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| 18:51 Uhr

Zeitreise
Das Mittelalter wird in Dissen lebendig

Kämpfe und das Alltagsleben der Slawen im Mittelalter wurden am Wochenende im  slawischen Siedlungsausschnitt „Stary lud“ in Dissen lebendig.
Kämpfe und das Alltagsleben der Slawen im Mittelalter wurden am Wochenende im slawischen Siedlungsausschnitt „Stary lud“ in Dissen lebendig. FOTO: Marion Hirche
Dissen. Darsteller aus acht Ländern zeigen Kunst und Kampf im slawischen Siedlungskomplex „Stary lud“. Von Marion Hirche

Der slawische Siedlungskomplex des frühen Mittelalters „Stary lud“ in Dissen wurde am Wochenende zum Mekka für Händler, Handwerker und kleine Kriegergruppen aus acht Ländern. Sie schlugen ihre Zelte ringsum die fünf Erdgrubenhäuser auf und verwandelten so diese historische Freilichtanlage in eine echt erscheinende Mittelaltersiedlung voller Leben.

Michal Sadowski aus dem polnischen Gdansk formte auf seiner Scheibe Tontöpfe und Vasen. Mateusz Lacki aus Dresden arbeitete an Holzmulden und Robert Foukant aus Berlin betätigte den Blasebalg am Glasperlenofen. Seine Freundin Maxi Heiner formte später in dem erhitzten mittelalterlichen Ofen runde gläserne Schmuckelemente. Auch sie selbst trug Schmuck an ihrem Leinenkopftuch: Schläfenringe. Diese wurden am Stand gegenüber hergestellt. „Eigentlich sind wir Vertreter der Wikingerkultur. Wir fertigen Schmuck und Nutzgegenstände aus dieser Zeit, alles nach Originalfunden. Bei unseren Märkten haben wir auch oft Vertreter vom slawischen Mittelalter getroffen und so haben wir die typischen slawischen Schläfenringe in unser Angebot aufgenommen“, erklärte Renate Greiner aus Moorregel bei Hamburg. Torsten Neuer unterstützte sie an diesem Stand und fertigte zum Beispiel Ringe für die sechsjährige Greta aus Cottbus an. „Wir sind Wiederholungstäter, waren schon öfter bei diesem Kriegerwochenende hier in Dissen. Die Finger der Kinder sind dicker geworden, deshalb müssen neue Ringe sein“, verriet Mama Manja Große. Begleitet wurde die junge Frau von Roger Baumann aus Gablenz und Sohn Karl. Der 3-Jährige hatte sich mit einem Holzschwert bewaffnet und forderte hier am Stand von jedem symbolisch Wegezoll. Seine Schwester Milena bekam ebenfalls passenden Schmuck. Die beiden Schläfenringproduzenten waren schon mehrfach Mitgestalter dieses traditionellen Kriegerwochenendes in Dissen. „Wir kennen die Dissener von Veranstaltungen in Dänemark her. Es sind sehr engagierte nette Leute. Nachdem wir diese sehr schöne und authentische Museumsanlage hier kennengelernt haben, kommen wir immer wieder gern hierher. Nicht nur die Anlage und das Museum sind eine Fundgrube, sondern es macht hier auch bei einer Veranstaltung Spaß, zu erzählen und zu zeigen, denn die Besucher sind sehr interessiert.“

Auch Carsten Meyer aus Gifhorn gehört schon zu den Fans von „Stary lud“. Er hämmerte filigran Nägel zu Feilen um: „Wir waren schon öfter hier. Uns gefällt die Herzlichkeit hier besonders.“ Juliane Schwartz aus Eisenach brachte ihren Handsprang mit und knüpfte vor einem der Erdgrubenhäuser ein Haarnetz für die Dutts der Frauen: „Dazu braucht man keinen Webstuhl, eine Astgabel zum Dazwischenspannen der Fäden reicht völlig.“

Wasili Katschaew reiste mit dem Auto aus Moskau an und zeigte nicht nur, wie ein Handbohrer funktionierte, sondern wie slawischer Mittelalterschmuck aussah. Natalja und Alexej Davydov kamen mit ihrer 18 Monate alten Tochter Elisaweta zum 2. Mal aus Kaliningrad nach Dissen. Während Töchterchen mit Mama das mittelalterliche Holzpferd testeten, kämpfte Papa Alexej in der internationalen Kriegertruppe. Nachgestellt wurden Kämpfe zum Überfall eines Dorfes mit Öffnen des Palisadentores und die Verteidigung von Brücken in dem Erdgrubendorf. In den beiden rivalisierenden Kämpfergruppen gab es eine internationale Sprachverständigung. „Russisch, Englisch und Deutsch durcheinander, das ist eine Herausforderung“, meinte Andreas Marschinke aus Berlin, der als normannischer Söldner kämpfte. Auch Natalja Davydova mischte beim Kampf am Tor mit: als Bogenschützin. Später kümmerte sie sich noch um Naturalien für die Familie, die sie bei Petra Kusch aus Dissen bekam.

Insgesamt waren Gestalter aus Polen, Tschechien, Frankreich, Dänemark, Russland, erstmals aus Litauen, Deutschland und aus den USA mit von der Partie. Die Besucher waren begeistert. Christian und Monika Kipp aus Lübben meinten: „Wir wurden hierher eingeladen und es hat sich auf alle Fälle gelohnt. Wir haben sehr viel gelernt.“ Stephan Dietze erfuhr aus dem Internet über die Veranstaltung. „Ich hätte mir das nicht so umfangreich und so interessant vorgestellt“, lobte der Berliner.

Bei strahlendem Sonnenschein konnten die Besucher auch so manchem Handwerker auf die Finger schauen.
Bei strahlendem Sonnenschein konnten die Besucher auch so manchem Handwerker auf die Finger schauen. FOTO: Marion Hirche