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| 11:11 Uhr

Laut gegen Nazis und Zukunft Heimat in Cottbus
Cottbuser Nacht der Gegensätze

 Gut besucht: Auf dem BTU-Campus am Audimax feiern am Freitagabend Tausende beim bunten Musikfestival „Laut gegen Nazis“. Höhepunkt der Veranstaltung ist der Auftritt der Berliner Band Culcha Candela.
Gut besucht: Auf dem BTU-Campus am Audimax feiern am Freitagabend Tausende beim bunten Musikfestival „Laut gegen Nazis“. Höhepunkt der Veranstaltung ist der Auftritt der Berliner Band Culcha Candela. FOTO: Sebastian Schubert
Cottbus. Auf dem Campus feiern Tausende beim „Laut gegen Nazis“-Festival. Einige hundert Meter weiter spricht der Bruder von Gerda K. über die Freilassung ihres mutmaßlichen Mörders. Von Andrea Hilscher

Am Freitagabend ähnelt Cottbus einem Brennglas, in dem sich die Probleme und Ereignisse der letzten Wochen bündeln. Auf dem Campus der BTU feiern mehrere tausend Besucher unter dem Motto „Moin Liebe, Tschüss Hass“. Das traditionelle „Laut gegen Nazis“- Festival zieht Studierende wie Rentner an. Familienväter bringen ihre Kinder mit, Touristen schauen auf einen Cocktail vorbei. „Die Bands kenne ich gar nicht so genau“, sagt Gernot Beyer aus Cottbus. „Ich genieße die Energie und die Lebensfreude, die von der Musik und von den jungen Leuten ausgehen. Sie sind so mutig und wollen unsere Welt besser machen.“

Auf der Bühne steht Ezé Wendtoin aus Dresden. Der Student aus Burkina-Faso spricht und singt nahezu akzentfrei Deutsch – und verknüpft plattdeutsche Liedelemente mit seiner Heimatsprache. Dann ziehen er und seine ebenfalls schwarzen Musiker Schwimmwesten an und erinnern an das Sterben im Mittelmeer. Sie sind froh über die Freilassung der Kapitänin Carola Rackete und singen „Kein Mensch ist illegal“.

Als Top Act des Abends hat sich Culcha Candela aus Berlin angesagt. Mit Hip-Hop, Reggae und Dancehall locken sie auch die letzten Besucher auf den Campus, die bisher noch zum Vorglühen vor dem Einlass gefeiert hatten.

Sehr viel stiller ging es nur wenige Stunden vorher in der Innenstadt zu. Der Golßener Verein Zukunft Heimat hatte zu einem Schweigemarsch aufgefordert, wollte so gegen die Freilassung des mutmaßlichen Mörders der Rentnerin Gerda K. protestieren.

Am Rande der Veranstaltung, zu der rund 300 Besucher aus Cottbus, Berlin und Dresden gekommen waren, äußerte sich auch der Bruder der Getöteten. „Ich bin sehr enttäuscht, dass der mutmaßliche Täter freigekommen ist“, sagt er leise. „Man kann nicht alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren, aber das ist nicht in Ordnung.“

Er selbst begleitet den Prozess um die Ermordung seiner Schwester als Nebenkläger. „Ich gehe nicht zu allen Verhandlungen, das wühlt mich zu sehr auf.“ Die Erinnerungen belasten ihn, seine Frau und die übrigen Angehörigen der Ermordeten. „Sie hatte ein glückliches Leben, ist wunderbare 82 Jahre geworden“, das tröste ihn. Den mutmaßlichen Mörder, so sagt er, habe sie gekannt, wie man sich eben im Treppenhaus kennenlernt. „Als ich ihn im Gericht gesehen habe, erschien er mir älter als 17“, sagt der Bruder. „Aber wenn die Gutachter zu einem anderen Ergebnis kommen, wird das schon stimmen.“

Ob und wann er selbst noch einmal vor Gericht gehört wird, weiß er nicht. „Ich glaube ohnehin, dass der Täter abhaut und verschwindet.“

 Anhänger von Zukunft Heimat beim Schweigemarsch zum Gedenken an die ermordete Gerda K.
Anhänger von Zukunft Heimat beim Schweigemarsch zum Gedenken an die ermordete Gerda K. FOTO: LR / Hilscher