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| 14:22 Uhr

50 Jahre Christuskirche in Cottbus
Mit eigenen Händen aufgebaut

Außenansicht der Christuskirche in Cottbus.
Außenansicht der Christuskirche in Cottbus. FOTO: Thomas Schirmer
Cottbus. 50 Jahre ist es her, dass die Christuskirche in Cottbus geweiht wurde. Viele Katholiken haben damals, unter widrigen Umständen, das alte Gebäude wieder in Schuss gebracht. Entstanden ist mehr als nur ein Haus Gottes. Von Bodo Baumert

Wenn Michael Banaszkiewicz von der Zeit des Kirchenumbaus 1967 erzählt, dann hört man heute noch das Herzblut heraus, das er und viele andere Helfer in den Bau gesteckt haben. Er kennt jeden Stein, den er eingebaut hat, jedes Stück Parkett, das er abgeschliffen hat. „Dieses Miteinander hat die Gemeinde geformt“, sagt er heute. „Wir haben nicht nur zusammen Gottesdienst gefeiert, wir haben zusammen angepackt, haben uns gegenseitig mit dem Hammer auf den Finger gehauen, so ist eine Gemeinschaft entstanden.“

Die Umstände, unter denen das alles geschah, kann sich heute kaum noch jemand vorstellen. Die katholische Gemeinde in Cottbus hatte ihr Zuhause in der Marienkirche. Doch der Platz wurde knapp. Die wachsende Stadt Cottbus brachte auch neue Christen in die Stadt, gleichzeitig wurde der Religionsunterricht nach und nach aus den Schulen verdrängt. Um die Kinder unterrichten zu können, waren Räume nötig.

Deshalb entschied der damalige Bischof Gerhard Schaffran, für die Katholiken im stark wachsenden Süden der Stadt eine eigene Pfarrkuratie zu errichten. Doch weder konnte die Kirche ein Grundstück erwerben noch auf eigenem Grund eine Kirche neu bauen. Da erinnerten sich die Gemeindemitglieder an die alte Kirche „Zum Guten Hirten“, die nach dem Bau der Marienkirche aufgegeben worden war. Zerbombt, zerstört und leer stand das Gebäude an der heutigen Straße der Jugend. Von 1850 bis zum Bau der Marienkirche 1930 hatten die Cottbuser Katholiken hier ihre Heimat gehabt. Danach stand die ehemalige Kirche „Zum Guten Hirten“ leer.

Einweihung der Christuskirche am 11. 11. 1967 mit Bischof Gerhard Schaffran.
Einweihung der Christuskirche am 11. 11. 1967 mit Bischof Gerhard Schaffran. FOTO: Michael Banaszkiewicz

Der Platz war nicht ideal, kaum entfernt von der Marienkriche – dazu weit weg vom Süden der Stadt. Doch eine andere Chance gab es nicht, also legten die Katholiken los. „Wir haben uns gesagt, wir machen das jetzt einfach“, erinnert sich Michael Banaszkiewicz.

Genehmigt werden musste der Umbau allerdings schon – und damit begann ein langes Katz-und-Maus-Spiel mit den staatlichen Behörden. Eine Heizung und ein Ersatz für die zerbombte Sakristei wurden den Katholiken gestattet. Dazu wurde der Boden der Kirche angehoben. Unter dem Kirchenraum entstand die Sakristei und eine bis heute funktionierende Nachtspeicherheizung Marke Eigenbau. „Da sind sogar Besucher aus Polen gekommen, um sich die Konstruktion anzusehen“, berichtet Banaszkiewicz. Ein katholischer Elektriker hat sie seinerzeit entworfen. Die Kontrolleure staunten nicht schlecht bei der Bauabnahme – vor allem über die Unterrichtsräume, die die Gemeindemitglieder gleich mit unter die Kirche gebaut hatten. Dass ihre Pläne sogar noch weitergingen, ahnten die Herren vom Bauamt damals nicht einmal.

