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| 18:53 Uhr

Serie der RUNDSCHAU-Volontäre
„Liebe ist immer noch mehr“

Die Grabplatte von Fredehelm von Cottbus († 1307) zeigt dessen Liebe zu seiner Frau Adelheid von Colditz. Das Besondere: Die beiden sind umarmt und auf Augenhöhe abgebildet. Vor diesem Hintergrund findet in der Klosterkirche Cottbus jedes Jahr ein Segnungsgottesdienst für Paare am Valentinstag statt.
Die Grabplatte von Fredehelm von Cottbus († 1307) zeigt dessen Liebe zu seiner Frau Adelheid von Colditz. Das Besondere: Die beiden sind umarmt und auf Augenhöhe abgebildet. Vor diesem Hintergrund findet in der Klosterkirche Cottbus jedes Jahr ein Segnungsgottesdienst für Paare am Valentinstag statt. FOTO: Klaus Gärtner
„Irgendwas mit Liebe“ ist der Titel der Serie der RUNDSCHAU-Volontäre. Ausgefallen, konservativ, anders? Facetten der Liebe stehen im Fokus. Für den siebten Teil hat Stephan Meyer mit Pfarrerin Ulrike Menzel über Liebe im christlichen Glauben gesprochen. Von Stephan Meyer

Frau Menzel, welche Rolle spielt die Liebe im Christentum?

Liebe ist das Kernthema, um das sich im Christentum alles andere rankt. Christen gehen davon aus, dass Gott jeden Menschen liebt. Gottesliebe und Menschenliebe gehören zusammen. Das sagt das Dreifachgebot der Liebe, das Jesus Christus aus jüdischen Geboten zusammengestellt hat: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Liebe kann aber auch Verletzungen zufügen. Deswegen ist es gut, dass wir nicht uns selbst überlassen, sondern in Gottes Liebe eingebunden sind. Wer sich geliebt weiß, kann sich anderen zuwenden. Wer sich selbst nicht leiden kann, dem muss es schwer fallen, sich in andere einzufühlen.

Die Pfarrerin Ulrike Menzel ist Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Cottbus.
Die Pfarrerin Ulrike Menzel ist Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Cottbus. FOTO: privat

Heißt das, der Mensch braucht Selbstvertrauen, um zu lieben?

Ja, auch als Christ kann ich Selbstvertrauen haben. Nicht weil ich selbst großartig bin, sondern weil ich weiß, dass Gott mich mit Liebe ansieht. Auch wenn ich versage, wenn ich scheitere, weiß ich trotzdem, Gott steht zu mir. Diese Gewissheit gibt Kraft, sich auch Menschen zuzuwenden, mit denen andere nichts zu tun haben wollen oder die von anderen abgeschrieben werden. Das christliche Verständnis von Liebe hilft Grundeinsichten wiederzugewinnen, die Leben und Liebe menschlich machen. Liebe scheint heute manchmal zum Leistungssport geworden zu sein. Da gibt es so viele Ratgeber, die sagen, was man alles beachten muss. Dabei ist Liebe erstmal vor allem ein Geschenk. Klar kann man beschreiben, was da biologisch passiert. Aber Liebe geht nicht darin auf, was Biologie, Gehirnforschung oder Psychologie über die Liebe herausgefunden haben. Liebe ist immer noch mehr. Es ist einfach schön, wenn mir Liebe zufällt. Dafür kann ich dankbar sein und mich daran freuen. Dankbar zu sein und Liebe nicht selbstverständlich zu nehmen, ist die beste Grundlage dafür, dass Liebe bleiben, wachsen und sich immer wieder erneuern kann.

Das bedeutet, Beziehungen müssen gepflegt werden?

Ja, aber nicht nur die sympathischen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ bedeutet christlich verstanden auch „Liebe deinen Feind“. Das heißt: Liebe auch die, die dir zusetzen, mit denen du nichts zu tun haben willst, an denen du dich reibst. Gott hat alle Menschen geschaffen. Auch die, mit denen ich es schwer habe, sind von der Liebe Gottes umgeben und haben das gleiche Lebensrecht wie ich. Auf diesem Hintergrund kann ich anderen deutlich sagen, was ich an ihren Auffassungen oder Lebensweisen falsch finde, und sie trotzdem als Menschen achten.

Damit meinen Sie einen respektvollen Umgang miteinander?

Ja, jeder Mensch ist ein geliebtes Geschöpf Gottes. Das kann ich für mich selbst nur in Anspruch nehmen, wenn ich das anderen nicht abspreche. Diese christliche Perspektive finde ich gesellschaftlich gegenwärtig wichtiger denn je.

Sprechen Sie damit den fremdenfeindlichen Ton gegenüber Flüchtlingen an, der zum Teil in der Asyldebatte angeschlagen wird?

Ja, und wenn dieser Ton im Namen der Verteidigung des christlichen Abendlandes angeschlagen wird, wird das Christentum missbraucht.

Wie wichtig ist das Ritual der Hochzeit im Bezug auf das christliche Verständnis von Liebe?

