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| 01:02 Uhr

Lebendiges Cottbuser Geschichtsbuch

„Da muss ich wohl etwas lauter sprechen.“ Steffen Krestin, Leiter des Stadtmuseums Cottbus, sah es gelassen, als sich gestern an die hundert Besucher der RUNDSCHAU-Sommertour am Eingang des Südfriedhofes versammelten. Dass unter den Gästen viele Mitglieder des Heimatvereins waren, fand er besonders gut: „Da kann man immer noch einmal nachfragen, wenn Details fehlen.“ Von Elke Möbus

Ein historischer Spaziergang auf dem alten Teil des Friedhofes sollte es werden. Krestin schlug vor, die Runde auf dem jüdischen Friedhof zu beenden.
„Friedhöfe sind wie Geschichtsbücher“ , sagte Krestin zur Einleitung. Und es sei wichtig, einen Blick in die Vergangenheit zu tun, um die Gegenwart zu verstehen und zu überlegen, wie es in der Zukunft aussehen könnte. Anhand vieler bekannter Persönlichkeiten und ihrer Lebensgeschichte ließe sich Entwicklung einer Stadt dokumentieren. Doch es sei genauso wichtig zu sehen, dass auch ganz einfache Menschen in ihren Familien und mit ihrer Arbeit ihren Beitrag zur Entwicklung von Gemeinwesen leisten und geleistet haben.
Der Beitrag zum Gemeinwesen war der Grundgedanke, den Krestin in den Mittelpunkt des zweistündigen Rundgangs stellt. Von Grabstätte zu Grabstätte führten die Geschichten aus der Geschichte der Stadt. Erste Station war die letzte Ruhestätte von Professor Karl Liersch, dem Vorsitzenden des Heimatvereins Cottbus 1905. Krestin nutzte die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass im nächsten Jahr im Heimatkalender ein Beitrag dem Wirken Lierschs und des Heimatvereins gewidmet sein wird.
Interessant für die Spaziergänger auf dem Friedhof der Hinweis am Grab von Gustav Schuft: Hier fand ein Olympiasieger seine letzte Ruhe. 1886 holte Schuft, der später den Grundstein für ein noch heute existierendes Cottbuser Familienunternehmen legte, Gold im Turnen.
An der Friedhofsmauer befindet sich das Grab von Paul Werner, von 1892 bis 1914 Oberbürgermeister von Cottbus. In seine Amtszeit fallen zahlreiche bemerkenswerte Entwicklungsschritte der Stadt, wie die Inbetriebnahme der Straßenbahn, die Schaffung eines Trinkwasserversorgungsnetzes Weniger bekannt: Durch die Heirat mit Franziska Harrer, deren erster Mann Maler war, holte Werner gewissermaßen ein Stück Kunst in die Stadt. Bilder von Harrer sind unter anderem in Branitz zu sehen.
An der Grabstätte der Familie Schultze gab es einen Exkurs in die Cottbuser Brauerei-Geschichte. 1901 übernimmt der zuvor als Braumeister bei der Genossenschaftsbrauerei tätig gewesene Gustav Schultze die Brauerei Reinhard Pösch und gründet in der Görlitzer Straße 8 die „Brauerei Gustav Schultze“ . In 0,7 Liter-Flaschen abgefüllt, wurde Cottbuser Weißbier verkauft. Nach der Errichtung eines neuen Produktionsgebäudes wird wenig später 1934 auch die Produktionspalette erweitert. Nun gibt es pasteurisiertes Karamel-Malzbier und ein Kristall-Weißbier von „Pupen-Schultze“ . 1972 wurde der Betrieb zwangsweise verstaatlicht und ein Jahr später in den VEB Vereinigte Getränkebetriebe Cottbus eingegliedert.
Über das Wirken der Cottbuser Freimaurerloge gab es Interessantes am Grab der Familie Ludwig Ephraim zu erfahren. Vereinigungen wie die Loge trugen wesentlich zum geistigen Klima in der Stadt bei. Im Umgang miteinander sei damals sehr viel füreinander getan worden. „Heute fehlt das“ , kommentierte Krestin.
