| 02:40 Uhr

Mitralklappeninsuffizienz und Herzschwäche: eine Volkskrankheit

Viele Menschen leiden unter einer Undichtigkeit (Insuffizienz) der Mitralklappe. Im Sana-Herzzentrum Cottbus werden zur Behandlung verschiedene innovative Verfahren eingesetzt.

Ihre Form ähnelt einer Bischofsmütze - der Mitra, daher der Name Mitralklappe. Die Herzklappe zwischen dem linken Vorhof und der linken Kammer des Herzens hat eine ziemlich komplexe dreidimensionale Struktur. Sie besteht aus dem Klappenring sowie einem vorderen und einem hinteren Klappensegel, das an Sehnenfäden hängt. Diese sind mit Vorwölbungen des Herzmuskels der linken Herzkammer verbunden. Sobald auch nur ein einzelnes Element dieser Struktur geschädigt ist, arbeitet der gesamte Mitralklappenapparat nicht mehr richtig. Im Gegensatz zur Aortenklappe, bei der meistens eine zu enge Öffnung Probleme macht, ist die Mitralklappe oft nicht dicht genug. Wenn dieses Ventil nicht mehr richtig schließt, fließt das Blut mit jedem Herzschlag in den Vorhof zurück und kann sich bis in die Lunge stauen. Etwa zehn Prozent aller über 75-Jährigen sind von einer solchen Mitralklappeninsuffizienz betroffen.

Sie leiden bei geringsten Belastungen unter Atemnot und an Ödemen in den Beinen oder im Bauch. "Die Mitralklappenchirurgie hat in den vergangenen Jahren innovative und schonende Operationsverfahren ohne Öffnung des gesamten Brustkorbes entwickelt, mit denen wir gerade den älteren Patienten sehr gut helfen können", so Prof. Dr. Dirk Fritzsche, Chefarzt Herzchirurgie und Spezialist für minimalinvasive Eingriffe. So werden in Cottbus 84 Prozent der Mitralklappenpatienten mit der "Chirurgie durchs Schlüsselloch" behandelt, gut 20 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt. Dabei muss die Mitralklappe oft gar nicht ersetzt werden, sondern kann je nach Klappenschaden mit verschiedenen Operationsmethoden "repariert" werden. Bei diesen Rekonstruktionsverfahren führt der Weg zum Herzen über einen etwa fünf Zentimeter kleinen Schnitt an der rechten Brustwand. Der Herzchirurg operiert mit speziellen endoskopischen Instrumenten und mithilfe einer Videokamera. Das erlaubt besonders exakte Reparaturen, weil das Operationsfeld zehnfach vergrößert und gut ausgeleuchtet auf dem Monitor erscheint. Nach der erfolgreichen Rekonstruktion wird ein künstlicher Mitralklappenring eingenäht, der dafür sorgt, dass die Klappensegel stabil bleiben und gut schließen. Als eine der ersten deutschen Kliniken setzte das Cottbuser Herzzentrum einen neuartigen Klappenring ein, der nach dem Eingriff am schlagenden Herzen unter Ultraschallkontrolle von außen justiert werden kann. "Damit können wir das Operationsergebnis noch weiter perfektionieren", so der Chefarzt, der diese Operation im Juli 2011 in Cottbus erstmals vorgenommen hat. Selbst wenn die Mitralklappeninsuffizienz später wieder auftritt, kann der Ring ohne weitere Operation ambulant von außen über zwei Elektroden nachgestellt werden.

Mitralklappenreparaturmit dem Katheter

Bei der Behandlung der Mitralklappeninsuffizienz ist die herzchirurgische Behandlung das seit vielen Jahren übliche Therapieverfahren. Es gibt allerdings Patienten, denen selbst das schonende minimalinvasive chirurgische Verfahren zur Rekonstruktion der Mitralklappe nicht zumutbar ist, etwa Hochbetagte mit zahlreichen Begleiterkrankungen, Patienten mit hochgradiger Herzschwäche oder mehrfach am Herzen Voroperierte. Dank eines kardiologischen Verfahrens, der Reparatur der Mitralklappe mit dem Katheter, können auch diese Hochrisikopatienten versorgt werden. Zum ersten Mal in Cottbus erfolgte die Behandlung der hochgradigen Mitralinsuffizienz mittels der Kathetertechnologie im Februar 2013 bei einer 79-jährigen Patientin.

Seitdem sind 217 Hochrisikopatienten, darunter Patienten mit schwer vorgeschädigtem Herzen oder mit voroperierten Herzerkrankungen, vom spezialisierten Ärzteteam unter Leitung der Leitenden Oberärztin Dr. Kristin Rochor erfolgreich behandelt worden. Bei dieser Behandlungsmethode, dem Mitraclipping, wird die undichte Mitralklappe im Zentrum ihrer Undichtigkeit mit Clips verengt, indem die Klappensegel bei schlagendem Herzen mit einer oder mehreren Klammern zusammengeheftet werden. Die Clipimplantation erfolgt dabei unter Verwendung eines steuerbaren Spezialkatheters über einen nur einen Zentimeter langen Schnitt in der Leiste. Eine Vollnarkose ist nötig, weil die Bildgebung mittels einer in die Speiseröhre eingeführten Schluckultraschallsonde geschieht. Diese Sonde zeigt ein räumliches Bild vom Herzinneren. "Deshalb können wir die Bewegung der Mitralklappe genau verfolgen und den Clip millimetergenau an der undichtesten Stelle platzieren" erklärt Dr. Kristin Rochor. Beim MitraClip-Eingriff, der zwischen zwei und drei Stunden dauert, arbeitet die Kardiologin mit einem Herzchirurgen zusammen, auch die Auswahl der geeigneten Patienten für dieses Therapieverfahren geschieht gemeinsam im Rahmen von regelmäßigen MitraClip-Konferenzen. Dabei wägen die Ärzte das operative Risiko des Patienten und die Erfolgschancen der unterschiedlichen Methoden gegeneinander ab. Zwar kann das Mitraclipping die Klappeninsuffizienz deutlich verringern, aber meist nicht ganz beheben. "Doch die deutlich verbesserte Lebensqualität rechtfertigt den Eingriff bei der entsprechenden Patientengruppe", so die Cottbuser Kardiologin. "Einer meiner Patienten hat es so ausgedrückt: Vor dem Clipping habe er nur noch bis zur nächsten Woche gedacht, danach wieder bis zum nächsten Jahr und darüber hinaus." SHC