Die kirchliche Trauung ist das Zeichen, dass wir mit unserer Liebe nicht allein sind. Diese Einbettung trägt auch in Krisen. So weiß ich: Der andere ist mir anvertraut, ich bin dem anderen anvertraut. Das kann sich ein ganzes Leben lang bewähren. Das Eheversprechen hindert daran, leichtfertig zu fliehen, wenn es schwierig wird. Es hilft immer wieder neu zu entdecken, warum Gott uns zusammengebracht hat. Es ist schön, dass wir einander haben und füreinander bestimmt sind. Das Gefühl kann mal stärker, mal schwächer sein. Der äußere Rahmen der kirchlichen Trauung, das öffentliche Ja zueinander für das ganze Leben und der Segen Gottes bestehen unabhängig von allen Gefühlsschwankungen.

„Füreinander bestimmt sein“, „von Gott zusammengefügt sein“ – gibt es dem Christentum zufolge nur den einen richtigen Partner für uns? Sind wir dahingehend unserem Schicksal ausgeliefert?

Nein, ich fühle mich nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert. Gott hat mir Freiheit gegeben, Dinge zu gestalten. In dieser Freiheit kann ich auf Menschen zugehen und ausprobieren, was passt. Dabei hilft die Verbundenheit mit Gott. In dieser Verbundenheit kann ich immer wieder mal einen Schritt zurücktreten und kritisch fragen, ob das gut ist, was ich tue oder wie wir gemeinsam leben. Ich sehe auch Beziehungen, die an ihre Grenzen kommen. Da kann es barmherziger sein, die Beziehung im gemeinsamen Ringen zu lösen als sich miteinander aufzureiben.

Wie hat sich die Auffassung von Liebe im Christentum gewandelt? Gerade beim Thema Sexualität scheint die Kirche für Außenstehende eine konservative Ansicht zu verfolgen.

Das Leben verändert sich ständig. Daher haben sich die Ausprägungen des Christentums ebenfalls immer gewandelt. Durch die Jahrhunderte gab es unterschiedliche Schwerpunktsetzungen. Die altgriechische Philosophie unterschied bei Liebe zwischen „Eros“ und „Agape“. „Eros“ ist die leidenschaftliche, körperliche Liebe, „Agape“ die Liebe in bewusster, verlässlicher Sympathie und Entscheidung füreinander. In der Kirchengeschichte, wie auch in der Philosophie, gab es Zeiten, in denen die körperliche Liebe abgewertet und Sexualität als Sünde verteufelt wurde. In der Bibel gibt es alle Formen von Liebe nebeneinander. Nehmen wir das Hohelied der Liebe Salomos, das sind hoch erotische Liebesgedichte. Solche biblischen Texte haben dazu beigetragen, dass Christen heute Sexualität als gute Gabe Gottes verstehen, in der Menschen sich einander ganz hingeben.

Gibt es Unterschiede in der Auffassung von Liebesdingen zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche?

Katholische und evangelische Christen lesen die eine Bibel. Natürlich gibt es Unterschiede in der Auslegung, aber in den grundlegenden Dingen wie der Achtung allen Lebens und der Verbindlichkeit der Ehe sind wir uns einig. In der katholischen Kirche ist die Ehe ein Sakrament und kann nur einmal gespendet werden. Die kirchliche Trauung ist im evangelischen Verständnis ein Segnungsgottesdienst anlässlich der Eheschließung vor dem Standesamt. Da Menschen auch scheitern können und immer wieder neu auf den Segen Gottes angewiesen sind, können Geschiedene in der evangelischen Kirche kirchlich getraut werden, wenn sie eine neue Ehe unter den Segen Gottes stellen wollen.

Welche Bräuche, Feste und Symbole sind im Christentum der Liebe gewidmet?

Das kirchliche Ritual der Liebe ist die Trauung. Ebenfalls wohltuend sind Gottesdienste zur silbernen, goldenen, diamantenen Hochzeit. In Cottbus gibt es seit 2008 den Segnungsgottesdienst zum Valentinstag in der Klosterkirche. Dazu sind alle eingeladen, die partnerschaftlich unterwegs sind. Auch in Sonntagsgottesdiensten kommt die Liebe in Predigten und Liedern immer wieder vor. In den Fürbittgebeten bitten wir für Familien, Ehepartner und das Zusammenleben insgesamt.

Geht eine Heirat, eine Ehe auch ohne die Bindung an Gott?

Klar. Ich kenne Beziehungen, in denen Christen verlässlich zusammenleben, auch ohne kirchlich getraut zu sein. Und ich kenne Menschen ohne religiöse Bindung, die eine für mich vorbildliche Ehe führen. Aber sich in der Liebe Gottes geborgen zu wissen tut gut. Es macht frei, einander in der Partnerschaft nicht zu viel aufzubürden. Gott nimmt mich an, wie ich bin. Deswegen muss ich mich nicht selbst rechtfertigen und anderen die Schuld für Dinge zuschieben, die ich selbst zu verantworten habe. Ich kann Fehler zugeben und um Vergebung bitten. Ich muss vom anderen nicht mein Glück erwarten, sondern kann mich an dem freuen, was uns gemeinsam gegeben ist und trägt. Diese wohltuende Erfahrung wünsche ich allen Menschen.

Mit Ulrike Menzel
sprach Stephan Meyer