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| 12:05 Uhr

Mobbing an Schulen
311 Mal das Mobbing-Opfer

Hauke Grewe vom Piccolo-Theater spielt das Klassenzimmerstück „Erste Stunde“.
Hauke Grewe vom Piccolo-Theater spielt das Klassenzimmerstück „Erste Stunde“. FOTO: LR / Julian Münz
Cottbus. Klassenzimmerstück „Erste Stunde“ mit Hauke Grewe ist das meist gespielte Stück des Piccolo-Theaters. Von Julian Münz

„Okay, bringen wir’s hinter uns. Ich gebe euch fünf Minuten. Fünf Minuten, in denen ihr mit mir machen könnt, was ihr wollt.“ So begrüßt der Schüler Jürgen Rickert die neue Klasse, in die er kommt. Seine Tasche ist da bereits kaputt, er rechnet damit, dass alles beim Alten bleibt. Wie in den zahlreichen Schulen, in denen er vorher war, wird er wieder das Mobbing-Opfer sein. Deshalb dreht er den Spieß um und lädt die Mitschüler dazu ein, ihn zu demütigen. Doch zu Rickerts Überraschung bleibt die neue Klasse zurückhaltend.

Der Monolog des Schülers Jürgen Rickert ist die Handlung von „Erste Stunde“, dem am meisten gespielten Stück des Piccolo-Theaters. Bis nach Berlin war Hauke Grewe bereits in der Rolle des gemobbten Schülers unterwegs. Der Premiere vor fast zehn Jahren in der Sachsendorfer Oberschule folgten bis jetzt 310 weitere Auftritte, zum 300. Jubiläum erschien sogar der Verlag, der das Stück geschrieben hatte. Aktuell mimt Grewe den Schüler Jürgen Rickert ausschließlich für siebte Klassen. „Hier ist es am sinnigsten, da die Hierarchien nach dem Schulwechsel noch offen sind“, so der Schauspieler.

„Ich sehe ihn ein bisschen als Mobbing-Man, als Rächer der Gemobbten“, beschreibt Grewe die Hauptfigur des Stücks. Während der 45 Minuten reizt der Schüler Rickert die Klasse immer wieder, aber es gibt es auch Brüche, in denen seine zerbrechliche Seite gezeigt wird. So legt er die grundlegenden Strukturen von Mobbing Stück für Stück offen. Zu einem Opfer wird man nicht, soll die „Erste Stunde“ zeigen, weil man in irgendeiner Weise schräg ist, sondern weil der Täter sich zu diesem Handeln entscheidet. Und der Gemobbte allein könne dagegen wenig ausrichten. Vielmehr müsse sich die schweigende Mehrheit ihrer Verantwortung bewusst werden.

Damit diese Botschaft bei den Schülern ankommt, bereitet Grewe das Gesehene im Anschluss mit der Klasse nach. Mehrere Stunden könne er bereits mit Lernimpulsen und Inhalten füllen, sagt der Schauspieler. Auch ob es in einer Klasse Probleme gibt, erkennt er mittlerweile gut. „Oft sind die Täter sehr reflektiert“, erzählt Grewe.

„Vielleicht hat er Probleme zu Hause“, habe etwa ein Schüler offen auf die Frage geantwortet, warum der Täter andere Schüler angreife.

 Grewe betont trotzdem, dass die „Erste Stunde“ vor allem zur Prävention, nicht aber zur Lösung von Konflikten diene. „Manchmal rufen mich Lehrer an, die sagen: Wir haben ein großes Mobbing-Problem in dieser Klasse, bitte kommen Sie zu uns. Ich sage da: Ich komme gerne, aber ich bin auch keine Feuerwehr.“ Das Stück sei vielmehr dazu gedacht, dass sich die Schüler bewusst mit dem Thema auseinandersetzen. Die Schüler bleiben beim Theaterstück Zuschauer und greifen nicht ein. Dennoch findet die Aufführung zwischen den Schulbänken statt, die Jugendlichen werden von Rickert teilweise direkt angesprochen. „Das Stück prägt sich hier besser ein für die Schüler. Sie erleben die Situation emotional mit“, erklärt Hauke Grewe den Vorteil solcher Klassenzimmerstücke.

An dem Konzept hält das Piccolo-Theater fest. In einer Woche feiert mit „Zusammenhalten“ ein weiteres Klassenzimmerstück Premiere, das sich mit dem Thema Fremdheit und Rassismus beschäftigt.