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| 14:48 Uhr

Serie der RUNDSCHAU-Volontäre
Liebe hat auch Grenzen

Verbotene Liebe.
Verbotene Liebe. FOTO: AveNa/Shutterstock.com
„Irgendwas mit Liebe“ ist der Titel der Serie der RUNDSCHAU-Volontäre. Ausgefallen, konservativ, anders? Facetten der Liebe stehen im Fokus. Doch nicht jede Form der Liebe ist erwünscht, manche gar verboten. Für den sechsten Teil hat Daniel Friedrich mit Hannes Ulrich gesprochen. Er ist Sexualtherapeut an der Berliner Charité und beschäftigt sich insbesondere mit der Prävention sexuellen Missbrauchs. Von Daniel Friedrich

Herr Ulrich, alle Welt spricht über die Liebe. Was ist denn Liebe aus wissenschaftlicher Sicht?

Ulrich Wissenschaftler arbeiten gerne mit Zahlen. Da Liebe aber nicht messbar ist, ist es schwer, den Begriff zu definieren. Hinzu kommt, dass jeder Mensch etwas anderes darunter versteht. Ein Aspekt der Liebe ist zum Beispiel die Sexualität. Dazu zählen die Themen Fortpflanzung und Lust.

Was dabei oft vergessen wird, obwohl es ebenso wichtig ist, ist die Beziehungsdimension. Also Dinge wie soziale Anerkennung, Sicherheit, Partnerbindung, Verständnis füreinander. Sie merken schon, Liebe ist ein sehr komplexes Konstrukt – ein Cocktail aus Gefühlen, Werten, gesellschaftlichen Normen und Erwartungen.

Liebe ist ja grundsätzlich etwas Positives. Warum ist manche Liebe trotzdem verboten?

Ulrich In unseren Breiten kann man sagen: Liebe ist immer erlaubt, solange kein Mensch dabei zu Schaden kommt. Die Gedanken sind bekanntlich frei. Das heißt, Liebes-Fantasien, die sich im Kopf abspielen, kann niemand beschränken oder verbieten, weil sie niemandem schaden.

Anders ist es mit der Verhaltensebene: Geht von einer Person eine reale Selbst- oder Fremdgefährdung aus, dann sprechen wir von einer Störung des sexuellen Verhaltens. Dazu zählen strafbare Handlungen wie beispielsweise sexuelle Belästigung, pädosexuelle Handlungen oder Exhibitionismus. Problematisch ist auch ein Leidensdruck, der beispielsweise entstehen kann, wenn man auf legalem Wege seine Sexualität nicht ausleben kann.

Und wer legt übrigens fest, wo die Grenzen zu strafbarem Verhalten liegen?

Ulrich Letztendlich ist es Sache der Gesellschaft, auszumachen, wo die Grenzen für verbotenes und somit strafbares Verhalten liegen. Wir sehen das sehr deutlich an der Rechtslage von Homosexuellen.

Während in Deutschland die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet wurde, stehen homosexuelle Handlungen andernorts unter hoher Strafe.

Manchmal hängt es auch von der Absicht der Handlung ab, ob wir Liebe gut heißen oder nicht.

Ulrich Richtig. Wenn zum Beispiel ein Vater sein Kind liebkost, es in den Arm nimmt und einen Kuss gibt, dann ist das vollkommen in Ordnung.

Tut er es aber, um sich dabei sexuell zu erregen, dann ist das verwerflich (Dissexualität). Es kommt also auch auf die Motivation an. Außerdem unterscheiden wir zwischen Neigungshandlung und Ersatzhandlung. Denn nicht jeder, der Kinder missbraucht, ist pädophil. Es gibt Menschen – im Übrigen auch Frauen –, die wollen mit ihrem Verhalten ersatzweise ihre Grundbedürfnisse befriedigen oder zum Beispiel eine gewisse Macht ausüben.

Wie entstehen sexuelle Vorlieben, mithin sexuelle Störungen?

