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Meine Modelle müssen leben

„Sorbischer Brauch“ im Wendischen Museum: Die Malerin Irmgard Kuhlee (r.) und Undine Janetzky.
„Sorbischer Brauch“ im Wendischen Museum: Die Malerin Irmgard Kuhlee (r.) und Undine Janetzky. FOTO: H.-Jürgen Hennig
Beide wollten schon als Kind Malerin werden. Weil sie daran gehindert wurden, haben sie nach der Schule etwas anderes gelernt. Irmgard Kuhlee wurde Fotografin, Undine Janetzky wurde Bauingenieurin und hat vor kurzem zur Gesundheitsberaterin umgeschult. Doch der Traum ist geblieben. Die Ältere hat ihn wahr gemacht. Mit 50 Jahren begann sie ein Abendstudium an der Hochschule für bildende Künste Dresden. Seit 1980 lebt die 78-Jährige als freischaffende Künstlerin in Spremberg. Sie hat das Bild des Monats gemalt, das derzeit im Wendischen Museum gezeigt wird. Von Ulrike Elsner

„Sorbischer Brauch“ , ist der Titel des Ölgemäldes. Entstanden ist es vor fast 30 Jahren im „Zirkel Künstlerische Handarbeiten des Schulkombinates Radeweise bei Spremberg“ und zeigt drei etwa zwölfjährige Mädchen: Elke Laurisch, jetzt Förster, Cornelia Dokter, jetzt Donath, und im Bildmittelpunkt: Undine Grätz, jetzt Janetzky. „Ich hatte ungeheures Glück, dass ich bei Frau Kuhlee lernen durfte“ , sagt die 40-Jährige, die zusammen mit der Malerin ins Museum in der Mühlenstraße gekommen ist. „Wir haben Eier bemalt, gestickt und Volkstanz gemacht.“ Das erste bestickte Deckchen, das damals unter Irmgard Kuhlees Anleitung entstand, hat die vierfache Mutter wie einen Schatz aufbewahrt. Und sie hat die sorbische/wendische Tradition an ihre Kinder weitergegeben. Die heute 17-jährige Tochter Theresa hat schon als 14-Jährige beim Ostereier-Verzieren wahre Kunstwerke geschaffen.
An den Zirkel damals in Radeweise erinnert sich Undine Janetzky gern. „Wir haben auch Kuchen gebacken und gekocht. Und ein-, zweimal im Jahr gab es eine große Ausfahrt.“ Die führte mal in den Spreewald, mal sogar nach Berlin, wo die jungen Sorbinnen auf dem Alexanderplatz ihre Trachten gezeigt und Eier bemalt haben. Und weil ihnen die großen Ferien ohne Handarbeits-Zirkel zu lang wurden, sind sie im Sommer „manchmal sticken gefahren“ zum Haus am See in Groß Buckow, das heute zu Spremberg gehört und wo Irmgard Kuhlee seit 1938 lebt.
Doch nicht nur für Undine und ihre Freundinnen wurde der Zirkel unverzichtbar. „Die Kinder wussten gar nicht, wie viel Kraft sie mir gegeben haben“ , sagt die Malerin, die durch die Krankheit ihres Mannes viel Kummer erlebt hat.
Als der Mann starb, war sie beinahe 50 und hat „ein völlig neues Leben begonnen“ . Seitdem ist Irmgard Kuhlee vor allem Malerin. Auch vorher hat sie schon aus dem Malen Kraft geschöpft. Doch nun wurden ihre Farben heller. Das Studium gab zusätzliches Selbstvertrauen. Nie habe sie etwas von anderen übernommen, stets vor allem aus sich selbst geschöpft. „Meine Modelle müssen leben“ , bekennt die Malerin, und fügt hinzu: „Durchschauen möcht' ich sie.“ . So nehmen auch die Porträts einen großen Platz in ihrem Schaffen ein. Vor allem Sorben hat Irmgard Kuhlee gemalt, darunter eine Reihe sorbischer Komponisten.
Und sie hat das Voranschreiten der Tagebaue und die damit verbundenen Veränderungen in der Landschaft als einschneidende Ereignisse vor allem für die sorbische Bevölkerung der Region wahrgenommen. Zwar blieb das etwas abseits liegende Kuhleesche Gehöft verschont, doch ihr Dorf Groß Buckow wurde abgebaggert. Drei Jahre hat Irmgard Kuhlee mit dem Textilzirkel Schwarze Pumpe an dem Großen Tagebauteppich gearbeitet. Der zeigt Berge, Sand und Tagebaugerät in Nadelmalerei. Zu sehen ist das ungewöhnliche Werk bei den Städtischen Werken in Spremberg.
Christina Kliem, Kuratorin des Wendischen Museums, schätzt an Irmgard Kuhlees Bildern vor allem „das Lebendige“ . Eines ihrer Werke, „Die Heidemusikanten“ , begrüßen die Besucher im Eingangsbereich des Wendischen Museums. „Sie ist eine namhafte Repräsentantin der sorbischen Volkskultur“ , sagt Christina Kliem. Viele Cottbuser werden sich an die Frau erinnern, die jahrzehntelang bei Märkten und Volksfesten präsent war - meist mit dem Zeichenstift oder dem Pinsel auf der Suche nach interessanten Menschen.
Nach der Wende hat Irmgard Kuhlee die größer gewordene Welt erkundet. Mit ihrem Trabi hat sie sich 1990 auf eine 36-stündige Fahrt zum Bodensee begeben, um den Leuten sorbische Traditionen nahe zu bringen und um zu malen. Eines der dort entstandenen Porträts sei gar bis nach Amerika gekommen, erzählt die 78-Jährige stolz.
Trotz ihres hohen Alters, das auch gesundheitliche Einschränkungen mit sich bringt, denkt Irmgard Kuhlee nicht daran, mit dem Malen aufzuhören. „Bei mir steht noch viel Angefangenes“ , erzählt sie. Das müsse zu Ende gebracht werden bis 2007. Dann wird Irmgard Kuhlee 80. Und wie könnte eine Malerin einen solchen Geburtstag besser feiern als mit einer Ausstellung .

Service Öffnungszeiten des Wendischen Museums
  Das Wendische Museum, Mühlenstraße, ist dienstags bis freitags 8.30 bis 18 Uhr, samstags, sonntags und feiertags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.