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| 14:21 Uhr

Vor der Premiere
Schlaflos im Schlummerland

Hardy Brachmann ist das Traumfresserchen.
Hardy Brachmann ist das Traumfresserchen. FOTO: Marlies Kross
Cottbus . Der Tenor Hardy Brachmann ist wie vor 22 Jahren das Traumfresserchen am Staatstheater. Von Renate Marschall

Ach, wäre das schön, eine Welt ohne Albträume und all die schrecklichen Dinge, die sie verursachen. Wäre. Die Realität sieht leider anders aus. Und es gehört zu ihren Unzulänglichkeiten, dass keiner da ist, der den bösen Träumen den Garaus macht. Da geht es der Prinzessin, dem König und der Königin und all den anderen Leuten in Schlummerland doch viel besser – sie haben ein Traumfresserchen. Gut zu schlafen gehört dort nämlich zur ersten Bürgerpflicht. Wer das am besten kann, wird König. Ist ja klar, der ist den ganzen Tag über gut drauf und putzmunter trifft er immer die richtigen Entscheidungen.

Leider ist dieses Paradies nur ein Teil des großen Märchenlandes, in das der großartige Erzähler Michael Ende es hineingeschrieben hat. Aber wenigstens lässt sich ja davon träumen. Ab 30. November hilft das Staatstheater Cottbus dabei und bringt das Traumland auf die Bühne, wo es vor 22 Jahren schon einmal seinen Zauber entfaltete. Martin Schüler, damals Operndirektor und später langjähriger Intendant des Hauses, hatte das Singspiel als Modellinszenierung entwickelt.

Da ist es also wieder, das Traumfresserchen – mit Bart, zottliger Mähne und dickem Bauch. Da stecken all die Bösewichter und Gruselgestalten drin, die Kindern Angst machen. Aber wo war es all die Jahre? Immer am selben Ort, nur in anderer Verkleidung – als Malcolm in „Macbeth“, Mime in „Siegfried“ und „Rheingold“, Basilio in „Die Hochzeit des Figaro“, Jekyll im gleichnamigen Musical oder Pedrillo in der „Entführung aus dem Serail“.

Der sich unter der Maske des Traumfresserchens verbirgt, ist derselbe von vor mehr als 20 Jahren und doch ein anderer. Der Tenor Hardy Brachmann hat seither wohl mehr als hundert kleinere und größere Partien gesungen – vor allem aber hat er eine Familie gegründet und selbst zwei Kinder. „Ich habe schon immer gern für Kinder gespielt. Sie sind ein so begeisterungsfähiges Publikum und sie reagieren unverfälscht. Sie zeigen sofort, wenn ihnen etwas nicht gefällt und verschenken rückhaltlos ihre Sympathie“, so der Sänger. Er erinnert sich noch, wie damals Kinder zu ihm kamen, ihm von ihren schlimmen Träumen erzählten. „Das war für mich sehr berührend. Ich habe ihnen dann geraten, ganz fest an das Traumfresserchen zu denken, damit es die bösen Gedanken verschluckt.“ Diesmal wird Brachmanns sechsjährige Tochter in der Generalprobe sitzen und er ist gespannt, wie sie reagiert. Sein Sohn ist erst viereinhalb Monate alt und muss wohl auf das nächste Traumfresserchen warten.

Seit 1995 ist Hardy Brachmann am Staatstheater Cottbus fest engagiert. Dass es dazu kam, war wie so oft im Leben einem glücklichen Zufall geschuldet. Nach dem Gesangsstudium an der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ bei Roman Trekel war sein erstes Engagement in Neustrelitz. In seinen letzten Sommerferien zog es den gebürtigen Cottbuser in seine Heimatstadt, wo zu der Zeit Ruth Berghaus, bis heute eine Theaterlegende, regelmäßig Meisterkurse abhielt. Für „Die Entführung aus dem Serail“ wurde noch ein Pedrillo gesucht. Hardy Brachmann ließ sich breitschlagen.

Martin Schüler, selbst ein Schüler von Ruth Berghaus, schaute oft bei den Proben herein. „Eines Tages kam er auf mich zu, meinte, er könne mich gut gebrauchen und wo ich denn engagiert sei“, erinnert sich der Tenor. „Dabei hatte ich mich in Cottbus beworben und keine Antwort bekommen. Herrn Schüler war das ein bisschen peinlich.“ Von Neustrelitz wegzukommen, war nicht so einfach, der dortige Intendant hatte inzwischen auch gemerkt, dass man mit dem jungen Mann, der nicht nur gut singt, sondern Figuren auch glaubhaft darzustellen vermag, etwas anfangen kann. Seine Figuren wirklich zum Leben zu erwecken, ist Hardy Brachmann wichtig. „Ich habe mir bei den Schauspielern viel abgeguckt und in Christoph Thom an der Hochschule einen guten Lehrer gehabt, der mir Lust gemacht hat, zu spielen.“

Martin Schülers Inszenierung vom „Traumfresserchen“ gibt es auf Video. Da es eine Modellinszenierung ist, soll sie so aufgeführt werden wie damals. Anna Lisa Canton, die jetzt Regie führt, hat dennoch kleine Veränderungen vorgenommen. „Damals sind die Albträume durchs Publikum gewandert, das lassen wir weg, weil es den Kindern Angst gemacht hat“, erzählt der Sänger. Er hat sich das Video nicht angesehen, wollte sich noch einmal neu mit der Figur auseinandersetzen. „Vielleicht nach der Premiere“, sagt er.

Im Schlummerland gewinnen die bösen Träume für kurze Zeit die Oberhand, weil die neugierige Prinzessin Schlafittchen verbotenerweise in den Keller geschlüpft ist, das hässliche Männlein fand und es davonjagen ließ. So ist es, wenn man sich von Äußerlichkeiten leiten lässt. Schlaflos in Schlummerland – dabei kommt nichts Gutes raus. Also macht sich die Prinzessin auf die Suche, das Traumfresserchen zurückzuholen. Ob das gelingt? Im Märchen doch immer. Und vielleicht geht auch Schülers Idee auf, dass jetzt, 22 Jahre später, die Kinder von damals mit ihren Kindern im Publikum sitzen.

Für die Premiere am 30. November, 11 Uhr, im Großen Haus des Staatstheaters gibt es Restkarten. Karten sind derzeit für die Familienvorstellungen am 1. Dezember, 17 Uhr; 14. Dezember, 18 Uhr; 25. Dezember, 11 Uhr; 27. Dezember, 18 Uhr, erhältlich bei der RUNDSCHAU, im Besucherservice: Ticket-Telefonnummer:  0355/ 78242424, sowie online über www.staatstheater-cottbus.de.

Hardy Brachmann ist das Traumfresserchen.
Hardy Brachmann ist das Traumfresserchen. FOTO: Marlies Kross