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| 13:18 Uhr

Landgericht Cottbus verhandelt Familiendrama
Blutiges Ende eines langen Familienkonfliktes

Bert K. ist am Cottbuser Landgericht wegen dreifachen versuchten Totschlages angeklagt. Rechts neben ihm sein Verteidiger Michael Sinapius.
Bert K. ist am Cottbuser Landgericht wegen dreifachen versuchten Totschlages angeklagt. Rechts neben ihm sein Verteidiger Michael Sinapius. FOTO: LR / Wendler Simone
Cottbus. Im August 2013 versuchte ein damals 26-Jähriger in Werben, seine Familie und sich selbst zu töten. Jetzt steht er vor Gericht. Von Simone Wendler

Es gibt selten Angeklagte, die vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichtes Cottbus sofort zu Prozessbeginn so umfangreich aussagen und danach auch Fragen beantworten. Eineinhalb Stunden lang verliest Bert K. am Mittwochvormittag eine Erklärung.

Der inzwischen 30-jährige Mediziner erzählt darin sein ganzes bisheriges Leben. Und er versucht zu erklären, wie es dazu kam, dass er in einer Augustnacht 2013 in Werben im Spree-Neiße-Kreis in der Doppelhaushälfte der Familie versuchte, Mutter, Adoptivvater und Bruder zu töten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm dreifachen versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vor. An Einzelheiten des Tatablaufes, so seine Erklärung, könne er sich nicht mehr erinnern. Dass er jedoch alle drei Angehörigen mit zahlreichen Stichen und Schnitten in Tötungsabsicht verletzte, das gibt er zu. Alle fünf Messer, die in einem Küchenblock steckten, wurden benutzt.

„Ich bedauere diese Ereignisse zutiefst“, sagt er am Ende seiner Erklärung. Unmittelbar nach der Tat versuchte er vergeblich, sich die Halsschlagader aufzuschneiden. Wenige Tage später verließ er das Cottbuser Krankenhaus, um sich vor einen Zug zu werfen. Als Folge davon fehlen ihm drei Finger der rechten Hand.

K. kam nach der Tat in stationäre psychiatrische Behandlung. Eine Untersuchungshaft blieb ihm erspart. Deshalb dauerte es auch fünf Jahre bis zum Gerichtsverhandlung. Die Cottbuser Schwurgerichtskammer musste vorher mehrere Verfahren mit Angeklagten verhandeln, die inhaftiert waren.

Bis heute ist Bert K. in psychotherapeutischer Behandlung. Trotzdem konnte er erfolgreich sein Medizinstudium beenden und steht nun kurz vor dem Abschluss der Facharztausbildung. Er lebt in Dresden.

Bert K. sitzt in schwarzem Anzug, weißem Hemd und dunkler Krawatte im Gerichtssaal. Er spricht schnell und ohne spürbare emotionale Schwankungen, als er sein Leben schildert. Bis kurz vor seiner Einschulung sei das glücklich verlaufen. Doch dann sei sein Vater mit dem Auto schwer verunglückt und kurz darauf gestorben. Das sei für ihn und seine Mutter eine sehr schwere Zeit gewesen: „Ich fühlte mich von ihr damals aber mit Wärme umsorgt.“

Seine Schullaufbahn schildert der Angeklagte so, wie viele Eltern sich das von ihren Kindern nur wünschen können. Sehr gute Leistungen, in der Freizeit Fußballspiel und Unterricht in klassischer Gitarre. Wenige Jahre nach dem Tod seines leiblichen Vaters hatte die Mutter sich wieder einem Mann zugewandt. Später wird sein Halbbruder geboren, die Familie zieht nach Werben.

Als er elf Jahre alt ist, wird Bert K. von seinem Stiefvater adoptiert. Für ihn sei das ein sehr widersprüchlicher Vorgang gewesen. „Ich wollte ja, dass wir eine richtige Familie sind, aber ich empfand das auch als Verrat an meinem leiblichen Vater“, sagt er vor Gericht. Eine innige Beziehung zum Adoptivvater habe sich nie entwickelt.

Hinter der heilen Fassade, so schildert er, habe es zunehmend heftigen Streit der Mutter mit ihrem neuen Mann gegeben, der bis zu Tätlichkeiten ging. Die Mutter habe sich dem neuen Mann untergeordnet. Er habe das Bedürfnis gehabt, die Mutter und auch den Bruder zu beschützen, habe sich aber ohnmächtig gefühlt, so der Angeklagte. Er schildert, wie er in den folgenden Jahren in dieser Situation psychosomatische Störungen entwickelt.

Im Sommer 2013 habe er sich antriebslos und zerrissen gefühlt, seine Stimmung sei eingetrübt gewesen. In der Tatnacht habe er gehört, wie seine Eltern im Schlafzimmer wieder stritten und es polterte. Seine Mutter sei dann in die Küche gegangen, habe ihre Hand gekühlt und gesagt, sie wisse nicht, wie es weitergehen soll.

Als sie dann auf die Toilette ging, sei er ihr gefolgt und habe auf sie eingestochen. Adoptivvater und Bruder, die alarmiert durch die Schreie der Mutter zu Hilfe kommen wollten, griff er ebenfalls an und versetzte ihnen lebensgefährliche Stiche. Er lief aus dem Haus, kam aber zurück, um, wie er auf Nachfrage sagt, zusammen mit der Familie zu sterben.

Nachfragen des Vorsitzenden Richters Frank Schollbach, ob er schon vorher Gedanken hatte, die Familie und sich selbst umzubringen und wie es in der Tatnacht eigentlich weitergehen sollte, beantwortet Bert K. eher vage. Solche Gedanken habe er gehabt, die seien aber nicht konkret gewesen.

Nachdem er das Blutbad angerichtet hatte, habe er keinen konkreten Plan gehabt, wie es weitergehen sollte: „Ich war erschöpft, konnte kaum atmen.“ Er habe dann weg gewollt von dem „Grauen, das sich dort ereignet hat“, formuliert er, als sei es nicht er selbst gewesen, der dieses Grauen angerichtet hatte.

Seine Eltern seien inzwischen geschieden, teilt Bert K. dem Gericht mit. Zu Mutter, Halbbruder und Adoptivvater hat er in unterschiedlichem Maße wieder Kontakt. Alle drei sind für den zweiten Verhandlungstag in der kommenden Woche als Zeugen geladen.