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Begegnungen am Bahnhof
Im Club der einsamen Herzen

Andrea Hilscher
Andrea Hilscher FOTO: Sebastian Schubert / LR
Von Andrea Hilscher

Es ist eine verschworene Gemeinschaft, fast schon ein Geheimbund, der sich da gebildet hat. Menschen fast jeden Alters sind Mitglied in diesem exklusiven Club: Rentner und Hausfrauen, Familienväter, Ehemänner, Studenten, ja sogar ganz kleine Kinder. Einen Namen hat der Club nicht, er braucht keine Satzung und keinen Präsidenten. Wer dazugehören will, zahlt seinen Mitgliedsbeitrag in einer exklusiven Währung – wochenweise mit einer gehörigen Portion Sehnsucht. Sehnsucht nach dem Ehepartner, der Freundin, nach erwachsenen Kindern, die irgendwo in der Fremde arbeiten oder studieren. Diese Sehnsuchtsmenschen kommen zum Glück regelmäßig zurück nach Cottbus – und werden von den Mitgliedern des „Clubs der einsamen Herzen“ treu an jedem Freitagabend am Cottbuser Hauptbahnhof erwartet. So gegen 19 Uhr kommen sie an, die ersten Pendlerzüge aus Berlin, Leipzig oder Dresden, und schon lange vor der Ankunftszeit sammeln sich die Clubmitglieder in der Bahnhofsvorhalle. Sie kennen sich längst, nicken sich zu und zählen die Minuten, bis sie endlich ihre Liebsten in der Bahnhofshalle entdecken – der schönste Moment der Woche ist da. Glück pur. Bis zum Sonntag. Dem nächsten, nicht ganz so schönen Clubtreffen. Meist so gegen 17 Uhr. Wenn die Pendler wieder abreisen müssen nach Berlin, Leipzig oder anderswo.