| 02:33 Uhr

Lebenshilfe lädt zum Werkstatttag

Cornelia Hirsch und Kornelia Schröter arbeiten in der Verpackungsabteilung der Lebenshilfewerkstatt.
Cornelia Hirsch und Kornelia Schröter arbeiten in der Verpackungsabteilung der Lebenshilfewerkstatt. FOTO: Stephan Mayer
Cottbus. Unter dem Motto "Mehr Wert, als du denkst" öffnete die Lebenshilfe Werkstatt in Gallinchen gestern ihre Türen für Besucher. Bei einem Rundgang konnten sich Gäste mit den verschiedenen Arbeitsbereichen der Behinderten vertraut machen. Außerdem standen aktuelle Themen, wie der Entwurf zum Bundesteilhabegesetz zur Diskussion. Stephan Meyer

Mit 17 Standorten sind die Lebenshilfewerkstätten in der Region breit aufgestellt. Allein die Werkstatt in Gallinchen bietet 204 Betreuungs- und Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. Die Arbeitsbereiche sind dabei vielseitig. In der Schreinerei wird unter anderem Holzspielzeug produziert. Darüber hinaus gibt es eine Wäscherei und eine Küche. Drucksachen werden weiterverarbeitet, Kugelschreiber gelasert, spezielle Dübel montiert und Artikel verpackt.

"Unsere Werkstätten haben eine regionalökonomische Wirkung", betont Geschäftsführerin Tamara Swensson. Die Lebenshilfewerkstätten geben 1000 Menschen mit und ohne Behinderung einen Arbeitsplatz und erhalten mit ihrer Tätigkeit auch andere Arbeitsplätze. Die Fördergelder, die die gemeinnützige GmbH erhält, werden laut Swensson wieder in die Region investiert, um die Produktion weiter zu entwickeln. "Die Baufirmen profitieren von uns, wenn wir ein neues Gebäude errichten lassen und auch Verkehrsbetriebe, die unsere Mitarbeiter zu ihren Arbeitsplätzen bringen."

Ein großer Teil des Gallinchener Werkstattbetrieb ist die Schreinerei. Durch ein Führungsduo aus Werkstattleiter und Sozialarbeiter werden die Mitarbeiter betreut. Rechtlich gesehen sind die Menschen mit Behinderung jedoch Beschäftigte der Lebenshilfewerkstätten. Die Bezeichnung widerspricht jedoch der Philosophie der Betriebe. "Wir betrachten sie alle als Mitarbeiter", erzählt Werkstattleiter Andreas Kottke. "Denn Mitarbeiter sind produktiv und nicht nur beschäftigt." Die Behinderten kommen gerne und sie wollen auch etwas zu tun haben. In einem Eingliederungsverfahren lernen sie die Werkstatt kennen. Dabei werden die jeweiligen Fähigkeiten ausgelotet. Von Tischler- und Schreinermeistern bekommen sie das nötige Wissen vermittelt. Jeder Mitarbeiter hat dabei die Möglichkeit, den Arbeitsbereich zu wechseln. Aufgabe und langfristiges Ziel der Werkstattbetriebe ist es, dass die Mitarbeiter irgendwann auf dem Arbeitsmarkt tätig werden können. "Das ist aber in der Schreinerei schwierig", erklärt Kottke. Hier werden die Arbeitsschritte detaillierter aufgeschlüsselt. "Was ein herkömmlicher Schreiner in einem Arbeitsschritt macht, machen wir vielleicht in zehn." Die Schreinerei sei daher auch keine Konkurrenz zu Schreinereibetrieben aus der Region.

Sorgen macht den Lebenshilfewerkstätten der Entwurf des Bundesteilhabegesetzes. "Ein Tagesangebot für Menschen mit Mehrfachbehinderungen ist durch das neue Gesetz gefährdet", sagt Andreas Kottke. "So wie der Entwurf jetzt aussieht, liegt in Zukunft der Schwerpunkt auf der Pflege." Der Gesetzgeber wolle die Verantwortung auf die Krankenkassen abwälzen, für die pflegerische Angebote günstiger seien. "In solchen Einrichtungen warten die behinderten Menschen den ganzen Tag nur. Sie warten auf das Frühstück, das Mittagessen, das Abendessen" so Kottke. Dazwischen passiere gar nichts. Lebensnahe Tätigkeiten könnten so wieder verlernt werden. "Aber nicht alles ist schlecht an dem Gesetzesentwurf", erklärt Tamara Swensson. Geplant ist es Werkstatträte zu ermöglichen, die ein Äquivalent zu den herkömmlichen Betriebsräten sind. Die behinderten Menschen bekämen so mehr Mitspracherechte in den Werkstattbetrieben. Bei den Lebenshilfewerkstätten gibt es das bereits. Andreas Gentz, Werkstattratsmitglied aus Guben, ist seit 13 Jahren dabei. "Die Menschen mit Behinderung trauen sich manchmal nicht, ihre Sorgen einem Werkstattleiter mitzuteilen und möchten dann lieber mit ihresgleichen reden."

www.lebenshilfe-handinhand.de