Zuerst aber musste man Stahlträger für die Bodenkonstruktion besorgen. Auch hier halfen Verbindungen der Gemeindemitglieder und wohlgesonnener Helfer. Wie genau, das ist bis heute unklar. Aber jedenfalls lieferten die Russen die Träger, die die Gemeindemitglieder gleich einbauten – und damit zugleich den Raum für den späteren Gemeindesaal unter der Kirche legten.

Innenraum der Christuskirche Cottbus, Aufnahme zur kostenlosen Verfügung gestellt durch Thomas Schirmer
Innenraum der Christuskirche Cottbus, Aufnahme zur kostenlosen Verfügung gestellt durch Thomas Schirmer FOTO: Thomas Schirmer

Dafür galt es, die Fundamente neu zu unterlegen, die für eine solche Kellerkonstruktion nicht tief genug reichten. Eine Tür musste durch die schweren Feldsteine gebrochen  und Meter für Meter mit Steinen unterfangen werden. „Nicht ein einziger Stundenlohn ist gezahlt worden. Brötchen, Bockwurst, Brause und Bier haben sie bekommen“, erinnerte sich der langjährige Pfarrer Johannes Beyer in einer Gemeindechronik. Draußen im Hof türmte sich ein Schuttberg, der auf magische Weise nie kleiner zu werden schien. Immer wieder wurden morgens Teile abtransportiert, die aber gleich wieder aufgeschüttet wurden mit dem Erdreich, das heimlich aus dem späteren Gemeindesaal geschaufelt wurde.

Vieles war in dieser Zeit improvisiert, auch die Einweihung der Kirche am 11. November 1967 durch Bischof Schaffran. Dass er die eigentliche Pfarrgemeinde erst später, zum 1. Januar 1968, offiziell ins Leben rief, gehört zu den Wirrungen jener Jahre.

Ähnlich verlief die finale Bauabnahme. Nun mussten die Katholiken doch Farbe bekennen. Und die staatlichen Kontrolleure staunten nicht schlecht über den ungenehmigten Saal unter der Kirche. „Machen Sie schnell, ich bin nicht mehr lange hier“, soll einer dem damaligen Pfarrer zugeraunt haben. Rasch wurde die Papiere deshalb nachgereicht und tatsächlich genehmigt. Glück oder Gottes Segen für die Gemeinde, die in den kommenden Jahren rasch anwuchs.

Michael Banaszkiewicz, als Seelsorgehelfer „Mädchen für alles“ in der Christuskirche, half auch hier mit. „Ich bin in den Wohnblöcken von Aufgang zu Aufgang gegangen, habe überall geklingelt und unsere Gemeinde vorgestellt“, erzählt er. Viele Türen blieben verschlossen, manche öffneten sich. Einige Menschen fanden so den Weg in die Christuskirche, die zeitweise 3000 Gemeindemitglieder zählte. „600 davon waren tatsächlich Kirchgänger“, berichtet Banaszkiewicz. Von solchen Quoten können andere Gemeinden nur träumen.

„Aus dem Miteinander ist Glauben gewachsen“, sagt Banaszkiewicz. Auch das zeigt, wie eng die Mitglieder an ihrer Kirche hängen. Dass es einigen deshalb schwerfiel, als die katholischen Kirchen in Cottbus 2012 zu einer gemeinsamen Pfarrei fusionierten, ist nachvollziehbar. Dass die gemeinsame Gemeinde dabei den alten Namen der Christuskirche bekam – „Zum Guten Hirten“ –, war nur ein schwacher Trost.

Dennoch geht das Leben in der Christuskirche weiter. „Aus den Wurzeln, die wir mit unserer Arbeit gelegt haben, sind Dinge entstanden, die wir uns damals gar nicht vorstellen konnten“, sagt Michael Banaszkiewicz. „Und so haben wir heute als ganze Gemeinde in Cottbus einen Grund zu feiern“, fügt Hartmut Schirmer, Sprecher des Pfarrgemeinderates, hinzu.