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| 17:40 Uhr

Medizinserie: Der besondere Fall
Moderne Technik bringt„die Pumpe“ zurück in den Takt

Hochkonzentriert richtet Oberarzt Andreas Terne während der EPU seinen Blick auf die Bildschirme, die ihm einen dreidimensionalen Blick in das Herzinnere ermöglichen.
Hochkonzentriert richtet Oberarzt Andreas Terne während der EPU seinen Blick auf die Bildschirme, die ihm einen dreidimensionalen Blick in das Herzinnere ermöglichen. FOTO: Irene Göbel
Cottbus. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 39. besondere Fall kommt aus dem Sana-Herzzentrum Cottbus. Von Daniela Kühn

Der Schutzengel von Irene Lugk hatte in den vergangenen Monaten alle Hände voll zu tun. Mehr als nur einmal stand es kritisch um die 75-Jährige aus Lauchhammer. Dass sie lebt, hat sie der modernen Technik und dem medizinischen Know-how von Andreas Terne, Oberarzt der Kardiologie im Sana-Herzzentrum Cottbus, sowie seinem Team zu verdanken.

Seit vielen Jahren ist Irene Lugk in kardiologischer Behandlung, sowohl in ihrem Heimatkrankenhaus in Oberspreewald-Lausitz als auch in der Cottbuser Spezialklinik. Sie leidet an einer Dilatativen Kardiomyopathie mit hochgradig eingeschränkter linksventrikulärer Funktion, was so viel bedeutet wie, dass ihr Herzmuskel krankhaft erweitert ist, wobei die linke Herzkammer nur noch minimal arbeitet. Kardiologe Andreas Terne konkretisiert: „Die Pumpleistung ist extrem eingeschränkt, so dass die Betroffenen häufig an Atemnot leiden. Die größte Gefahr besteht jedoch wegen der möglichen Entwicklung schwerer Kammerrhythmusstörungen im plötzlichen Herztod.“ Im Jahr 2007 wurde der Patientin aus Lauchhammer daher ein Defibrillator (ICD-System) implantiert. Vor zwei Jahren kam ein weiteres Problem hinzu, eine hochgradig undichte Aortenklappe, die Anfang 2017 durch ein Implantat ersetzt wurde.

Doch das Herz machte der Patientin immer wieder zu schaffen und ihr Zustand verschlechterte sich. „Ich war schnell erschöpft, konnte kaum noch Treppen steigen, hatte Schmerzen in der Brust. Im vergangenen Sommer war mir häufig schwindlig, ich wurde bewusstlos und dann bin ich einfach umgekippt“, erinnert sich Irene Lugk. Das beunruhigte nicht nur die Rentnerin selbst. Auch ihr Mann, um den sie sich zu Hause kümmert, sowie die Kinder, Enkel und Urenkel machten sich große Sorgen. Nach einer schweren Atemnot brachte die Schwiegertochter sie ins Heimatkrankenhaus, das sie wiederum ins Herzzentrum überstellte. Die Auswertung des ICD-Speichers ergab, dass dieser sich in wenigen Wochen fast 70 Mal entladen hatte. „Das bedeutet, er hat Stromstöße abgegeben, um das Herz der Patientin wieder in Gang zu setzen“, erklärt Kardiologe Andreas Terne.

Auch in der Spezialklinik blieb das Herz der Patientin mehrfach stehen, so dass sie wiederbelebt, künstlich beatmet und an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden musste. Durch die verschiedenen schweren Erkrankungen – ein erweitertes Herz, höhergradige Mitralklappeninsuffizienz und eine hochgradige Einschränkung der linken Herzkammer mit asynchronem Kontraktionsablauf ist die Behandlung nicht einfach. „Um die Ursachen der Herzstillstände zu lokalisieren und zu analysieren, entschlossen wir uns zu einer Elektrophysiologischen Untersuchung (EPU). Sie ermöglicht es, mit einer Sonde über die Blutgefäße bis zum Herzen vorzudringen. Mit speziellen Elektrodenkathetern führen wir eine Röntgendurchleuchtung von innen durch. Wir können sozusagen ein Abbild des Herzens, insbesondere der Herzkammern erstellen und auf dem Monitor sichtbar machen“, erklärt der Spezialist. Mithilfe der Katheter kann die elektrische Herzaktivität direkt vor Ort ganz genau gemessen werden. „Die Daten werden in einem Hochleistungsrechner ausgewertet, so dass wir exakt feststellen, wo Erregungsreize fehlgeleitet werden. Auch bei Frau Lugk konnten wir auf diese Weise direkt am Monitor Erregungskreise für die bösartigen Kammerrhythmusstörungen orten. Über ein spezielles Navigationssystem haben wir einen Ablationskatheter gezielt bis zu den fehlerhaften Stellen im Herzmuskelgewebe geführt und die Bereiche mit einer sehr genau dosierten Wärmebehandlung verödet“.

Seit 2012 verfügt das Herzzentrum in seinem Hybrid-Saal über einen elektrophysiologischen Messplatz. Mittlerweile werden pro Jahr etwa 350 dieser Spezialuntersuchungen durchgeführt. Gut 1400 Patienten haben der Kardiologe und sein Team bisher auf diese Weise behandelt. Damit hat sich das Haus bei der EPU als Spezialklinik mit überregionaler Bedeutung etabliert. „Unsere Patienten kommen aus Südbrandenburg, dem Berliner Raum und Nordsachsen“, sagt der Oberarzt der Kardiologie. „So gefährliche Kammerrhythmusstörungen wie bei Irene Lugk behandeln wir etwa zwei-drei Mal im Monat.“ Der Bedarf an EPU wird sich perspektivisch weiter erhöhen, auch weil die Menschen immer älter werden, ist der Mediziner sicher. Seinen Angaben zufolge tritt bei rund sieben Prozent der Menschen, die älter als 80 Jahre sind, Vorhofflimmern auf. „Eine Behandlung erfolgt dann, wenn die Erkrankung symptomatisch ist oder sich daraus strukturelle Herzerkrankungen entwickeln.“ Die Erfolgschancen der Therapie hängen vom Schweregrad und der Dauer der Erkrankung ab. Erfolgt die Behandlung in der Anfangsphase, liegt die Erfolgsquote bei bis zu 75 Prozent. „Je länger das Vorhofflimmern besteht, umso schwerer ist es zu behandeln“, sagt Andreas Terne.

„Unsere Patientin Frau Lugk stand am Scheideweg.“ Aber sie hat Glück gehabt. Nach wenigen Tagen auf der Intensivstation wurde sie langsam aus dem künstlichen Koma geholt. „Von der ganzen Aufregung um mich habe ich nichts mitbekommen, aber dass mir das Team das Leben gerettet hat, das ist mir bewusst“, sagt die 75-Jährige.

Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: LR / Katrin Janetzko
Andreas Terne.
Andreas Terne. FOTO: privat