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| 09:15 Uhr

Obdachlosigkeit
Lebensgefährliche Minusgrade

Obdachlose unter einem Unterstand in Berlin
Obdachlose unter einem Unterstand in Berlin FOTO: Paul Zinken / dpa
Cottbus. Auf der Straße schlafen muss in Cottbus niemand. Trotzdem tun es einige. Von Daniel Schauff

Es ist kalt – und es bleibt kalt. Glaubt man der Wettervorhersage, sinken die Temperaturen in den kommenden Nächten weiter regelmäßig unter den Gefrierpunkt. Für die, die in ihrem warmen Betten liegen, kein Problem. Für die, die keine warmen Betten haben, herrscht Lebensgefahr.

Von Menschen ohne eigenes Bett und Dach über dem Kopf gibt es auch in Cottbus welche. Wie viele, weiß weder die Stadtverwaltung noch Angelus Dehnz, Leiter der Cottbuser Stadtmission der Diakonie Niederlausitz. Eine offizielle Statistik gibt es nicht, weder in der Lausitzmetropole noch in anderen Städten Deutschlands. Dehnz kann aber von ein paar „Bekannten“ sprechen, Wohnungslose, die aus dem Stadtbild kaum noch wegzudenken sind.

Richtig ist, sagt Dehnz, dass Cottbus ein weit kleineres Problem mit Obdachlosigkeit hat als etwa Berlin. Kein Wunder – Dehnz kennt Wohnungslose, die am Tag locker 30 bis 40 Euro verdienen, indem sie in der Hauptstadt betteln. In Cottbus wäre das unmöglich, sagt der Sozialarbeiter. Gleichzeitig kann er von einem aktuellen Fall aus Cottbus berichten: Am vergangenen Montag war es, als er einen Anruf bekam, im Wald bei Kahren habe ein Mann sein Nachtlager aufgeschlagen. Dehnz fuhr hin, schließlich sanken die Temperaturen in der vergangenen Woche auf bis zu minus sieben Grad in der Nacht. Vor Ort traf Dehnz einen weiteren „alten Bekannten“, alkoholisiert und nicht bereit, sich helfen zu lassen.

Dabei kann Dehnz helfen. Die Stadtmission ist täglich von 7.30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet, in den Wintermonaten bis einschließlich März auch an den Wochenenden und Feiertagen von neun bis 13 Uhr. Dort gibt es etwas Warmes zu essen, zu trinken, Waschmöglichkeiten, etwas zum Anziehen. Dehnz und seine Mitarbeiter sorgen darüber hinaus dafür, dass Wohnungslose die Nacht nicht im Freien verbringen müssen. „In Deutschland muss keiner auf der Straße leben“, sagt Dehnz und zitiert damit fast wörtlich eine Mitteilung der Stadtverwaltung, die mindestens einmal im Jahr zu Beginn der kalten Jahreszeit verschickt wird. „In Cottbus muss keiner auf der Straße übernachten“, heißt es darin. Die Stadt hat die Mitteilung in diesem Winter gleich zweimal verschickt, weil ein Ende der frostigen Tage noch nicht abzusehen ist.

Die Verwaltung verweist darin auf das Obdachlosenhaus auf dem Ostrower Damm – zehn Schlafplätze gibt es darin, acht für Männer, zwei für Frauen. Kaum jemand bleibe durchgängig in der Unterkunft, hatte Stadtsprecher Jan Gloßmann bereits zu Beginn des Winters erklärt. 2015 hatten laut Stadtverwaltung im Schnitt über 40 Personen das Angebot pro Monat angenommen. Es werde voller, je kälter es draußen sei, erklärte Gloßmann. Mitunter gebe es auch Nächte, in denen gerade einmal vier Betten belegt seien.

„Da muss man sich an Regeln halten“, sagt Dehnz und begründet damit, warum einige Wohnungslose die Hilfe der Stadt ausschlagen. Oftmals hänge Obdachlosigkeit auch mit psychischen Problemen zusammen, weiß Angelus Dehnz. So etwa in dem Fall des Mannes im Kahrener Wald. Der könne aggressiv werden, verbal wie körperlich. Auch Dehnz selbst ist schon Ziel eines Angriffs geworden. Mit solchen Problemen sei es unmöglich, die Menschen in einer Unterkunft unterzubringen. „Da müssen wir auch an die Mitarbeiter denken“, sagt Dehnz. In besonders prekären Fällen komme nur noch eine Zwangseinweisung infrage.

Wichtig sei, dass offensichtlich Obdachlose gemeldet würden. „Wenn Sie sehen: da schläft jemand auf der Straße, dann ist es immer richtig, die Polizei zu rufen.“ Dehnz rät davon ab, Obdachlose anzusprechen. „Manche verteidigen ihr Hab und Gut“, sagt er. Da könne es gefährlich werden, sich allzu nah heranzuwagen. Tagsüber sei auch er erreichbar, um Meldungen über Wohnungslose entgegenzunehmen (0355 3832498). Außerdem gibt es bei der Stadtverwaltung eine Fachstelle zur Vermeidung und Behebung von Obdachlosigkeit (6124801), bei der offensichtlich Wohnungslose gemeldet werden können.