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Kurzsicht im Cottbuser Städtebau

Blick auf Cottbus: Der Wohnblock entlang der Löns- und Lipezkerstraße ist bereits verschwunden.
Blick auf Cottbus: Der Wohnblock entlang der Löns- und Lipezkerstraße ist bereits verschwunden. FOTO: Maus
Analyse. Für Architekt Johann-Christoph Kröhan ist die Cottbuser Stadtentwicklung bisher kurzsichtig und unvollständig. Angesichts des weiteren Bevölkerungsrückgangs sei es zwingend notwendig, das Umland einzubeziehen. Peggy Kompalla

Für den verdienstvollen Architekten Johann-Christoph Kröhan ist die Cottbuser Stadtentwicklung unvollständig. Er sagt: "Es ist im höchsten Grade unverantwortlich von unseren Stadtvätern, kein städtisches Gesamtkonzept in den vergangenen 25 Jahren erarbeitet zu haben, das zeigt, wie unsere liebenswerte Stadt Cottbus mit ihrem Umland - bis zum Jahr 2030 oder sogar bis 2050 städtebaulich, strategisch-wirtschaftlich zu entwickeln ist und aussehen sollte." Das sei in Anbetracht des weiter voranschreitenden Bevölkerungsrückgangs zwingend notwendig. "Bei dem heute prognostizierten Bevölkerungsrückgang von rund 30 Prozent werden wir im Jahr 2050 noch 70 000 Einwohner zählen", sagt Kröhan.

Zwar hat sich dieser Prozess in Cottbus in den vergangenen Jahren abgeschwächt, doch die Stadt verliert weiter Einwohner. Deutlich dramatischer sieht es im Landkreis Spree-Neiße aus. Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die jüngst bei Spiegel Online zusammengetragen wurden, bestätigen das. So verzeichnet Spree-Neiße bei der jungen Generation (den unter 30-Jährigen) im Wanderungssaldo in den Jahren 2011 bis 2013 mit minus sieben je 100 Einwohnern den bundesweit größten Bevölkerungsverlust. Cottbus kann dagegen ein Plus von 3,3 aufweisen. Ähnlich sieht es am anderen Ende aus. Bei den über 65-Jährigen verliert Spree-Neiße (minus 0,3) und gewinnt Cottbus (plus 1,6). Die Abwanderung in die Stadt ist seit Jahren zu beobachten. "Insofern ist der Spree-Neiße-Kreis zwingend in die Stadtentwicklungskonzeption mit einzubeziehen", fordert Kröhan.

Damit läuft der Architekt beim Unternehmerverband Berlin-Brandenburg offene Türen ein. Der Cottbuser Geschäftsmann Reinhard Schulze aus dem Verbandspräsidium propagiert seit Jahren eine engere Verflechtung von Großstadt und Landkreis. Die Region sei als ein Wirtschaftsraum zu betrachten, der eine gemeinsame Wirtschaftspolitik benötige und damit auch einen gemeinsamen Blick auf die Bevölkerungsentwicklung.

Architekt Kröhan betont, dass Cottbus von den ad hoc Entscheidungen rein ökonomisch begründeter Abrisskonzepte wegkommen müsse, ohne den Gesamtorganismus der Stadt heute und in 30 Jahren je untersucht zu haben. Er zählt aus seiner Sicht unbegründete Abriss-Entscheidungen der Vergangenheit auf. Dazu zählen: das denkmalgeschützte Ensemble in der Stadtpromenade, der Elfgeschosser an der Hagenwerder Straße als Tor nach Sachsendorf, die Blockrandbebauung an der Löns- und Lipezkerstraße sowie die Stadtring begleitende Bebauung an der Weinberg- und Görlitzer Straße. "Das sind alles unverzeihliche Eingriffe in den Kernorganismus unserer Stadt", betont der Architekt.

Als Lehre aus diesen Fehlern fordert Kröhan ein Zurückstellen der neuen Abrisspläne in Sandow (Curt-Möbius-Straße). "Hier ist eine Neubewertung unter einem städtebaulichen Gesamtkonzept notwendig", sagt Kröhan und fügt an: "Wir brauchen einen Strategieplan von Cottbus und Spree-Neiße in 2030/2050."

Zum Thema:
Die Stadt Cottbus zählte zum Stichtag 31. Dezemter 2014 nach Angaben der Rathaus-Statistik genau 99 284 Einwohner. Im Spree-Neiße-Kreis lebten zum 30. Juni 2014 118 363 Menschen. Die bevölkerungsreichste Stadt ist die Stadt Spremberg mit 22 351 Einwohnern.