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| 18:18 Uhr

LR-Kinderreporter interviewen den Leag-Chef
„Die Stromsicherheit dürfen wir nicht riskieren“

 Cooler Ausblick bei teils hitziger Debatte: Die Kinderreporter zu Besuch bei Leag-Chef Helmar Rendez. Mehr zur Arbeit der Kinderreporter gibt es auf www.lr-online.de/kinderreporter
Cooler Ausblick bei teils hitziger Debatte: Die Kinderreporter zu Besuch bei Leag-Chef Helmar Rendez. Mehr zur Arbeit der Kinderreporter gibt es auf www.lr-online.de/kinderreporter FOTO: Julia Täuscher
Der Vorstandsvorsitzende der Leag, Helmar Rendez, stellt sich den Fragen der nächsten Generation – im Interview mit acht Kinderreportern der RUNDSCHAU.

Klimawandel, Kohleausstieg, Abbaggerung von Dörfern in der Lausitz – acht Kinderreporter der RUNDSCHAU haben Helmar Rendez, den Vorstandsvorsitzenden der Leag, zum Interview getroffen und kritisch nachgefragt.

Mirjam: Herr Rendez, glauben Sie, dass der Mensch verantwortlich für den Klimawandel ist?

Rendez Wir alle sind mitverantwortlich. Es gibt ja sowieso verschiedene Klimaphasen in der Erdgeschichte. Ansonsten würden wir nicht so viele große Steine finden, die eigentlich aus Schweden stammen und in den früheren Eiszeiten hierher gelangt sind. Aber natürlich haben wir auch einen Beitrag an Klimawandel und Umwelteinflüssen. Jeder von uns kann das sehen, wie die Weltmeere aussehen. Was wir da an Plastik finden, ist von uns Menschen gemacht. Auch auf das Thema CO2 haben wir einen Einfluss. Wie groß der Beitrag ist, darüber streiten sich die Wissenschaftler. Auf jeden Fall können wir etwas fürs Klima tun.

Jakob: Viele junge Menschen engagieren sich bei Fridays for Future. Was halten Sie von den Demos?

Rendez Zuerst muss ich sagen, dass es immer gut ist, wenn Leute sich artikulieren und positionieren. Ich finde es auch gut, dass sich viele Generationen Gedanken machen. Das ist gut für unser Demokratieverständnis. Es ist aber auch so, dass die Energieversorgung ein komplexes Gebilde ist. Da ist es wichtig, dass wir uns Gedanken machen, was in welcher Zeit machbar ist. Es ist wichtig, dass sich viele junge Menschen mit ihrer Meinung melden. Ich kann übrigens auch nachvollziehen, dass viele junge Menschen mit Blick auf die Parlamente kritisieren, dass da 70- und 80-Jährige über unsere Zukunft entscheiden. Da wünsche auch ich mir Blutauffrischung.

 Nach dem Interview zeigte Helmar Rendez den Nachwuchs-Journalisten noch sein Büro ...
Nach dem Interview zeigte Helmar Rendez den Nachwuchs-Journalisten noch sein Büro ... FOTO: Julia Täuscher

Julian: Waren Sie oder Ihre Tochter mal auf einer Fridays-for-Future-Demo?

Rendez Meine Tochter ist 25 und wird jetzt gerade mit dem Studium fertig. Sie ist also nicht in dem klassischen Spektrum für eine solche Bewegung.  Ich selbst habe Fridays for Future nur gesehen, wenn ich in Gebäuden drin war, vor denen demonstriert wurde.

Jakob: Stichwort Hambacher Forst – wie sehen Sie solche Protestaktionen?

Rendez Grundsätzlich ist es Teil unserer Demokratie, dass jeder seinen Standpunkt hat und seine Meinung vertritt. Es gibt aber gewisse Grenzen, die man nicht überschreiten sollte. Ich habe aus dem Hambacher Forst viele Bilder gesehen, die möchte man anderen Menschen nicht zeigen. Da wurden Fallgruben ausgehoben, Geländewagen mit Steinen beworfen oder es wurden Beutel mit menschlichen Ausscheidungen gefüllt und auf Leute geworfen. Da sind Grenzen überschritten. Das hat nichts mehr mit Demokratie zu tun.

 ... und den seiner Meinung nach schönsten Arbeitsplatz der Stadt: die Terrasse im 13. Stock.
... und den seiner Meinung nach schönsten Arbeitsplatz der Stadt: die Terrasse im 13. Stock. FOTO: Julia Täuscher

Julian: Was tun Sie selbst für den Klimaschutz?

