| 20:12 Uhr

Rezension
Versierter Bogenstrich und neue sinfonische Ufer

Der Solist Maximilian Hornung begeisterte beim 5. Philharmonschen Konzert am Staatstheater Cottbus.
Der Solist Maximilian Hornung begeisterte beim 5. Philharmonschen Konzert am Staatstheater Cottbus. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Cellist Maximilian Hornung spielt sich beim 5. Philharmonischen Konzert am Cottbuser Staatstheater endgültig in die Herzen der Zuhörer. Von Rüdiger Hofmann

Brahms, Elgar und eine Uraufführung – diese Mixtur verspricht ein unterhaltsames Konzert. Das wird es auch, denn sowohl Solist als auch Orchester erwischen einen Abend nach Maß. Das 5. Philharmonische Konzert am Cottbuser Staatstheater gerät zu einem echten Erlebnis. Wie gewohnt startet der Abend mit einer Uraufführung – dieses Mal von Otto Wanke – 28-jährig und aus Tschechien – unter dem Titel „Schatten…Ströme“ gelistet. Otto Wanke fächert in seinem Auftragswerk Klänge so auf, als fiele Licht durch ein Prisma. Musik aus der Perspektive der Optik zu betrachten, ist eine der faszinierenden Fähigkeiten des jungen Komponisten von der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien. Zunächst bilden die Streicher eine einheitliche Struktur, doch der Schein trügt. Die Entwicklung des thematischen Materials wird jäh durchbrochen und in unterschiedliche Ebenen zersplittert. Vor allem die Bläser fahren immer wieder den Streichern in die Parade. Beeindruckend die Schlussgestaltung: Ein plötzliches Ende stoppt jeglichen Entwicklungsfluss.

Nach der Uraufführung ist es Zeit für den Solisten des Abends: Maximilian Hornung. Der 1986 in Augsburg geborene und mit dem Echo Klassik 2012 ausgezeichnete Cellist ist zum wiederholten Male in Cottbus zu Gast. Hornung liefert einen brillanten Auftritt ab. Er präsentiert das Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll op. 85 des englischen Komponisten Edward Elgar. Es entstand als viersätziges Werk und ist ein trauriges Stück und, hinsichtlich der Lebensumstände des Komponisten, ein tragisches. 1919, ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, geschrieben und uraufgeführt, wurde das Konzert überschattet von der Sorge um seine schwerkranke Frau Alice und die eigene angeschlagene Gesundheit, vom Verlust zahlreicher Freunde, von grauenhaften Erinnerungen an das Kriegsgeschehen. Es ist zugleich ein Abschied: von den humanistischen Idealen des alten Europas; vom Komponieren, denn es sollte Elgars letztes großes Werk sein; und vom Leben. Denn Elgars Frau starb 1920, er selbst erst 15 Jahre nach der Uraufführung.

Der erste Satz beginnt mit einer rezitativen Einleitung des Solocellos, bevor das Orchester – zunächst in den Bratschen – das Hauptthema intoniert, das auf einer einzigen rhythmischen Zelle basiert und mehrfach ausschweifend wiederholt wird. Hornung liefert technisch äußerst anspruchsvolle Passagen. Er schafft es einerseits, auch leiseste Töne noch entsprechend zu intonieren und andererseits auch schnellste staccato-Abfolgen, sauber zu treffen. Lebhafte Sechzehntelfolgen werden wie selbstverständlich zelebriert, hinzu kommen große Melodiebögen.  Der dritte Satz verzichtet auf Blechbläser und umfasst lediglich 60 Takte, dessen durchgehende melodische Linie in B-Dur das Solocello fast ununterbrochen fortspinnt. Das Finale ist der umfangreichste Satz des Werkes.

