Intellektuellen-Diskussion
Bezeichnenderweise wird die Diskussion vorwiegend von weiblichen Intellektuellen mit westdeutscher Sozialisation befeuert, deren gefühlte soziale Gleichberechtigung der rechtlichen offenbar immer noch nachhinkt. Ostdeutsche Frauen, besonders die in der ehemaligen DDR sozialisierten, waren überwiegend berufstätig und übten, ohne sich sexuell oder sozial diskriminiert zu fühlen, den Beruf des Kranführers, des Schrankenwärters oder Schweißers aus, erwarben den akademischen Grad eines Diplomingenieurs oder eines Doktors und füllten die Dienststellungen eines Schuldirektors oder Hauptmannes aus. Niemand fand es der Beachtung wert, ob in der jeweiligen Ansprache die männliche, weibliche oder generische Form verwendet wurde.
Die tatsächliche soziale Wertschätzung der weiblichen Berufstätigen manifestierte sich in den materiellen Bedingungen, die ihre Berufstätigkeit beförderten bzw. erst ermöglichten. Dazu zählen die besondere Förderung und Lenkung weiblicher Schulabgänger bei der Ergreifung technischer Studiengänge und Berufe, die flächendeckende Krippen- und Kindergartenbetreuung, landesweite Schulen mit ganztägiger Hortbetreuung, ein bezahlter, monatlicher Haushaltstag, die tarifgebundene Bezahlung und Besoldung. Dadurch war es möglich, dass Frauen überall tätig werden konnten, im Handwerk und Verwaltung, in technischen, medizinischen und akademischen Berufen. (...)
Herausragende Rolle für das Geschlecht
Ausgerechnet unsere Gesellschaft, die eine Überbetonung von Sexualität in Alltag und Medien, eine sexuell gefärbte Werbung und die sexuelle Ausbeutung von Frauen beklagt, schreibt nun in der Sprache dem biologischen Geschlecht (Sexus) eine herausragende Rolle zu. Es genügt nicht mehr, sich bei der Anrede einer Person auf die äußerlich sichtbaren Merkmale des biologischen oder sozialen Geschlechtes zu beziehen, sondern es gilt, das „gefühlte“ oder angestrebte Geschlecht zu berücksichtigen, einschließlich der Möglichkeit, dieses beliebig oft zu wechseln. Nun bleibt es jedem unbenommen, in der Sprache alle Formen sexueller Befindlichkeit durch die Verwendung dafür besonders geeigneter oder konstruierter Begriffe zu verwenden.
Bei korrekter Verwendung aller möglichen Varianten dürfte sich aber die sprachliche oder schriftliche Kommunikation erheblich verkomplizieren. Deshalb aber die Schriftkonstruktion des „*“ und die „Genderpause“ einer korrekten Schrift- und Wortsprache vorzuziehen (...), erscheint sehr konstruiert. Viele Formen behindern die mögliche Harmonie wörtliche Rede und erschweren den schnellen Lesefluss. Wenn es die Gleichberechtigung befördert, von „Bürger*innen“ zu sprechen, muss es dann wohl auch „Bürger*innensteig“ heißen, oder sollten wir lieber vom „Trottoir“ reden, und mit der gendergerechten, willkürlichen Substantivierung von Partizipien die sexuelle Orientierung der darauf „Trottenden“ zu umgehen? (...) Dass mit vielen verwendeten Formen grammatikalische und sprachliche Regeln außer Kraft gesetzt werden und damit sogar Wortbedeutungen willkürlich verändert werden, scheint die Befürworter nicht zu stören!
Kritiker gelten dann als rückschrittlich
Es erhebt sich nun die Frage, ob mit dieser „Sprachreform“ den Frauen und den Diversgeschlechtlichen in ihrer tatsächlichen Gleichberechtigung wirklich gedient wird. Oder handelt es sich nur um eine besonders öffentlichkeitswirksame Formalie, die vorwiegend die Intellektuellen befriedigt? Unredlich klingt auch die von den Befürwortern aufgestellte Behauptung, dass es keine Absicht zur Sprachlenkung gäbe, da ein jeder die Freiheit habe, am „gendern“ teilzunehmen oder auch nicht. Spätestens mit zunehmender Verwendung „gegenderter“ Sprache in den öffentlichen Medien und staatlichen Institutionen wird mit der als „fortschrittlich“ etikettierten Vorbildwirkung Einfluss auf die Allgemeinheit genommen. Wer möchte schon gern als rückschrittlich gelten?
Bedenklich erscheint auch der moralische Gestus der Protagonisten, der alle Kritiker zunehmend in die des Sexismus verdächtigte konservative Ecke der alten weißen Männer verweist. Damit steigt der Verdacht auf, nicht ideologiefrei zu sein! Ist der Furor, mit welchem die Diskussion gegenwärtig geführt wird, vielleicht auch Ausdruck einer übersättigten Wohlstandsgesellschaft, die sich, trotz gravierender gegenwärtiger und zukünftiger existenzieller Probleme, lieber mit der Nabelschau einer ihrer Hälften und vieler, kleiner Minderheiten beschäftigt und sich in Ermangelung äußerer Konflikte ihre Kampfplätze im Inneren schafft?
Ideologisch belastete Diskussionen
(...) Weshalb genießt aber die Forderung von Minderheiten einen höheren Rang gegenüber einer Mehrheit und setzt sich durch? Hat die Mehrheit gegenüber den identitätspolitischen Bestrebungen von Minderheiten schon von vornherein verloren, weil es kaum noch sachbezogene, sondern nur noch ideologisch belastete Diskussionen gibt, die viele vermeiden, um der Gefahr einer öffentlichen, moralischen Diffamierung (shitstorm) zu entgehen? Das Beispiel von Herrn Thierse (Ex-Bundestagspräsident und SPD-Mitglied, der die Identitätspolitik als spaltend kritisiert hat, d. Red.) ist offenbar für viele, die ihre Meinung vielleicht äußern würden, offenbar abschreckend genug.
Reinhard Manig, Cottbus