Rendez Wow, gute Frage. Da kann ich auch ganz viele Antworten geben. In dem Haus, in dem ich mit meiner Familie wohne, haben wir uns eine Wärmepumpe einbauen lassen. Wir verbrauchen in unserem Haus für Warmwasser und Heizung nur 4000 Kilowattstunden Strom im Jahr. Das ist sehr wenig im Vergleich zu einer Gas- oder Ölheizung. In unserer Familie gehen wir immer mit Klappboxen einkaufen. Ich finde es nämlich unglaublich, dass es Leute gibt, die am Obststand einen Pfirsich und zwei Pflaumen jeweils in eine Abreißtüte einpacken müssen. Auch bei uns im Unternehmen haben wir ein paar Dinge für das Klima getan. Wir haben zum Beispiel geregelt, wie viel CO2 die Autos ausstoßen dürfen. Ich selbst fahre viel Fahrrad und beobachte in der Natur, was sich da ereignet und verändert. Man könnte aber bestimmt noch mehr machen.

Paul: Wann glauben Sie, können wir zum ersten Mal im Cottbuser Ostsee baden?

Rendez Wir müssen vorsichtig sein mit Versprechungen, aber wir haben gesagt, dass der See ungefähr vier bis sechs Jahre braucht, bis er voll ist. Der Cottbuser Ostsee ist ein See, der überwiegend aus Flusswasser der Spree gespeist wird. Jetzt kommt es darauf an, wie viel Wasser wir aus der Spree bekommen. Momentan ist es uns nicht gestattet, Wasser aus der Spree in den Ostsee zu leiten. Aber wir haben bei der Berechnung dieser vier bis sechs Jahre verschiedene Modelle durchgerechnet und ganz viele Wetterdaten angeschaut. Es gibt auch immer wieder Jahre, da ist zu viel Wasser in der Spree. Und in manchen Jahren ist es eben zu trocken. Deshalb gehen wir davon aus, dass wir im Mittel diese vier bis sechs Jahren brauchen, damit der See voll und nutzbar ist.

Marvin: Was halten Sie vom Kohleausstieg?

Rendez Es gibt einen gesellschaftlichen Kompromiss über den Kohleausstieg. Die rund 30 Experten haben sich darauf verständigt, dass dies in 20 Jahren machbar ist. Das haben wir zur Kenntnis genommen. Wenn es so kommt, müssen wir uns bemühen, das bestmöglich umzusetzen.  Man muss sich das so vorstellen: Wir gucken uns den Motor eines großen Kreuzfahrschiffes an. Während wir mit Volllast fahren, wollen wir den Motor umbauen und gleichzeitig wollen wir, dass das Schiff sicher unterwegs ist. Und das ist die große Herausforderung. Dabei stehen wir vor zwei großen Aufgaben. Einerseits wollen wir in den kommenden Jahren aus Braun- und Steinkohle und demnächst wahrscheinlich aus Gas keinen Strom mehr herstellen. Aber Wasser und Wind reichen noch nicht aus, um den Bedarf zu decken. Und andererseits wird der Strom nicht unbedingt da produziert, wo er hergestellt wird. Das heißt, wir müssen den Strom transportieren. Und um in Deutschland eine neue Stromleitung zu bauen, brauchen wir zehn Jahre. Wir müssen es also hinbekommen, dass wir Strom speichern können und müssen die Stromnetze ausbauen. Ohne Strom zu leben, können wir uns nämlich gar nicht vorstellen.

Mirjam: Was würden Sie denn für den richtigen Zeitpunkt für einen Ausstieg halten, der nicht überstürzt ist?

Rendez Es haben ja ganz viele Experten zusammengesessen, die zu dem Ergebnis gekommen sind, dass ein Ausstieg aus der Kohle in 20 Jahren zu schaffen ist. Das heißt Ende 2038. Ich glaube, das ist eine große Herausforderung. Wir als Unternehmen müssen uns dieser Herausforderung stellen. Dafür sind aber noch ganz viele Voraussetzungen zu schaffen. Deshalb ist es sehr klug, dass man gesagt hat, wir bauen da ein paar Überprüfungszeitpunkte ein: 2023, 2026, 2029, 2032. Da will man einfach mal gucken, wie weit wir sind. Wir dürfen nämlich eins nicht riskieren. Wir dürfen nicht in Phasen reinkommen, in denen die Stromversorgung nicht gesichert ist.

