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| 19:29 Uhr

RUNDSCHAU-Serie „Cottbus international“
Das Leben als Jüdin in der Lausitz

 Valerie Vorkul arbeitet für die Jüdische Gemeinde in Cottbus.
Valerie Vorkul arbeitet für die Jüdische Gemeinde in Cottbus. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. In Cottbus leben und arbeiten Menschen aus rund 110 Nationen. Einige von ihnen sind schon seit Jahrzehnten in der Stadt ansässig, andere beginnen gerade erst damit, in der Region heimisch zu werden. Wie diese Menschen sich in Cottbus zurechtfinden, was sie an ihrer neuen Heimat besonders schätzen und was ihnen vielleicht auch fehlt, darüber reden sie in unserer Serie „Cottbus international“. Heute: Valerie Vorkul aus der Ukraine. Von Andrea Hilscher

Valerie Vorkul hält einen Brief in der Hand und lacht. „Ich habe ein Jobangebot als Sozialarbeiterin bei der Polizei“, sagt sie.  „Wer hätte das gedacht: Eine Jüdin aus der Ukraine soll bei der deutschen Polizei arbeiten.“ Das Angebot macht die 41-Jährige glücklich, annehmen wird sie es wohl trotzdem nicht.

Dabei wäre Polizistin früher einmal ihr Traumberuf gewesen. Ihr Körper machte ihr einen Strich durch die Rechnung: Valerie Vorkul ist nur 1,28 Meter groß und galt damit in der Ukraine als ungeeignet für den Polizeidienst. Also machte sie ein Diplom als Sozialarbeiterin, bekam einen guten Job und arbeitete sechs Jahre lang als leitende Angestellte im Sozialamt.

„Der Verdienst war niedrig, aber die Arbeit war schön und ich habe mich wohl gefühlt in meiner Heimatstadt Cherson“, erzählt sie. Ihre Eltern seien es gewesen, die unbedingt nach Deutschland wollten. „Für Menschen mit Behinderung gibt es in der Ukraine wenig Hilfestellung.“ Wegen ihrer geringen Größe fällt ihr beispielsweise das Treppensteigen schwer, Aufzüge aber  gibt es in den Häusern der Ukraine nur selten. „Ich selbst hätte mir das Leben dort zugetraut, meine Eltern aber hatten Angst, dass ich es allein nicht schaffe.“

Vor zwölf Jahren siedelte die jüdische Familie nach Deutschland um. Valerie Vorkul wohnte zunächst in Peitz, später zog sie nach Cottbus. Schwere Jahre lagen vor ihr. „Ich konnte nur Englisch, das sprechen hier aber nur wenige Menschen.“ Deutsch klang in ihren Ohren hart und fremd. Sie hatte Angst, sich nicht eingewöhnen zu können.

Nach fünf Jahren ging es langsam aufwärts, die Frau aus der Ukraine erkämpfte sich neue Freiheiten. In einer Spezialfahrschule konnte sie den Führerschein machen. An der BTU studierte sie Soziale Arbeit – ihr ukrainisches Diplom wird in Deutschland nicht anerkannt. Valerie Vorkul nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an, bekam die ersten Jobs und arbeitet heute auf zwei halben Stellen: Einen Teil der Woche ist sie in einem deutsch-jüdischen Begegnungszentrum in Potsdam angestellt, den Rest ihrer Zeit arbeitet sie als Migrationsberaterin in der Jüdischen Gemeinde in Cottbus.

Eine Arbeit, die ihr Spaß macht. Nur zu gut kann sie sich an die eigenen Schwierigkeiten erinnern, die der Umzug nach Deutschland mit sich gebracht hat. „Gerade helfe ich einem frisch eingetroffenen Ehepaar. Die beiden sind 80 Jahre alt und wagen hier einen Neuanfang.“ Die Frage nach dem Warum können wohl nur Menschen stellen, die die Situation in der Ukraine nicht kennen: Wohnen in desolaten Verhältnissen, das Fehlen einer bezahlbaren medizinischen Versorgung – das Überleben ist ein täglicher Kampf.

„Hier in Cottbus haben die Menschen ein besseres Leben, trotz aller Schwierigkeiten.“ Valeri Vorkul engagiert sich in der Jüdischen Gemeinde, will die Kultur und das Miteinander stärken. Sie versucht, die Vorschriften der Thora so gut wie möglich zu erfüllen. „Aber koscheres Essen gibt es hier nicht, das müssen wir in Berlin einkaufen.“ Auch den Sabbat kann sie momentan nicht einhalten. „Freitags bin ich in Potsdam und weil es schon so früh dunkel wird, schaffe ich es nicht, zum Beginn des Sabbats zuhause zu sein.“ Trotzdem genießt sie die Fülle des jüdischen Lebens in der Gemeinde, freut sich über Musik und Sonntagsschule, immer neue Begegnungen und Anregungen. „Wir haben hier einen Mann, der noch als Lehrer arbeitet – mit 90 Jahren.“

Eine besondere Herausforderung für die Gemeindemitglieder sind die Zuwanderer, die seit 2015 nach Cottbus gekommen sind. „Vielen Juden in Cottbus macht es Angst, dass sie jetzt auf der Straße immer wieder auch Arabern begegnen.“ Sie selbst aber pflegt inzwischen Freundschaft mit Syrern und Iranern – „Ich bin offen. Ich mag Menschen aus allen Teilen der Welt.“

Begegnungen zu ermöglichen, Kontakte knüpfen, Barrieren abbauen – als Mitglied im neu geschaffenen Integrationsbeirat der Stadt will sie dazu beitragen, dass das Zusammenleben in Cottbus für alle Beteiligten eine Bereicherung ist.  Sie selbst wohnt inzwischen gern hier. Das Heimweh aber bleibt, nach alten Freunden, der Sprache, der Kultur. „Trotzdem ist es besser hier“, sagt sie. Sie mag die Ordnung und die Pünktlichkeit in Deutschland.  Sogar an das Essen hat sie sich gewöhnt und auch an die Sprache. „Und das mit dem Jobangebot bei der Polizei, das ist doch wunderbar.“ Trotzdem wird sie ihrer Arbeit in der Jüdischen Gemeinde treu bleiben. „Hier bleibe ich. Bei meinen Leuten.“