­Ulrich An der Charité nutzen wir zur Erklärung der sexuellen Wünsche und Vorlieben (Präferenz) das „biopsychosoziale Entstehungsmodell“. Es besagt, dass sich die sexuelle Präferenz unter Einfluss dreierlei Faktoren entwickelt: aus den Genen (bio), aus dem eigenen Verhalten und dem Erleben (psycho) sowie aus der Erziehung und Kultur (sozial).

In der Regel ist die Entwicklung der sexuellen Vorlieben mit dem Ende der Pubertät abgeschlossen und verändert sich im Laufe des Lebens nicht mehr. Wichtig ist, dass sich Menschen nicht bewusst für oder gegen eine sexuelle Präferenz entscheiden.

Vielmehr handelt es sich um einen Entwicklungsprozess, bei dem Menschen schrittweise erkennen, was sie als sexuell ansprechend empfinden. Sie haben also nicht „die Wahl“, aber sind letztlich für ihr Verhalten verantwortlich.

Wie viele Menschen in Deutschland haben ein gestörtes sexuelles Verhalten?

Ulrich Dazu gibt es kaum belastbare Zahlen. Nach vorsichtigen Schätzungen gehen wir davon aus, dass mindestens zehn Prozent der deutschen Bevölkerung sexuelle Gewalt, zumeist im Kindesalter, erlebt haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Menschen ein gestörtes sexuelles Verhalten entwickeln, ist sehr hoch. Allerdings ist widerlegt, dass beispielsweise Opfer einer Vergewaltigung automatisch selbst zu Vergewaltigern werden. Die Störung drückt sich dann auf andere Weise aus.

Häufig kommen solche Fälle ja nie ans Tageslicht…

Ulrich Ja, das ist ein großes Problem auch für uns Wissenschaftler und Therapeuten. Wir versuchen, so viele Menschen wie möglich zu erreichen, die sexuelle Gewalterfahrungen gemacht haben, um vorbeugend zu helfen. Da spielen natürlich Schuld- und Schamgefühle und Ohnmacht eine große Rolle. Die typischen Symptome zeigen sich im Kinder- und Jugendalter und werden oft verkannt: Zunächst tippen viele Therapeuten bei Unkonzentriertheit in der Schule auf ADHS, schieben merkwürdige Verhaltensweisen auf die Pubertät und attestieren später womöglich eine Depression. Die wahre Ursache der Probleme ist schwer herauszukriegen.

Wenn Ihnen und den Opfern sexueller Gewalt die Ursache bekannt ist, wie können Sie dann auch helfen?

Ulrich Wir haben unter der Überschrift „Kein Täter werden“ eine kostenlose Therapie unter Schweigepflicht entwickelt. Dabei machen wir unseren Patienten klar, dass sie nichts für ihre Präferenz können. Sie müssen diese akzeptieren und lernen, damit umzugehen. Ziel ist es, keine sexuellen Übergriffe zu begehen und keine Missbrauchsabbildungen anzuschauen. Entscheidend ist, dass die Patienten freiwillig zu uns kommen und dadurch entsprechend motiviert sind.

Wie wird das Therapieangebot angenommen?

Ulrich Seit dem Start des Projektes haben sich etwa 9500 Menschen bei uns gemeldet, darunter sind fast nur Männer. Aktuell befinden sich in Berlin rund 50 Personen in Behandlung, die Therapie geht ungefähr ein Jahr lang. Die Ergebnisse sind ziemlich erfolgversprechend: Keiner unserer Patienten hat sich seit dem Therapiebeginn mehr an Kindern vergriffen. Beim Konsum von Missbrauchsmaterial gab es nach unserer Kenntnis nur vereinzelte Rückfälle.

Mit Hannes Ulrich
sprach Daniel Friedrich

„Irgendwas mit Liebe“ ist der Titel der Serie der RUNDSCHAU-Volontäre. Ausgefallen, konservativ, anders? Facetten der Liebe stehen im Fokus. Doch wie findet man den richtigen Partner?

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