Grenzen der Lausitz hinaus erschüttert: Als die 82-jährige Gerda K. an einem Freitagnachmittag Anfang Dezember 2016 zu einer Weihnachtsfeier nicht erschien, benachrichtigten die früheren Kollegen vom Bahn-Ausbesserungswerk einen Verwandten. Der fand die Seniorin tot in ihrer Wohnung – offensichtlich war sie Opfer eines Gewaltverbrechens geworden.

Es hatte fast drei Monate gedauert, bis eine Sonderkommission der Kriminalpolizei zusammen mit der Staatsanwaltschaft Cottbus Anfang März 2017 die Festnahme eines jungen Mannes verkünden konnte. Mit einer groß angelegten Öffentlichkeitsfahndung war in Cottbus nach dem Mörder von Gerda K. gesucht worden. Es gelang den Ermittlern dabei, ihren letzten Lebenstag genau zu rekonstruieren. Am Vormittag war sie noch beim Friseur gewesen. Nach Einkäufen in der Innenstadt kam sie am Nachmittag in ihre Wohnung zurück. Noch am selben Tag wurde sie laut Anklage dort umgebracht. Anfangs gab es den Verdacht, der Mörder könnte die Rentnerin bei ihrem Einkaufsbummel beobachtet und sie dann in ihre Wohnung verfolgt haben. Doch nach 361 Vernehmungen und der Auswertung zahlloser Spuren stellte sich diese Vermutung als falsch heraus. Der mutmaßliche Täter und sein Opfer, so die Ermittler damals, müssen sich gekannt haben.

Der junge Syrer, offenbar 2015 in Begleitung eines Bruders eingereist, wurde im Laufe des Verfahrens im Auftrag der Staatsanwaltschaft gutachterlich untersucht. Dieses Gutachten hatte ergeben, dass er zur Tatzeit nicht älter als 18 Jahre gewesen war. Daher muss die Hauptverhandlung zwingend nach dem Jugendgerichtsgesetz unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt werden.

Frank Merker, Sprecher des Cottbuser Landgerichts, hat seit Prozessbeginn insgesamt 52 Hauptverhandlungstage gezählt, derzeit sind bis in den Februar 2019 hinein weitere 13 Verhandlungstage angesetzt. Der nächste Hauptverhandlungstag ist für den 10. Dezember bestimmt worden. Frank Merker: „Einen Zeitpunkt für den Abschluss des Strafverfahrens vermag ich derzeit nicht – auch nicht ungefähr – anzugeben.“

Der Anwalt des mutmaßlichen Täters erhebt inzwischen schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden. Nachdem seiner Auskunft nach schon zu Prozessbeginn Beweismittel nicht in den Akten zu finden waren und nachgereicht werden mussten, beschäftige sich das Gericht seit März hauptsächlich mit der Vollständigkeit der Akten. Inzwischen seien diese auf 3000 bis 4000 Seiten angewachsen, so Christian Nordhausen. Dabei gebe es oft Unterschiede zwischen den Dokumenten, die dem Gericht vorliegen und dem, was die Polizei vorhält. „Wir beschäftigen uns eigentlich andauernd nur mit der Frage, was in den Akten fehlt – und es fehlt irgendwie immer etwas“, so Nordhausen.

Er nennt Beispiele für die aus seiner Sicht schlecht dokumentierte Ermittlungsarbeit. So gebe es drei Spurensicherungsberichte, die eigentlich identisch sein müssten. „Sind sie aber nicht.“

Der Anwalt führt außerdem an, dass von allen Mietern im Eingang von Gerda K. DNA-Proben genommen wurden. „Die Beamten haben die Bitte um Proben damit begründet, dass sie auch in dem gesamten Hausaufgang DNA-Material gesammelt haben. Den entsprechenden Bericht über dieses Material kann aber heute niemand mehr vorlegen.“

Da die Beamten einem Dutzend Hausbewohner von diesem Material erzählt hätten, gebe es nur zwei mögliche Schlussfolgerungen. „Entweder haben sie diesen Menschen bei der Belehrung etwas Falsches erzählt oder der Bericht ist nicht mehr da.“ Nordhausen habe in den vergangenen Monaten viele Widersprüche in den Aussagen der Beamten entdeckt, andere Polizisten konnten sich an bestimmte Situationen nicht erinnern oder haben Spuren falsch dokumentiert. „Aber wenn ein Beamter Spuren sichert und seinem Kollegen eine dazugehörige Nummer diktiert, muss man sich darauf verlassen können, dass diese Nummer auch stimmt.“ So gebe es etwa ein Kaffeepäckchen, für das drei verschiedene Spurennummern notiert seien. „Das kann einfach nicht sein.“

Frank Merker, Sprecher des Cottbuser Landgerichtes, erklärt die lange Prozessdauer unter anderem mit der umfangreichen Aktenlage, die nicht nur durch das Gericht gesichtet und bewertet wird, auch Verteidigung und Nebenklage erhalten jeweils Gelegenheit zur Einsichtnahme. Außerdem sei die Frage der Vollständigkeit der dem Gericht vorliegenden Ermittlungsakten immer wieder Gegenstand der Hauptverhandlung. Mitverantwortlich für die lange Prozessdauer ist aus seiner Sicht auch die Tatsache, dass die gesamte Hauptverhandlung für den Angeklagten gedolmetscht wird, was entsprechende Zeit in Anspruch nimmt.

Bislang sind in der Beweisaufnahme eine Reihe von Zeugen gehört worden. Dabei handelt es sich nach Auskunft von Frank Merker insbesondere um Beamte der Polizei. Außerdem seien der Bruder des Tatopfers, der im Prozess auch als Nebenkläger auftritt, ein Notarzt und Rettungssanitäter als Zeugen vernommen worden. Christian Nordhausen sagt: „Insgesamt sollen etwa 50 bis 60 Zeugen gehört werden. Bisher haben wir nur etwa 15 geschafft.“

Die Polizei will zu den Vorwürfen von Christian Nordhausen mit Hinweis auf das laufende Verfahren keine Stellung nehmen. Auch die Staatsanwaltschaft hat sich bisher nicht geäußert.

Im Falle einer Verurteilung droht dem Angeklagten eine Jugendstrafe von bis zu zehn Jahren. Die Zeit der Untersuchungshaft wird angerechnet. Christian Nordhausen ist bis heute von der Unschuld seines Mandanten überzeugt. „Und bei den Mängeln der Spurenlage halte ich es für schwierig, eine Verurteilung allein darauf zu stützen.“