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| 13:48 Uhr

Der Grund des Ostsees
Auf „Tauchtour“ in der Kohlegrube

Das erste Wasser ist im Cottbuser Ostsee schon zu sehen. Allerdings handelt es sich um Grundwasser, das nach dem Abschalten der ersten Filterbrunnen an die Oberfläche trat. Geflutet werden soll der See voraussichtlich ab Ende November 2018.
Das erste Wasser ist im Cottbuser Ostsee schon zu sehen. Allerdings handelt es sich um Grundwasser, das nach dem Abschalten der ersten Filterbrunnen an die Oberfläche trat. Geflutet werden soll der See voraussichtlich ab Ende November 2018. FOTO: Frank Hammerschmidt
Neuendorf. Tagebau Cottbus-Nord soll größter See Brandenburgs werden. Die Leag als Projektträger investiert 300 Millionen Euro. Anrainer hoffen auf Tourismus und neue Jobs. Von Silke Halpick

Die Zeit läuft: Voraussichtlich Ende November wird der Hahn aufgedreht und der ehemalige Tagebau Cottbus-Nord geflutet. Auf einer Fläche von 1900 Hektar soll der größte künstliche See Deutschlands und der größte See Brandenburgs entstehen. Vorab geht Birgit Schroeckh, Projektverantwortliche der Leag, mit RUNDSCHAU-Lesern auf „Tauchtour“ und erweckt mit viel Optimismus und Fantasie die Vision vom künftigen Tourismus- und Erholungsparadies zum Leben.

„Spüren Sie nicht auch schon den Wasserdruck auf den Ohren?“, fragt Schroeckh in die Runde. Die Teilnehmer der Besichtigungstour lachen. Der gelbe Leag-Mannschaftstransportwagen rumpelt gerade durch den Lausitzer Sand und zieht eine dicke Staubwolke hinter sich her. Von Wasser ist weit und breit nichts zu sehen. Doch das soll sich ändern: In fünf bis sechs Jahren werden hier Wellen plätschern.

Auch zwei künstlich angelegte Inseln werden in der Lieskower Bucht entstehen. Ob diese später für Besucher zugänglich sind, ist unklar und eine Frage des Naturschutzes. Aus Bergbausicht steht dem nichts entgegen. Doch das Ostufer des Sees soll der Natur vorbehalten bleiben. Ausflüge im Paddelboot bieten sich auf jeden Fall an, wie Schroeckh findet. Sie empfiehlt, schon heute mit dem Muskelaufbau zu beginnen und ein paar zusätliche Runden an der Rudermaschine im Fitnesscenter einzulegen.

Leag-Projektverantwortliche Birgit Schroeckh ist mit RUNDSCHAU-Lesern unterwegs am künftig größten künstlichen See Deutschlands.
Leag-Projektverantwortliche Birgit Schroeckh ist mit RUNDSCHAU-Lesern unterwegs am künftig größten künstlichen See Deutschlands. FOTO: Frank Hammerschmidt

Unzählige Besucher hat das Team rund um Birgit Schroeckh in den vergangenen Jahren schon durch den ehemaligen Tagebau Cottbus-Nord geführt. Das Interesse ist groß. 35 Jahre lang wurde dort Braunkohle gefördert. Der letzte Kohlezug verließ am 23. Dezember 2015 die Grube. Zwei Jahre später fuhren Dumper, Bagger und Planierraupen ein und begannen damit, den Boden für den künftigen Ostsee zu bereiten.

Rund 20 Millionen Kubikmeter Erde wurden bewegt und Höhenunterschiede von bis zu 40 Metern ausgeglichen. Das ist nötig, um die Mindestwassertiefe von zwei Metern auch im Fall von Niedrigwasser gewährleisten zu können. Der geplante mittlere Seewasserstand liegt nach Leag-Angaben bei 62,5 Metern über dem Meeresspiegel.

Aufgefüllt wird der Ostsee zu fast 90 Prozent mit Wasser aus der Spree, wie Schroeckh erzählt. Die Tourteilnehmer stehen jetzt am Einlaufbauwerk in Lakoma. Von hier aus sollen künftig bis zu 5000 Liter pro Sekunde in den See fließen. Allerdings nur, wenn ausreichend Wasser vorhanden ist und die Flutungszentrale grünes Licht gibt. Die Bereitstellung von Trink- und Brauchwasser habe in jedem Fall Vorrang, erklärt Schroeckh.

Ein Rüttler zur Bodenverdichtung.
Ein Rüttler zur Bodenverdichtung. FOTO: Frank Hammerschmidt

Deshalb wird für die Flutungsdauer auch mit einem Zeitfenster von fünf bis sechs Jahren kalkuliert. Mit den größten Wassermengen rechnet die Leag in den Wintermonaten. Der Ostsee soll 126 Millionen Kubikmeter Wasser fassen. Zur Flutung werden aber 280 Millionen Kubikmeter benötigt, weil Wasser in der Tagebaukippe oder den Böschungsbereichen versickern wird.

