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Mit versteckten Stärken zum Traumjob

Auch das Thema Lebensplanung ist bei der Berufsorientierung ein wichtiger Punkt. Die Schüler dürfen Fragen zum Thema Verhütung stellen.
Auch das Thema Lebensplanung ist bei der Berufsorientierung ein wichtiger Punkt. Die Schüler dürfen Fragen zum Thema Verhütung stellen. FOTO: Jenny Theiler
Cottbus. Die Ausbildungssituation hat sich in der Lausitz stark verändert. Während noch vor zehn Jahren zu wenige Ausbildungsplätze zur Verfügung standen, herrscht mittlerweile ein massiver Fachkräftemangel in regionalen Unternehmen. Jenny Theiler

Viele junge Menschen fühlen sich trotz der zahlreichen Ausbildungsangebote dennoch überfordert, weil, laut Sozialdezernent Hermann Kostrewa, das Bewusstsein für die eigenen Begabungen oftmals fehle.

Um diese verborgenen Stärken sichtbar zu machen, veranstaltet die Stadt Cottbus mit der Bundesagentur für Arbeit und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung das Projekt "Komm auf Tour" für Siebt- und Achtklässler. Laut Bildungsdezernent Berndt Weiße sei das Projekt einzigartig in Cottbus und habe seit 2010 große Resonanz erfahren. "Es geht nicht nur um Berufsorientierung. Mit diesem Projekt wollen wir die Jugendlichen auch an das Leben heranführen", erklärt Berndt Weiße.

Bei einem 500 Quadratmeter großen Erlebnisparcours bekamen die Schüler der Sportschule Cottbus gestern die Möglichkeit sich auszuprobieren. In der Lausitzarena wurden sechs unterschiedliche Stationen aufgebaut, bei denen lebensnahe Situationen, unter Berücksichtigung verschiedener Aufgabenstellungen, nachgespielt werden sollten. Je nach Aufgabenwahl und Lösungsansatz vergaben die Betreuer verschiedene Stärken an die Schüler, in Form von bunten Stickern. Den 12- bis 14-Jährigen soll auf diese Art bewusst werden wie sie von anderen gesehen werden und welche ungeahnten Fähigkeiten in ihnen stecken.

Vor allem Schüler aus Ober-, Gesamt- und Förderschulen hätten eingeschränkte Berufsperspektiven, welche die Lebensgestaltung negativ beeinflussen. Dies belegt eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA). "Den Jugendlichen wird heutzutage viel zu oft gesagt, was sie alles nicht können", beklagt David Rupp von der BzgA. Aus diesem Grund werden Schwächen während des Projektablaufs ausgeblendet. Das Konzept geht außerdem von einer Verknüpfung aus Lebensplanung und Berufsberatung aus. Deswegen werde auch den Themen Schwangerschaft und Familiengründung Aufmerksamkeit gewidmet, damit die Schüler ohne Hemmungen Fragen stellen dürfen.

Wie sich bei der Station "Sturmfreie Bude" gezeigt hat, ist es vor allem die Bewältigung der Tagesroutine, die nicht immer als Stärke wahrgenommen wird. Organisationstalent, Kreativität oder Kommunikationsfähigkeiten machen sich im Alltag jedoch sehr stark bemerkbar, wie die Schüler erkannten. So haben sich die Jungen um das Aufräumen der Wohnung gekümmert, während die Mädchen bei einer Shoppingtour in den Baumarkt geleitet wurden, um ein Ersatzteil für die Spüle zu besorgen. Auch verschiedene Genderstereotype können die eigene Entwicklung hemmen. Der Orientierungsprozess setzt ein, wenn die Mädchen im Spiel erkennen, dass sie handwerkliches Geschick besitzen, während den Jungen bewusst wird, dass auch sie einen Haushalt organisieren können. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich so kreativ sein kann", erzählt Jonas Petschick (13), der mit einem Mitschüler eine Kommunikationsaufgabe bewältigt hat. "Es ist sehr gut, dass man sich mal austesten kann. Ich erkenne Sachen an mir, die ich vorher noch nicht wusste", berichtet Anton Gallas (13).

Am Ende des Parcours stehen für die Jugendlichen die "Stärkeschränke" bereit. Vielseitige Materialcollagen verweisen auf mögliche Berufe, die zu den Jugendlichen passen könnten. Auch hier besteht kein Orientierungszwang, denn das Motto lautet: Mut zur eigenen Entscheidung.