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Mit dem Bauernbrot unterm Arm von Tieffliegern gejagt

Die zerstörte Sandower Brücke im Jahr 1945. Die Stadt wurde am 22. April von der Roten Armee eingenommen.
Die zerstörte Sandower Brücke im Jahr 1945. Die Stadt wurde am 22. April von der Roten Armee eingenommen. FOTO: Stadtarchiv Cottbus
Siewisch. Siegfried Nowka war 1945 zehn Jahre alt. Er lebte mit seiner Mutter und sechs Geschwistern am Bonnaskenplatz – bis zum Luftangriff am 15. Februar. Noch am selben Tag floh die Familie nach Siewisch. Doch Ende April stand auch das Dorf in Flammen.

Jeden Tag haben wir den Frontdonner gehört. Russische Tiefflieger kreisten über Siewisch, denn zwischenzeitlich wurde das Schloss des Gutsbesitzers von Köckritz als Truppenhauptverbandsplatz genutzt. Obwohl mit rotem Kreuz gekennzeichnet, wurden Aufklärungsflugzeuge der Russen immer häufiger. Wir hatten kein gutes Gefühl. Mutter schickte uns deshalb in die Wassermühle und Bäckerei nach Koschendorf, um so viel Brot zu holen, wie wir bekommen konnten. Reinhard, Hans und ich zogen bei hellem Sonnenschein los. Als wir nach drei bis vier Kilometern dort ankamen, gab es plötzlich Fliegeralarm. Wahrscheinlich bewegte das den Müllermeister dazu, uns großzügig Brot zu verkaufen. Wir liefen mit viel Angstgefühl in Richtung Siewisch zurück. Der Himmel war voller russischer Sturzkampfbomber und die ersten Rauchsäulen stiegen auf. Es hatte den Anschein, ganz Siewisch steht in Flammen. So war es auch.

Die Begleitflugzeuge für die Bomber hatten wahrscheinlich ihre Freude, uns über das freie Feld zu treiben und zu beschießen. Die Gesichter der Piloten nahm ich als Fratze wahr. Denn ich glaube, sie lachten uns aus. Ich fand Zuflucht unter einer Tanne und kroch bis zum Stamm. Ich drehte meinen Körper um den Stamm und meine Füße berührten wieder den Kopf. Die Turnhose war pitschnass. Ob ich eingemacht hatte oder es Angstschweiß war, weiß ich heute nicht mehr. Nachdem die Jagd auf uns nachließ, hatten wir alle drei noch unser großes Bauernbrot unterm Arm.

Als wir in Siewisch ankamen, kam uns die ganze Familie im Fließ watend entgegen. Es folgte eine neue Angriffswelle und so dicht, dass plötzlich alle im Fließ lagen. In der Hoffnung, das Omas Haus nicht getroffen ist, bewegten wir uns langsam in Richtung des Hauses. Opa Paul war allein im Haus geblieben. Er kannte keine Angst und sollte uns im Verlauf der Flucht ein kluger und lebensrettender Begleiter sein. Es ging raus aus Siewisch gen Westen.

Die Familie überlebte Flucht, Kriegsende und die ersten Monate der Besatzung auf dem Gutshof Laubst. Am 22. Juli 1945 kehrte die Mutter mit den Kindern in ihre unversehrte Wohnung nach Cottbus zurück. Heute ist Siegfried Nowka Urgroßvater.