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Mit den Kursen stieg das Prestige der Muttersprache

Dr. Peter Schurmann
Dr. Peter Schurmann FOTO: Hana Schön
Cottbus. Auch nach der Jubiläumsveranstaltung im Cottbuser Stadthaus sucht die Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur weiter nach Zeitzeugen und Dokumenten. "Wer diese Zeit erlebt oder Wissenswertes darüber erfahren hat, wer Fotos, Unterrichtsmaterialien oder andere Unterlagen besitzt, sollte sich bei uns melden", bittet Schulleiterin Maria Elikowska-Winkler. Ulrike Elsner

Es war eine Geschichtsstunde, in der persönliche Erlebnisse der Beteiligten und die wissenschaftliche Einordnung einer Epoche ineinanderflossen. Rund hundert Gäste aus Burg, Cottbus, Berlin, Peitz und Umgebung, Dozenten und Vertreter der Stadtverwaltung sowie sorbischer Institutionen aus der Nieder- und Oberlausitz waren im Stadthaus zusammengekommen. Maria Elikowska-Winkler mischte sich gleich zu Beginn mit dem Mikrofon unter die Gäste, sodass jeder, der das wollte, seine Erfahrungen mit den Sorbisch/Wendisch-Kursen mitteilen konnte, die vor 65 Jahren im ehemaligen Gasthaus "Schwarzer Adler" in Burg ihren Anfang nahmen. Eine der begehrtesten Gesprächspartnerinnen an diesem Nachmittag war Annemarie Matschenz, die diese Anfangszeit nicht nur erlebt, sondern mitgestaltet hat.

"Erste Sprachkurse wurden im Zuge des allgemeinen Aufschwungs des Kulturlebens von verschiedenen deutschen Universitäten bereits in der nachreformatorischen Zeit angeboten", berichtete Dr. Peter Schurmann vom Sorbischen Institut. Das geschah beispielsweise an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder). Allerdings müsse zwischen sprachlicher Qualifizierung auf studentischer Ebene und dem, was für Erwachsene mit abgeschlossener Berufsausbildung getan wurde, unterschieden werden. Letzteres begann erst im Zuge des beschleunigten Übergangs von der wendischen Ein- zur deutsch-sorbischen Zweisprachigkeit mit dem Wirken des 1847 in Bautzen gegründeten Vereins für wendische Volksbildung, der Masica Serbska.

In der Niederlausitz war die Masica Serbska die Vereinigung, die ihre Versammlungen bis zum Verbot im Jahr 1937 durch die nazistischen Behörden konsequent in wendischer Sprache durchführte. "Sie hatte damit entscheidenden Anteil daran, dass das Niedersorbische trotz seiner massiven Zurückdrängung vor allem im schulischen und kirchlichen Leben gepflegt und bewahrt wurde", betont Peter Schurmann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Rahmenbedingungen. Sprachkurse wurden möglich. Bereits im Frühjahr 1947 richtete die Domowina in Crosta bei Bautzen eine Bildungsstätte ein, in der Sorben in ihrer Muttersprache qualifiziert wurden.

Im Februar 1951 wurde in Burg eine Sorbische Heimvolkshochschule eröffnet, die Kurse zur Sprache sowie zur Geschichte und Kultur der Lausitzer Sorben anbot. "Ende 1952", so Peter Schurmann, "bekräftigte der Domowina-Gebietsvorstand Niederlausitz seine Forderung, dauerhaft eine Sprachschule zum Erlernen der niedersorbischen Sprache im Bezirk Cottbus zu schaffen."

Nach der gesellschaftlichen Bedeutung der Sprachkurse gefragt, verweist der Historiker auf drei Aspekte:

Erstens leisteten diese Kurse nach dem Zweiten Weltkrieg einen wichtigen Beitrag zum Abbau des Analphabetentums in der niedersorbischen Muttersprache. Die Generation, die ab etwa 1900 in der Schule noch Wendischunterricht hatte, hat überwiegend nicht mehr wendisch lesen und schreiben gelernt. Das traf auch auf die Dichterin und Journalistin Mina Witkojc zu, die im Jahr 1899 in Burg zur Schule kam. 1923 übernahm die junge Wendin die Redaktion der Wochenzeitung Serbski Casnik. Zuvor hatte sie sich mit Hilfe obersorbischer Fachleute und im Selbststudium innerhalb kürzester Zeit dafür qualifiziert.

Zweitens machen Kurse die niedersorbische Sprache über den privaten Bereich hinaus sichtbar. Sie sind eine öffentliche Angelegenheit und steigern so das Prestige der Sprache. Was dazu führt, dass bei den Sorben/Wenden der Stolz auf die eigene Muttersprache wächst.

Einen dritten Aspekt beschreibt Peter Schurmann als "Nachdenken über die eigene sorbische/wendische Herkunft und Perspektive dieser Minderheitensprache" und den damit verbundenen "individuellen Lern- und Wandlungsprozess". Beispielhaft macht das die Entwicklung von Fritz Greschenz deutlich. Der gebürtige Eichower war im Mai 1945 als Verantwortlicher für das Schulwesen in der Stadt Cottbus eingesetzt worden. Während er anfangs eine Unterstützung der Sorben/Wenden ablehnte, trat Fritz Greschenz bereits im Jahr 1950 der Domowina bei und wurde Mitte der der 50er-Jahre selbst Dozent an der Zentralen Sorbischen Sprachschule Dissenchen.

Kursteilnehmer vor der Zentralen Sorbischen Sprachschule in einer ehemaligen Fabrikantenvilla in Dissenchen.
Kursteilnehmer vor der Zentralen Sorbischen Sprachschule in einer ehemaligen Fabrikantenvilla in Dissenchen. FOTO: Sorbisches Archiv Bautzen