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| 19:32 Uhr

Mangelwirtschaft und Aufbruchstimmung

Die heutige Fassade des AHC an der Paul-Greifzu-Straße. In den rückwärtigen Gebäuden verbergen sich riesige Werkstätten.
Die heutige Fassade des AHC an der Paul-Greifzu-Straße. In den rückwärtigen Gebäuden verbergen sich riesige Werkstätten. FOTO: mih/1
Seit Jahrzenten steht das markante weiße Gebäude an der Paul-Greifzu-Straße in Cottbus. Seit 60 Jahren werden hier Autos und Lkw repariert und verkauft. Eine Firmengeschichte, die deutsch-deutsche Entwicklungen abbildet. Andrea Hilscher

Cottbus. Hagen Ridzkowski ist 53 Jahre alt, und immerhin 37 Jahre davon haben sich zu einem großen Teil in den Räumen des heutigen Autohauses Cottbus AHC abgespielt. "Wenn diese Mauern sprechen könnten, würden sie spannende Geschichten erzählen können", so der Firmenchef.

1976 begann der junge Ridzkowski seine Lehre im damaligen Kraftfahrzeug-Instandsetzungbetrieb KIB. "Als ich mich zum ersten Mal in der Kantine hingesetzt habe, wurde ich sofort angebrüllt. Ein Meister war's, der mich anging. Seit 30 Jahren würde er auf demselben Platz sitzen. Genau auf dem, den ich beansprucht hatte . . ." Eine Denkweise, die sich der junge Lehrling einprägte, obwohl sie so gar nicht zu dem passte, was er von einem Betrieb erwartete.

Schnell musste sich der Autofan mit dem Thema "Mangelwirtschaft" auseinandersetzen. "Ich weiß, wie viele Leute sich damals über den KIB geärgert haben", erinnert sich Ridzkowski heute. "Aber kaum einer konnte sich vorstellen, wie knapp wir mit Ersatzteilen waren."

Für den KIB mit allen seinen Zweigstellen gab es einmal eine Zuteilung von nur fünf Kopfdichtungen. "Eine war für die Partei, eine ging privat weg, da blieben für uns nur drei. Logisch, dass wir damit nicht weit kommen konnten."

Dienstleistung war ein Gedanke, der sich kaum umsetzen ließ unter den damaligen Rahmenbedingungen, trotzdem sagt der AHC-Chef, dass er mit seinem persönlichen Wertesystem vor der Wende genauso arbeiten konnte wie danach. "Ich habe mich dem Haus immer verpflichtet gefühlt, damals wie heute."

Einem Mann hat er dabei besonders viel zu verdanken: Joachim Braack, der ihn durch die Lehre brachte und ihn förderte, bis er schließlich selbst in der Hierarchie unter seinem früheren Lehrling stand. "Braack besaß und besetzt eine schier unglaubliche Disziplin", sagt Hagen Ridzkowski. Er ist traurig, dass Braack aus gesundheitlichen nicht an der 60-Jahr-Feier des Autohauses teilnehmen kann. Am heutigen Samstag sind Kunden, Freunde, frühere und heutige Mitarbeiter ins Staatstheater eingeladen, um den runden Geburtstag stilvoll zu feiern. "Zum 50. waren wir alle noch nicht so weit, mit unserer Geschichte in die Offensive zu gehen", so Ridzkowski. "Für uns selbst war es zu früh, für Mercedes, die Gesellschaft insgesamt."

Wie das Unternehmen bei der 70-Jahr-Feier aufgestellt sein wird, lässt Ridzkowski offen. "Es ist jetzt eine gute Zeit, sich zu stabilisieren. Mit Mercedes haben wir einen Partner, mit dem sich ausgesprochen gut zusammenarbeiten lässt." Und was die Zukunft bringt? "Wir warten erstmal in Ruhe ab."

1953 gründeten 16 Mitarbeiter des ehemaligen Betriebes Liebeck in der Sielower Landstraße den volkseigenen Kraftverkehrs- und Reparaturbetrieb der Stadt Cottbus. Schon drei Jahre später erforderte die stürmische Entwicklung auf dem Automobilmarkt eine Weiterentwicklung: die Gründung eines juristisch selbstständigen Kraftfahrzeug-Instandsetzungbetriebes KIB mit damals 123 Mitarbeitern.

Erich Jägert, der erste Betriebsdirektor des KIB entwickelte die Idee für einen modernen Instandsetzungsbetrieb, bei dem ein zentrales Materiallager umgeben sein sollte von allen Gewerken und Arbeitsplätzen. 1958 nahm das neue Instandsetzungswerk seinen Betrieb auf.

Wurden anfangs noch Lkw und Pkw in Cottbus instand gesetzt, spezialisierten sich die Mitarbeiter ab 1982 auf den Pkw-Bereich. In Spitzenzeiten arbeiteten inzwischen 240 Mitarbeiter beim KIB.

1989 wird Hagen Ridzkowski im Alter von nur 29 Jahren Betriebsleiter des KIB.

1990 wurde das Autohaus Mercedes-Partner in der Region.

Am 7. Februar 1991 unterschrieb Hagen Ridzkowski gemeinsam mit den Gesellschaftern Joachim Braack und Gerd Schreiter bei der Treuhand den Privatisierungsvertrag. Die einstige VEB-Zweigstelle des KIB wurde fortan als Mercedes-Autohaus in die Marktwirtschaft überführt.

1993 nahm in Spremberg der erste Verkaufsstützpunkt seinen Betrieb auf, wenig später ging in Guben die zweite Außenstelle an den Start. In den Folgejahren kamen Finsterwalde, Luckau und Lübben und Herzberg dazu.

Heute arbeiten rund 190 Mitarbeiter an sechs Standorten in Südbrandenburg. Das AHC Cottbus ist der letzte reine Ostpartner von Mercedes mit reinem Ostmanagement.