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Lehrer? Ab sofort Mangelware

Mathematiklehrer werden in den Schulen der Region dringend gesucht, für Deutsch oder Geschichte gibt es genügend Fachkräfte.
Mathematiklehrer werden in den Schulen der Region dringend gesucht, für Deutsch oder Geschichte gibt es genügend Fachkräfte. FOTO: Kzenon/Fotolia
Cottbus/Spree-Neiße. Cottbus und Spree-Neiße galten lange als überversorgt und mussten Personal an Schulen abbauen. Jetzt sind Pädagogen knapp geworden. Die Situation wird sich in den kommenden Jahren verschärfen. Andrea Hilscher

Für Gerald Boese, den Leiter des Staatlichen Schulamtes in Cottbus, ist es eine ungewohnte Situation: Nachdem sein Bezirk jahrelang als "Überhangsregion" galt, aus der immer wieder Pädagogen versetzt werden mussten, ist plötzlich von einer "Bedarfsregion" die Rede. Es fehlt an Lehrkräften. Was das für Schüler und Eltern bedeutet, erklärt die RUNDSCHAU.

Gibt es derzeit Neueinstellungen im Schulamtsbezirk?
Das Schulamt hat im vergangenen Jahr im gesamten Bezirk 121 Lehrer neu eingestellt, in Cottbus waren es 21 und in Spree-Neiße 17. Im laufenden Schuljahr sind es bereits 24 in Cottbus und 16 in Spree-Neiße. Gerald Böse rechnet damit, am Schuljahresende doppelt so viele Einstellungen abgewickelt zu haben wie im Vorjahr.

In welchen Fächern fehlen Lehrer, wo wird besonders gesucht?
Es fehlt flächendeckend an ausgebildeten Pädagogen in Mathematik und Physik, an Sport- und Musiklehrern, Sorbischlehrern und Sonderschulpädagogen. Im Bereich der Berufsbildung gibt es fachspezifische Engpässe. Gerald Boese: "Cottbus hat dabei etwas weniger Probleme. Die hohe Lebensqualität, die die Stadt bietet, zieht Bewerber an. Schwieriger ist es in den ländlichen Ortschaften, vor allem im Grenzgebiet zu Polen." Doch selbst in Cottbus ist es inzwischen schwer, freie Stellen zu besetzen. Boese: "Ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir so schnell Probleme kriegen, doch gerade im Grundschulbereich müssen wir derzeit kämpfen, um ausreichend gut ausgebildete Bewerber zu finden."

Wie sieht es mit dem Krankenstand und den Stundenausfällen aus?
Die aktuelle Statistik für das vergangene Halbjahr liegt dem Schuljahr noch nicht vor. Zumindest konnten alle Fächer soweit gegeben werden, dass keine Klassen unbenotet bleiben mussten. Der Altersdurchschnitt der Lehrerschaft hat sich durch Neueinstellungen leicht gesenkt, liegt aber in Cottbus und Spree-Neiße noch immer bei über 52 Jahren. Entsprechen groß sind die Ausfälle durch längere Erkrankungen.

Wie viele Vertretungslehrer wurden im vergangenen Halbjahr eingesetzt?
In Cottbus wurden zehn Lehrkräfte mit langfristigen Vollzeitverträgen als Vertretung für Elternzeit oder Langzeiterkrankte eingestellt, in Spree-Neiße 13. Für kürzere Vertretungsfälle werden erfahrene Ehrenamtler, ehemalige Lehrer oder Lehramtsstudenten ohne Referendariat engagiert. Hier wurden im ersten Halbjahr 2015/16 genau 78 Vertretungskräfte in Cottbus und Spree-Neiße eingesetzt, im ersten Halbjahr 2016/17 waren es 66. Sie gaben Vertretungsunterricht in 6392 Stunden. Das Schulamt zahlte dafür im laufenden Halbjahr 206 000 Euro (Vorjahr: 255 000 Euro).

Wie wird der Lehrermangel kompensiert?
Momentan können in Cottbus Engpässe aus eigener Kraft behoben werden: An Grundschulen etwa wird weniger Teilungsunterricht gegeben, das Schulamt wird künftig stärker auf Vertretungslehrer zurückgreifen. Im grenznahen Bereich werden polnische Lehrer in deutschen Schulen eingesetzt. Gerald Boese: "Wir wären froh, wenn es mehr polnische Kollegen mit guten Deutschkenntnissen gäbe, wir würden gerne mehr von ihnen einstellen."

Worauf müssen sich Eltern und Schüler künftig einstellen?
Um das Jahr 2020 werden vermehrt Lehrer in den vorgezogenen Ruhestand gehen, der Einstellungsdruck wird dann noch einmal steigen, da die Schülerzahlen nicht zeitgleich sinken. Gerald Boese: "Noch stellen wir sehr hohe Ansprüche an die Qualifikation von Seiteneinsteigern, um unseren Bedarf zu decken. Aber künftig werden wir diese Anforderungen senken müssen." Brandenburg bildet jährlich nicht genügend Pädagogen aus, um den Bedarf im Land decken zu können.

Zum Thema:
Wer ein Hochschulstudium vorweisen kann, aber nicht auf Lehramt studiert hat, kann entsprechend seiner Ursprungsfächer zeitlich und umfänglich begrenzt eingestellt werden. Unter bestimmten Voraussetzungen ist die Teilnahme an einem berufsbegleitenden Vorbereitungskurs möglich. Aussicht auf eine unbefristete Anstellung haben derzeit nur Anwärter, die zwei oder drei Fächer studiert haben. Info: www.schulaemter.brandenburg.de oder bei Matthias Fechner, Tel. 0355/4866-411.

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