Von Andrea Hilscher

Marianne Spring-Räumschüssel hat Glück gehabt. In ihrem Cottbuser Wahlkreis kämpften gleich drei gestandenen Landespolitiker um eines der begehrten Direktmandate. Matthias Loehr (Linke), Michael Schierack (CDU) und Martina Münch (SPD) holten bei der Wahl am 1. September zusammen 14 800 Stimmen. Diese Stimmen aber verteilten sich so gleichmäßig auf die drei Bewerber, dass es am Ende für keinen von ihnen reichte: Marianne Spring-Räumschüssel dagegen holte aus dem Stand über 6000 Erststimmen und zog damit in den Landtag ein.

Am 25. September wird sie ihren 73. Geburtstag gefeiert haben und als Alterspräsidentin die konstituierende Sitzung des Landtags eröffnen. Wofür die Frau aus Cottbus politisch steht, ist für viele Beobachter noch diffus. Sie selbst sagt, es sei eine große Ehre für sie, diese Funktion zu übernehmen, gleich darauf fügt sie an: „Damit beerbe ich Alexander Gauland, der vor fünf Jahren Alterspräsident war.“

Eigentlich hätte der studierten Ingenieur-Ökonomin bereits nach der Kommunalwahl in Cottbus das Amt der Stadtverordnetenvorsteherin zugestanden, die AfD war im Mai stärkste Kraft im Stadtparlament geworden. Sie verzichtete: Wegen der zu erwartenden Doppelbelastung als Landes- und Kommunalpolitikerin. Und weil sie sich mögliche Niederlagen in zähen Wahlgängen ersparen wollte.

Als Alterspräsidentin muss sie nicht gewählt werden, ihr Geburtsdatum reicht. Was genau ihre Aufgabe am 25. sein wird, weiß sie selbst noch nicht. „Ich kenne die Potsdamer Routinen noch nicht.“ Sie erwarte einen respektvollen Umgang miteinander, mit Zwischenfällen oder der Notwendigkeit von Ordnungsrufen rechnet sie nicht. Dabei muss sie sich auch in den eigenen Reihen erst mal gegen eine mächtige Männerriege durchsetzen: Der Brandenburger Landesverband unter Leitung von Andreas Kalbitz positioniert sich selbst für AfD-Verhältnisse ungewöhnlich weit rechts außen, viele Protagonisten pflegen Kontakte ins rechtsextreme Milieu.

Marianne Spring-Räumschüssel sieht das gelassen. „Jede Partei hat zwei Flügel, wir eben auch.“ Sich selbst rechnet sie zu einer „alternativen Mitte“ und folgt damit den Bestrebungen der Bundespartei, sich einen bürgerlich-konservativen Anstrich zu geben. Von den zum Teil menschenverachtenden und rassistischen Positionen ihrer Brandenburger Parteifreunde distanziert sie sich nicht.

Die Frau aus Cottbus hat eine bewegte politische Vergangenheit hinter sich. Bereits zu DDR-Zeiten engagierte sie sich „gesellschaftlich“, wie sie sagt. „Deshalb habe ich auch nur einen Sohn bekommen. Ich bin nicht so eine super-Hausfrau, mit mehr Kindern hätte ich vieles nicht mehr auf die Reihe bekommen.“

Nach der Wende war sie in der CDU aktiv, wechselte dann zur FDP. „Als die mich wegen meines Alters – ich war damals 56 – nicht mehr aufstellen wollten, bin ich wutentbrannt ausgetreten.“ Über eine Frauenliste zog sie dann ins Stadtparlament. Eine neue politische Heimat fand sie dann mit der noch jungen AfD, in die sie bereits 2013 kurz nach der Parteigründung eintrat. „Das Eurokritische hat mir gefallen, das gehört bis heute zu meinen zentralen Themen.“

In Cottbus gilt sie als Sachpolitikerin, Haushalt- und Finanzen sind ihre Steckenpferde. Sie selbst beschreibt sich als lösungsorientiert und unaufgeregt in der Sache. Das aber hindert sie nicht daran, auf Demonstrationen des von Zukunft Heimat aufzutreten, die regelmäßig von Rechtsextremen und gewaltbereiten Hooligans besucht werden.

Auch im Bürgertreff „Die Mühle“ in Cottbus ist sie immer wieder zu Gast. Dass die Cottbuser Anhänger der Identitären Bewegung IB dort ein und aus gehen, die Betreiberin Melanie Kreißl deren bei Aktionen aktiv ist, stört Spring-Räumschüssel nicht. Immer wieder betont sie, auch in Hinblick auf den rechten Flügel in ihrer Partei: „Ich rede mit allen, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen.“ Genau das aber tun die Anhänger der IB nicht. Die Bewegung ist laut Verfassungsschutz durch „gesichert rechtsextremistische Bestrebung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ geprägt.

Berührungsängste kennt die Cottbuserin nicht, sie zeigt sich bei Parteiveranstaltungen gern mit Männern wie Petr Bystron, der mehrfach im Verfassungsschutzbericht auftaucht, wegen seiner Nähe zur IB und einer Vorliebe für das Vokabular der Rechtsextremen. Auch mit dem Vordenker der sogenannten Neuen Rechten Jürgen Elsässer saß sie in Cottbus zusammen auf einem Podium. Als dort Sätze fielen wie „Wir sind im Schicksalskampf mit dem Islam, da gibt es keinen Dialog, da gibt es Kampf“, dann brandet im Saal Beifall auf. Marianne Spring-Räumschüssel distanziert sich von solchen Sätzen nicht.

Angriffe gegen ihre eigene Person dagegen treffen sie tief. Im Rahmen eines Frauenstammtisches klagte sie über Beleidigungen und Aggressionen des politischen Gegners. Als in Cottbus eines ihrer Wahlplakate, dass sie mit zwei Boxhandschuhen zeigt, zeigt sie die Urheber wegen Verleumdung an.

Momentan wird ihr Zorn überdeckt durch die Euphorie des Wahlerfolges – 15 Direktmandate für die AfD im Landtag. Die Cottbuserin will sich dort mit ihren Spezialthemen Finanzen und Haushalt profilieren. „Bei Dingen, von denen ich nichts verstehe, halte ich mich zurück. Ein Stadtkind sei sie, ihren Kopf halte sie mit dem Lesen schwieriger Sachbücher fit. „Deshalb bin ich relativ faktensicher“, sagt sie stolz. Seit sie vor einigen Jahren verwitwet ist, lebt sie allein, der enge Kontakt zu Sohn und Enkeltochter schenkt ir Kraft. „Mein Sohn unternimmt regelmäßig Fernreisen mit mir, wir waren gemeinsam in der Dom Rep.“ Dieses Jahr habe es wegen der vielen Wahlkampftermine nur für einen Kurztrip nach Spanien gereicht, im nächsten Jahr ist Singapur dran. „Asien beeindruckt mich, vor den Chinesen müssen wir aufpassen, die sind top aufgestellt.“