ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:05 Uhr

Lange Haft für versuchten Mord
Ehefrau aus „niederen Beweggründen“ fast zu Tode gewürgt

Noch hat Rechtsanwalt Michael Sinapius sich nicht entgültig entschieden, ob er für seinen Mandanten Mazen S. Revision gegen das Urteil einlegen wird.
Noch hat Rechtsanwalt Michael Sinapius sich nicht entgültig entschieden, ob er für seinen Mandanten Mazen S. Revision gegen das Urteil einlegen wird. FOTO: Simone Wendler
Cottbus. Ein Palästinenser soll wegen Mordversuchs für neun Jahre hinter Gitter. Täter und Opfer hatten sich als Flüchtlinge in einem Deutschkurs kennengelernt.

Das Urteil für Mazen S. fiel deutlich aus. Wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung muss der 30-Jährige für neun Jahre ins Gefängnis. Damit lag die Strafe nicht nur über dem Antrag der Verteidigung, sondern auch über dem der Staatsanwaltschaft. Die hatte fünf Jahre Haft wegen versuchten Totschlags gefordert.

Mazen S. hatte zugegeben, seine heute 22-jährige Ex-Frau im Juli 2017 in einer Cottbuser Wohnung gewürgt zu haben. Als er von ihr abließ, habe sie noch gelebt, hatte er erklärt. Das sei, so der Vorsitzende Richter Frank Schollbach in der Urteilsbegründung, jedoch nur eine Schutzbehauptung. Mazen S. habe von der Frau nur abgelassen, weil deren Mutter und Bruder ihn mit körperlichem Einsatz daran hinderten, das bereits tief bewusstlose Opfer weiter zu würgen. Nur durch diese glücklichen Umstände habe die Frau überlebt, so Schollbach.

Mazen S., ein in Syrien geborener Palästinenser, war als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Im Herbst 2016 lernte er sein späteres Opfer Laila (Name geändert) in einem Sprachkurs kennen. Die junge Syrerin war mit Mutter und Bruder nach Deutschland geflüchtet. Nach wenigen Monaten heirateten die beiden vor einem muslimischen Geistlichen in Berlin.

Diese Ehe, so die Zusammenfassung der Beweisaufnahme durch das Gericht, verlief alles andere als glücklich. Mazen S. habe versucht, Laila seine Vorstellungen von einer Ehe aufzuzwingen, so zu kontrollieren und zu dominieren. Doch die junge Frau wehrte sich dagegen. Sie verteidigte ihren immer westlicheren Lebensstil, wollte eine Ausbildung machen, kein Kopftuch mehr tragen und sich ihre Kontakte nicht vorschreiben lassen.

Schon Anfang 2017 sei es deshalb auch zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen, so das Gericht. Das Paar trennte sich, doch Mazen S. unternahm immer wieder Versuche, seine Frau zurückzuholen. Im Sommer 2017 zog das Paar von Wittstock nach Cottbus, wo bereits die Mutter und der Bruder von Laila lebten. Kurz darauf kam es dann zu der Tat, für die Mazen S. nun verurteilt wurde.

Die spielte sich nach Überzeugung des Gerichtes so ab: An einem späten Vormittag im Juli vorigen Jahres ging Mazen S. zur Wohnung von Lailas Mutter, wo sich seine Frau aufhielt. Die hatte sich endgültig entschieden, nicht zu ihm zurückzukehren und ließ sich davon auch in einem längeren Gespräch nicht abbringen. Auf seine Bitte um ein letztes Gespräch unter vier Augen ging sie mit ihm in ein Nachbarzimmer.

Als er auch dort seine Frau nicht umstimmen konnte, habe er beschlossen, sie zu töten und sie deshalb mit beiden Händen gewürgt, so das Gericht. Er habe von ihr auch dann noch nicht abgelassen, als sie bereits tief bewusstlos war. Laut gerichtsmedizinischem Gutachten war das Würgen mit großer Intensität oder längerer Dauer erfolgt.

Dass Mazen S. seine Frau wegen ihrer Trennungsabsicht umbringen wollte, zeigte sich laut Urteilsbegründung auch durch sein Verhalten nach der Tat. Gegenüber der von den Verwandten des Opfers gerufenen Polizei kündigte er erneut an, seine Frau zu töten, nachdem er erfuhr, dass sie überlebt hatte.

Dass das Gericht ihn nicht wegen versuchten Totschlags, sondern wegen versuchten Mordes verurteilte, begründete der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer mit den niederen Beweggründen, aus denen Mazen S. gehandelt habe. Weil seine Frau sich seinen Vorstellungen von dem Zusammenleben nicht gefügt habe, habe er ihr das Lebensrecht abgesprochen. „Das ist nach hiesigen Vorstellungen ein Motiv auf unterster Stufe“, so der Richter.

Mazen S. sei in der Lage gewesen, das zu erkennen. Er habe schon länger in Deutschland gelebt, habe hier Kontakte gehabt und sei ein gebildeter Mann, der in Syrien Jura studiert hatte. Es gebe auch keinen Anhaltspunkt für eine verminderte Schuldfähigkeit oder dafür, dass es sich um eine Affekttat im Zustand einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung gehandelt habe. Zu Gunsten des Angeklagten wertete das Gericht, dass er strafrechtlich vorher nicht in Erscheinung getreten war, sich freiwillig stellte und „im Rahmen seiner Möglichkeiten“ ein Geständnis abgelegt hatte. Zu seinen Lasten werteten die Richter, dass seine Ex-Frau noch heute psychisch unter dem Angriff leide.

Rechtsanwalt Michael Sinapius, der Verteidiger von Mazen S., wird vermutlich für seinen Mandanten keine Revision beantragen, obwohl er im seinem Schlussvortrag für nicht mehr als fünf Jahre Haft plädiert hatte: „In ähnlichen Fällen hat die Kammer einen ähnlichen Maßstab angesetzt.“ Doch noch sei das nicht entschieden.

Zufrieden über das Urteil äußerte sich indes Rechtsanwalt Walter Otto, der das Opfer als Nebenklägerin vertrat. „Eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags und nur fünf Jahre Haft wären mir deutlich zu wenig erschienen“, sagte er. Auch bei einer vorzeitigen Entlassung sei seine Mandantin nun eine ganze Weile vor ihrem Ex-Mann sicher.