Mit Abrutschungen innerhalb des Flutungsgebietes im See rechnet die Leag während der Flutung. „Setzungsfließen“ nennt das der Fachmann. Von einer möglichen „Tsunami-Wirkung“ spricht Schroeckh. Kurzum: Es besteht Lebensgefahr beim Betreten des Areals – auch schon heute. „Selbst eine Horde Wildschweine kann die locker aufgeschütteten Erdmassen ins Rutschen bringen“, warnt Schroeckh. Das betroffene Gelände ist gesperrt und durch einen Zaun abgesichert.

Hier wird die Kaimauer für den Stadthafen gebaut. Die Kosten haben sich im Vergleich zur Planung fast verdoppelt.
Hier wird die Kaimauer für den Stadthafen gebaut. Die Kosten haben sich im Vergleich zur Planung fast verdoppelt. FOTO: Frank Hammerschmidt

Abrutschungen sind auch ein aktuelles Thema: Erst vor wenigen Tagen ist ein Teil einer Insel des Senftenberger Sees ins Wasser gerutscht. Zu Schaden kam niemand. Der Bereich liegt in der Sperrzone. Doch auch der Senftenberger See war einst ein Tagebau. Entsprechend groß ist die Verunsicherung.

„Das kann hier nicht passieren“, stellt Schroeckh klar. Alle aufgeschütteten Uferbereiche sowie die Inseln am Ostsee werden mittels modernster Rütteldruckverdichtung gesichert. Diese Technologie habe es in den 80er-Jahren, als der Senftenberger See entstand, noch nicht gegeben. betont sie.

Bei diesem Verfahren werden die Sandkörner durch die Schwingungen des Rüttlers verdichtet und der entstandene Platz mit neuem Sand verfüllt, erklärt Thorsten Bahl. Der Experte ist nicht nur am Cottbuser Ostsee, sondern weltweit unterwegs, um Böschungen zu stabilisieren. Selbst in Dubai sind seine Erfahrungen gefragt.

Insgesamt 120 000 Rüttelansatzpunkte, die den Sand bis zu einer Tiefe von 50 Metern verdichten, gibt es am Cottbuser Ostsee. So entsteht ein unterirdischer Damm, der den Uferbereich stabilisiert. 80 Prozent der Arbeiten sind bereits abgeschlossen. „Das Verfahren ist teuer, aber der Aufwand lohnt sich“, sagt Bahl.

Uferbereiche, die nicht aufgeschüttet wurden, müssen laut Leag hingegen nicht verdichtet werden. Dieser Fakt sorgt für gezielte Nachfragen der Tourteilnehmer. Doch Schroeckh betont, dass das nicht nötig sei. Die Uferbereiche im Westen und Süden sind nicht geschüttet, werden abgeflacht und sind meist extrem flach. „Das Ufer ist sicher“, stellt sie klar.

Kritik an dem Mammutvorhaben gibt es immer wieder, mal von Umweltschützern, mal von Anwohnern. Zu den größten Ängsten gehören, dass der Ostsee  sauer und das Wasser braun wird, es zum Anstieg des Grundwasserpegels in der Nachbarschaft und zu Überschwemmungen kommt oder die Wasserqualität im Spreewald, der auch von der Spree gespeist wird, während der Flutung leidet.

Mit diesen Vorwürfen müssen sich die Experten permanent auseinandersetzen. Erst im Januar gab es im Rahmen einer Ringvorlesung an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) einen Vortrag des Leag-Chefgeotechniker Ingolf Arnold. Dort erklärte er, dass das frei liegende Kippenmaterial so schnell wie möglich unter Wasser gesetzt werden soll, um den befürchteten Prozess der Eisenhydroxid- und Sulfat-Bildung zu unterbinden, dass die Grundwasserlage unabhängig vom See im Nachbarort Maust angespannt sei und die Versorgung des Spreewaldes Vorrang habe.

Schon in den Startlöchern stehen hingegen die Anrainer-Kommunen. Die Cottbuser Ortsteile Schlichow, Willmersdorf und Merzdorf, aber auch Neuendorf im Norden können es kaum erwarten, dass sich das Loch vor ihrer Nase endlich in einen See verwandelt. Die Wünsche, Pläne und Erwartungen sind groß.

Große Entwicklungschancen verspricht sich auch die Stadt Cottbus. Alle hoffen auf zahlreiche Touristen, die zum Aktiv- oder Erholungsurlaub kommen und zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Um sich von ebenfalls auf Wassertourismus orientierten Regionen positiv abzuheben, setzt man auf Innovationen wie schwimmende Architektur oder zukunftsweisende Energiemodelle.

Die Arbeiten an der Kaimauer des künftigen Stadthafens laufen seit Juli 2018. Die Steganlage soll bis zu 200 Booten Platz bieten. Im Hafenquartier plant die Stadt Cottbus ein Hotel sowie Wassersport- und Gesundheitseinrichtungen. Dort wird man sich später bestimmt wiedersehen – das ist sich Schroeckh schon heute sicher.

Grafik des Cottbuser Ostsee
Grafik des Cottbuser Ostsee FOTO: Leag