Mirjam: Was halten Sie von dem Vorschlag, schon 2030 aus der Kohle auszusteigen?

Rendez Ich glaube, 20 Jahre ist ein ziemlich ambitionierter Zeitraum. Diese Zeit jetzt nochmal zu halbieren und gleichzeitig die Versorgungssicherheit hochzuhalten, halte ich für sehr riskant. Wir dürfen eins nicht vergessen: Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Wir alle sind also davon abhängig, dass Betriebe hier produzieren können. Eine sichere Stromversorgung ist die Grundlage für unseren Wohlstand.

Frieda: Sollen noch Dörfer für die Kohle abgebaggert werden und falls ja, wie sinnvoll ist das?

Rendez Es ist richtig, dass wir den Ort Mühlrose in Sachsen umsiedeln werden. Hier wohnen etwa 220 Menschen, die leben auf einer Landzunge und sind fast vom Tagebau umgeben. Als wir im März gesagt haben, wir werden diesen Ort umsiedeln, war es beeindruckend zu sehen, wie die Menschen sich über diese Nachricht gefreut haben. Die Menschen da haben gelernt, mit und von der Kohle zu leben. Ob es noch eine weitere Umsiedlung gibt – nämlich Proschim (Ortsteil von Welzow im Landkreis Spree-Neiße – Anm. der Redaktion) entscheiden wir im nächsten Jahr.

Marvin: Ist es überhaupt sinnvoll, wenn nur Deutschland aus der Braunkohle aussteigt?

Rendez Deutschland ist ein Land der Dichter, Denker und Ingenieure. Wir haben auch eine gewisse Vorbildfunktion in der Welt. Es ist erstrebenswert, dass es andere Länder gibt, die sich mit genauso viel Engagement an der Energiewende beteiligen wie wir. Es hilft uns nicht weiter, wenn wir hier die Kohlekraft abschaffen und es dann ersetzt wird mit Kohlekraft aus Tschechien, Polen oder Atomstrom aus Frankreich.

Paul: Warum sollten junge Leute bei der Leag noch eine Ausbildung anfangen?

Rendez Wir haben eine richtig gute Ausbildung. Bei uns werden die jungen Leute wirklich ausgebildet und nicht als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Die meisten bleiben nach der Ausbildung auch im Unternehmen. Zudem wandelt sich die Leag gerade sehr stark. Wir kommen aus der Braunkohle und haben jetzt angefangen, uns mit ganz neuen Geschäftsfeldern zu beschäftigen.

Alma: Was macht denn die Leag in der Zukunft?

Rendez Da gibt es ganz viele Bereiche, die auch mit Energie zu tun haben, und viele sind noch sehr zarte Pflänzchen. In Schwarze Pumpe bauen wir eine der größten Batterien der Welt. In der vergangenen Woche haben wir uns eine große Lok gekauft, denn die Leag ist auch ein Eisenbahnunternehmen. Wir sind gerade dabei, unseren ersten Fotovoltaikpark zu bauen. Auch das Thema Wind ist für uns interessant. Wir beschäftigen uns mit vielen Geschäftsfeldern. Der Anteil der neuen Geschäftsfelder ist aber noch sehr klein. Wir brauchen also Zeit, damit das wachsen kann. Der Umbau eines solchen großen Unternehmens dauert eine Weile.

Maja: Sind Sie gern Leag-Chef?

Rendez Ganz ehrlich? Wenn man das nicht gern macht und überzeugt davon ist, dann geht das gar nicht.

Alma: Was denken Sie, wo bekommen wir in 20 Jahren unseren Strom her?

Rendez Ich glaube, die Stromversorgung wird viel dezentraler sein. Viele Leute werden zum Beispiel zu Hause kleine Windräder und Fotovoltaikanlagen haben. Wir werden auch in 20 Jahren noch auf Gas zurückgreifen müssen. Aber auch das Thema Verkehr wird sich ändern. Dass jeder zwei Autos zu Hause stehen hat, wird es in 20 Jahren nicht mehr geben. Unsere Infrastruktur wird sich massiv verändern, und die Energieversorgung ist ein ganz wichtiger Bestandteil davon.

Mehr zur Arbeit der RUNDSCHAU-Kinderreporter lesen Sie hier: www.lr-online.de/kinderreporter

 Kinder Reporter
Kinder Reporter FOTO: LR / Schubert, Sebastian