 Das nach einer raschen Orchestereinleitung vom Cello intonierte Hauptthema trägt die für Elgar charakteristische Vortragsbezeichnung „Nobilmente“ und wird später vom ganzen Orchester übernommen. Gegen Ende erscheinen als Reminiszenzen zunächst die Melodie des Adagio und dann das Cello-Rezitativ vom Beginn des ersten Satzes, bevor der Satz im vollen Orchesterklang zum fast abrupten Ende getrieben wird. Hornungs herausragender Auftritt darf nicht ohne eine Zugabe enden.

Nach der Pause folgt ein sensationelles Kraftpaket – die erste Sinfonie von Johannes Brahms, in c-Moll, op. 68. Welche eine Sinfonie! Man muss sie sich anhören, vor allem aber muss man sie von diesem Philharmonischen Orchester hören!

Selten war die Entstehung einer Sinfonie so schwerfällig: Der erste Plan dazu wurde von Brahms 1854 gefasst, als eine Sonate für zwei Klaviere vorlag, mit der Brahms nicht zufrieden war. Die Umwandlung zur Sinfonie misslang. Beim dritten Versuch prägte sich das Material zum d-moll-Klavierkonzert aus. Der 1855 begonnene erste Sinfonie- Satz war, noch ohne den Sostenuto-Anfang, nicht vor 1862 vollendet und zur endgültigen Ausarbeitung des ganzen Werkes kam es erst in den Jahren 1874 bis 76. Brahms gelang es tatsächlich, eine eigenständige, originelle Sinfoniekomposition in der Nachfolge Beethovens vorzulegen, was zur damaligen Zeit unmöglich erschien. Die Cottbuser Philharmoniker erinnern durch eigentümlich geistigen, teils übersinnlichen Ausdruck und durch die schöne Länge der Melodien, durch die Kühnheit und Originalität der Modulation und durch die polyphone Gestaltungskraft eigentlich an Beethovens sinfonischen Stil. Und doch ist es Brahms, der hier spricht.

Spektakulär und einzigartig wird der Anfang der Sinfonie gestaltet, mit den dominanten, pochenden Pauken. Einflüsse der Volksmusik arbeitet Evan Alexis Christ mittels gesanglicher Themen gut heraus, ohne zu langsam zu werden. Die Komplexität des großen ersten Satzes setzen die Musiker an diesem Abend fantastisch um: mit einem ersten Thema (treibend-mitreißend) und einem zweiten Thema (lyrisch mit einem Oboensolo), während ein weiteres Motiv markante, energische Triolen offenbart.

Der zweite Satz gibt sich idyllisch bis leidenschaftlich, das Geschehen fließt ineinander. Der dritte Satz erinnert vom Aufbau her an ein Scherzo. Der Beginn wirkt pastoral, es wird dann aber rasch heftiger. Der Mittelteil wird vom Streicherapparat musikalisch verdichtet.

Schließlich landet man beim C-Dur Finale – und sofort spürt man, da zeichnet sich etwas Herausragendes ab. Wieder eine Einleitung, aber was für eine! Zögernd, suchend, dann das große Hornthema und der Choral darin. Die Stimmungswechsel dieser großen Einleitung sind spannend komponiert, zwischen Fragmenten und Monumenten. Der Hauptsatz mit seinem berühmten „alternativen Freudenthema“ und mit Durchführung und Reprise, die ineinander verschmelzen, schon allein weil Brahms den zu erwartenden Repriseneinsatz des Hauptthemas ausspart, macht das Werk bis zur Coda-Stretta zu einer Finalsymphonie mit den starken Eckpfeilern der Sätze 1 (grimmig) und 4 (zuversichtlich-heroisch) und den reizvollen „Intermezzi“ der Binnensätze.

 Im Schlusssatz setzte sich Brahms intensiv mit der Neunten Sinfonie von Beethoven auseinander. Er öffnete der sinfonischen Gattung durch reine instrumentale Gestaltung einen neuen Weg zur Weiterentwicklung. Christ und das Philharmonische Orchester setzten diesen neuen Weg tadellos um. Das Publikum schmetterte nach diesem Auftritt Bravo-Rufe gen Bühne. Einfach fantastisch!