Auch Wilhelm Riedel, Ehrenbürger der Stadt Cottbus 1903 und Gründer mehrere wohltätiger Einrichtungen, gehörte zu denjenigen Menschen, die der Gesellschaft, aus der sie hervorgegangen sind, etwas zurückzugeben verstanden.
Von Grabstätte zu Grabstätte hatte Steffen Krestin zu erzählen. Tuchfabrikant, Arzt, katholische Schwester - hinter jedem Stein verbirgt sich ein persönliches Schicksal, verbunden mit der Geschichte der Stadt. Heimatforscherin Dora Liersch ergänzte manches und beantwortete auch Fragen. Sie kennt den Südfriedhof sehr genau. „Eigentlich wollte der Heimatverein heute genau so eine Führung mit Herrn Krestin anbieten, aber die RUNDSCHAU ist uns zuvor gekommen. Also haben wir das miteinander verbunden“ , erzählt Dora Liersch lächelnd. Außerdem sei sie auch gekommen, um Steffen Krestin den Rücken zu stärken.
Als Ansprechpartnerin für Neugierige ist auch Ines Hermann, Leiterin der Friedhofsverwaltung, mit in der Runde. Sie berichtet, dass es mit der neuen Friedhofssatzung im kommenden Jahr eine Neuerung geben soll, die dem Erhalt historisch wertvoller Grabstätten dienen soll, wenn die Familien aus verschiedenen Gründen diese Stätten nicht mehr betreuen. Patenschaften, wie sie unter anderem auf dem Forster Friedhof für besondere Grabmale vergeben werden, sollen auch in Cottbus möglich sein. „Denkmale müssen genutzt werden, wenn ein Friedhof mit Zeugniswert historisch erhalten bleiben soll“ , sagt Steffen Krestin. Doch es spreche nichts dagegen, Zeugnis der heutigen Kultur für die Zukunft zu begründen. Als Beispiel dafür nennt Krestin die letzte Ruhestätte des Cottbuser Architekten Bernd Altmann: ein schlichtes modernes Grabmal vor der alten Friedhofsmauer.
Noch längst nicht aufgearbeitete Geschichte und viel Stoff zum Nachdenken gab es zum Abschluss des Rundgangs auf dem jüdischen Friedhof. Der ist seit einigen Jahren Eigentum der jüdischen Gemeinde. Dennoch kümmert sich die Stadtverwaltung um das Gelände am Rande des Südfriedhofes.
Zu DDR-Zeiten, während der Rekonstruktion der Kapelle, war die Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof für die Abschiednahme von Ver- storbenen genutzt worden. Derzeit ist die Trauerhalle nicht nutzbar. Es fehlt Geld für die Sanierung. Was dem Historiker Krestin außerdem fehlt: jede Menge Informationen über jüdisches Leben in Cottbus. Im Rahmen eines zweieinhalbjährigen Projektes in Zusammenarbeit mit der Caritas und der Stadtverwaltung sei vieles zusammengetragen worden. Dies ist in einem Sonderheft der Cottbuser Blätter enthalten.
Doch nach wie vor seien für ihn mehr Fragen als Antworten vorhanden, schloss Krestin den Rundgang.

Hintergrund Cottbuser Südfriedhof
 Der Cottbuser Südfriedhof wurde am 17. Juni 1904 geweiht. Am 23. Juni fand die erste Bestattung statt. Fritz Handke, ein 20 Tage altes Kind, wurde beigesetzt. Um 1920 wurde der Friedhof erweitert: Der Bereich hinter der Feierhalle kam hinzu. 1923 begann die Anlage des historischen Urnenhains. Um 1940 wurden die Brunnen nach Entwürfen von Joachim Scherzer angelegt. Nach Scherzers Idee entstand auch 1945 der Glockenturm an den Massengräbern.
1972 wurden Soldaten und Opfer des Bombenangriffs vom 15. Februar 1945 umgebettet, 1993 wurden die Gräber der polnischen Zwangsarbeiter erneuert.