Von René Wappler

Müllbeutel stehen auf dem Einkaufsplan, Katzenfutter und Geschirrspültabs. Wenn 13 Leute in einer Wohngemeinschaft leben, auf drei Etagen mit insgesamt 360 Quadratmetern, braucht es mitunter straffe Organisation. Deshalb prangt der Einkaufsplan an der Tafel in der Küche, aufgeschrieben mit Kreide.

Der größte Posten findet sich dort aber nicht. Wenn die Bewohner die Chance bekämen, würden sie das Haus in der Karlstraße dem Vermieter abkaufen. Drei von ihnen sitzen im benachbarten Wohnzimmer, bei Kaffee, Kuchen und Tee, und sie haben alles durchgerechnet. Der Sozialarbeiter Martin Wenzel sagt: „Wir hätten die 280 000 Euro für den Kaufpreis zusammenbekommen, unter anderem über Kredite, aber der Vermieter trägt sich wohl mit anderen Plänen.“

Deshalb sorgt sich die Wohngemeinschaft um ihre Zukunft. Seit dem Jahr 1992 besteht das Projekt, das sich als Verein eingetragen hat. „Karlstraße neunundzwanzig e.V.“ lautet sein offizieller Name. Die Bewohner organisieren gemeinsam das Karlstraßenfest, das in diesem Jahr am 8. Juni auf dem benachbarten Bonnaskenplatz stattfinden wird.

Sorge um höhere Miete

Nun steht der Karlstraße 29 ein Eigentümerwechsel bevor, wie die Mieter berichten. Sie fürchten, dass nach einer Sanierung die Miete deutlich steigen wird. Die Studentin Ricarda Budke gibt zu bedenken, dass sich die meisten Bewohner einen höheren Preis nicht langfristig leisten könnten.

Seit vier Jahren lebt Mareike Lang im Gebäude. „Mit einem Aus der Karlstraße 29 verlieren wir nicht nur unser zu Hause“, sagt sie. „Auch die Stadt Cottbus verliert damit einen Teil ihrer Kultur.“

An den bisherigen Besitzer, die Grund Union Immobilien GmbH, haben die Mieter einen Brief geschrieben. „Wie Sie wissen, fördern wir seit nunmehr fast 30 Jahren studentisches Wohnen und Leben, aber auch den Austausch im außeruniversitären Kontext in Cottbus“, heißt es darin. Durch einen Verkauf und die „jetzt schon mündlich angekündigte“ Verdopplung des Mietpreises werde dieses Projekt sterben, fürchten die Bewohner. „Seit Jahren sprachen wir Sie regelmäßig an und signalisierten den Wunsch zum Hauskauf“, teilen sie in ihrem Brief mit. „Dass nun jemand anderes den Zuschlag erhält, entsetzt uns erneut.“

Lebensmodell in Gefahr

Auf eine Anfrage der RUNDSCHAU reagierte die Grund Immobilien GmbH nicht. Nach den Informationen der Wohngemeinschaft wird das Haus in das Eigentum der Lifestyle Immobilien GmbH aus Berlin wechseln. Die Mieter sehen damit ein Lebensmodell in Gefahr.

Denn wie Martin Wenzel berichtet, fanden sich im Jahr 1992 Studierende und Professoren aus Cottbus zusammen, um die Wohnkultur in der Stadt zu erhalten. Als ein „solidarisches Miteinander“ beschreibt der Mieter den Alltag im Haus. Neben den 13 Bewohnern beherbergt es zwei Katzen und einen Hund. Wie in einer großen Familie kochen die Mitglieder gemeinsam. Im Wohnzimmer treffen sie sich regelmäßig, um miteinander Filme und Serien wie den Tatort zu schauen. Fast nebenbei erfahren sie dabei auch, wie verschiedene politische Ansichten unter einem Dach nebeneinander existieren können. Mitunter fahren sie gemeinsam in den Skiurlaub.

Institution für die Stadt

Das erste Karlstraßenfest organisierten die Bewohner im Jahr 2008. Nach einer längeren Pause belebten sie es wieder. Inzwischen gilt es über den Stadtteil hinaus als eine feste Institution für viele Cottbuser.

Mehrere Generationen von Studierenden haben inzwischen in der Wohngemeinschaft gelebt. Manche zogen später aus, andere kehrten wieder. Nette von Nordheim blieb bis heute. Sie stammt aus Zella-Mehlis in Thüringen, kam für eine Ausbildung zur Maskenbildnerin nach Cottbus und arbeitet am Staatstheater. „Ich könnte mir gar nicht mehr vorstellen, woanders zu wohnen“, sagt sie im Gespräch mit den anderen Mietern, als sie hinaus in den Hof gehen, vorbei an der kleinen Werkstatt zu den Stühlen im Gras, unter den Bäumen.

An einer Wäscheleine hängen Stofftüten, aufgereiht zum Trocknen. Sie tragen den Schriftzug des Karlstraßenfestes.