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| 17:35 Uhr

Lesung in der Bleiche
Literatur ist wie träumen im wahren Leben

 Wlada Kolosowa ist in Cottbus zur Schule gegangen. Jetzt sucht sie Inspiration im Spreewald.
Wlada Kolosowa ist in Cottbus zur Schule gegangen. Jetzt sucht sie Inspiration im Spreewald. FOTO: Peter Becker
Burg. Spreewald-Literatur-Stipendiatin Wlada Kolosowa gibt in Burg tabulose Einblicke in ihren ersten Roman „Fliegende Hunde“. Von Ida Kretzschmar

Die Lesung der gerade in der Bleiche residierenden Spreewald-Literatur-Stipendiatin beginnt mit einer Überraschung. Wlada Kolosowa fühlt sich hier sofort heimisch. Sie hat in den Jahren 1999 bis 2003 in Cottbus gelebt – die erste Station der deutsch-russischen Familie in Deutschland.

So ist es auch eine schöne Überraschung, dass Schulfreunde aus dem Cottbuser Humboldt-Gymnasium unter den Literaturfreunden in der Burger Bleiche sind. Einer von ihnen, Florian Schulz, lebt jetzt in Zürich. Über Instagram hat er von der Lesung erfahren. Und so verbindet er den Besuch in der Heimat mit der Gelegenheit, Schulfreundin Wlada wiederzusehen: „Wir waren alle im Ausland, sind unseren Weg gegangen. Es ist schön, zurückzukehren, um die gemeinsame Geschichte und neue Geschichten zu teilen“, sagt der Designer und Programmierer. Zumal ihn hier wahrlich eine schräge Geschichte erwartet.

Ohne viel Federlesen gewährt Wlada Kolosowa, eine schmale, mädchenhafte Autorin, tiefe Einblicke in die „Leningrader Diät“. Dahinter verbergen sich Pudding aus Tischlerleim, Grasküchlein, gebacken in Industrieöl, PappmascheeBuletten... Rezepte zum Würgen, die auf einer Internet-Plattform jugendlichen Usern präsentiert werden. Mit dem Hinweis: „Logge dich nie ein, wenn Erwachsene im Raum sind.“ Erwachsene würden einen Anfall kriegen. Denn diese als härteste aller Diäten Gepriesene beruft sich auf Erfahrungen während der Belagerung von Leningrad im Zweiten Weltkrieg. Am Ende gab es auf Lebensmittelkarten täglich nur noch mickrige 125 Gramm Brot, oft gestreckt noch mit Zellulose. „Eine Brotscheibe nicht viel größer als eine Damenbinde“, heißt es im Roman, in dem die Diät-Heilssprecher phänomenale Ergebnisse prophezeien: „Die Geschichte ist der Beweis...Halb Leningrad sah aus wie eine Onkologieabteilung“, liest die Autorin aus einem Kapitel ihres ersten Romanes „Fliegende Fische“.

Ein tabuloser Ton, der die Vernichtung durch Hunger, eines der monströsen Verbrechen der deutschen Wehrmacht, auf ganz unkonventionelle Weise, aber dadurch umso nachdrücklicher ins Bewusstsein rückt. Obwohl sich die Leningrader in fast 900 Tagen Belagerung schließlich selbst von Katzen und Kleister zu ernähren versuchten, waren sie völlig ausgemergelt. Hunderttausende starben den Hungertod.

Die Geschichte aber, die die junge Autorin erzählt, hat sie in einem tristen Vorort von St. Petersburg in der Gegenwart angesiedelt. Es geht um zwei 16-jährige Mädchen, die gemeinsam Nächte unter einer Decke verbracht und sich dabei ihre Träume ins Ohr geflüstert hatten. Dann aber verlässt Lena, die wegen ihres Untergewichts und Größe von Mitschülern „Bandwurm“ gerufen wurde, Oksana, um als Model in Schanghai ihr Glück zu versuchen. Oksana aber leidet unter der Trennung und auch unter den Sprüchen auf dem Schulhof, in denen ihr Hintern als „große Sehenswürdigkeit“ vorkommt. Und so taucht sie immer mehr in die Online-Community ab, in der Magersüchtige die Belagerung von Leningrad nachahmen.

„Eine Leningrad-Diät gibt es nicht“, stellt die Autorin auf die Nachfrage klar, ob sie vielleicht eigene Erfahrungen hat einfließen lassen. Diese entspränge ihrer „krankhaften Fantasie“, wie ihr schon unterschoben wurde, ohne das Buch gelesen zu haben. „Ich könnte mir derzeit auch nicht vorstellen, dass der Roman in Russland erscheint. Die Leningrader Blockade ist dort noch immer ein sehr sensibles Thema, das keine Grautöne verträgt. Rumspielen damit ist nicht erlaubt. Wobei es mir ja gerade darum geht, Geschichte nicht als Life-Style-Thema zu missbrauchen. Das ist nur durch Lesen zu erfahren“, betont die Schriftstellerin.

„Russische Mädchen schlagen sich durch, verlieben sich und ekeln sich dabei. Ein freches, leidenschaftliches, kluges Buch“, so hat ihr Kollege Wladimir Kaminer den Roman beurteilt. Immerhin spricht man in Russland noch immer nicht darüber, dass zwei Frauen gemeinsam unter eine Decke kriechen.

Wlada Kolosowa hat an der Freien Universität Berlin Publizistik studiert und Kreatives Schreiben an der New York University, wie sie erzählt. Und sie arbeitet als Journalistin. Akribisch recherchierte sie auch für ihren Roman. Sie fuhr nach St. Petersburg, wo sie geboren wurde, sah sich in den Vororten um. Und sie war in den Magersüchtigen-Foren unterwegs, las von Kameradschaft, gegenseitigem Antreiben und Fertigmachen. Und doch betont sie: „Literatur schreiben verhält sich zur Realität wie träumen zum wahren Leben.“

Nicht aus der Luft gegriffen ist dabei, dass sehr viele junge Russinnen in Asien für wenig Geld modeln und darauf hoffen, den Sprung in die weite Welt zu schaffen. Wie zur Bestätigung erzählt eine Literaturinteressierte aus Cottbus, dass sie gerade eine Gastschülerin aus Ufa beherbergt, die ein Modelangebot aus Schanghai hatte...

Und was wird demnächst von Wlada Kolosowa zu lesen sein? Die Stipendiatin lässt sich zunächst vom Spreewald inspirieren. Vielleicht entsteht ja mal ein Comic­roman, überlegt sie. Trifft sich gut, so Christine Clausing, Stifterin und Kuratorin der Spreewälder Kulturstiftung. Gerade denke die Jury darüber nach, das moderne Literaturgenre Graphic Novel ins Stipendienprogramm aufzunehmen.