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| 13:57 Uhr

Interview mit Timur Vermes
Leuten auf die Füße treten — aber nicht sinnlos

 Timur Vermes, Jahrgang 1967, lieferte einen der erfolgreichsten deutschen Debütromane. Jetzt kommt er nach Cottbus.
Timur Vermes, Jahrgang 1967, lieferte einen der erfolgreichsten deutschen Debütromane. Jetzt kommt er nach Cottbus. FOTO: Cristopher Civitillo
Cottbus. Der Autor von „Er ist wieder da“ kommt mit seinem neuen Roman „Die Hungrigen und die Satten“ am 9. Mai zur Lausitzer Lesart. Von Ida Kretzschmar

„Die Hungrigen und die Satten“ heißt der Roman, den Timur Vermes am 9. Mai in der Reihe Lausitzer Lesart vorstellt. Vor der gemeinsamen Veranstaltung der Cottbuser Stadt- und Regionalbibliothek mit dem Brandenburgischen Literaturbüro und der RUNDSCHAU spricht Timur Vermes im Interview über seine Themen, die ihm die Mediengesellschaft oft frei Haus liefert.

Timur Vermes, schon mit Ihrem Debüt katapultierten Sie sich auf die Bestsellerlisten. In Ihrer Satire ließen Sie Adolf Hitler im Berlin des Jahres 2011 aufwachen und den Medienrummel für seine Zwecke nutzen. Sie sind selbst Journalist. Wer kann so ein Szenario verhindern? Müssen die Medien da mehr Verantwortung tragen, oder die Mediennutzer?

Vermes Die Medien berichten über das, was ihre Nutzer mit Aufmerksamkeit belohnen. Aber manchmal wundere ich mich schon. Wenn Trump jeden Tag irgendeinen Quatsch tweetet, aber nicht viel umsetzt – müssen die Medien das mitmachen? Was er tut, ist eine Nachricht, seine heiße Luft eigentlich nicht.

Lassen sich die neuen Medien überhaupt bremsen, kontrollieren?

Vermes Strafbare Dinge muss man ahnden. Ich bin kein großer Freund der Anonymität des Internets, ich denke nicht, dass es das Beste im Menschen hervorbringt. Mich findet man auch nicht in sozialen Netzwerken. Zumal ich da nicht mal weiß, mit wem ich diskutiere. Am Ende ist es nur ein Bot. Da erscheint es mir sinnvoller, Medienanfragen wie Ihre zu beantworten, weil, Sie gibt’s wenigstens wirklich.

Klar doch. Ihr Debüt „Er ist wieder da“ wird inzwischen in mehr als 40 Sprachen gelesen. Der Film lockte Millionen ins Kino. Was ist das für ein Gefühl?

Vermes Ein sehr schönes. Denn die Leute lesen ja freiwillig und gehen ins Kino, weil sie es wollen. Als freier Journalist weiß man ja nie so genau, wie etwas ankommt.

Im vergangenen Jahr erschien Ihr neuer Roman „Die Hungrigen und die Satten“. Diesmal geht es um Flüchtlinge, die die Aufmerksamkeit der Medien nutzen, um das abgeriegelte Europa zu entriegeln. Ist es die Mediengesellschaft, die Ihnen die Themen frei Haus liefert?

Vermes Manchmal, wenn entscheidende Dinge in der Debatte fehlen – und ich mich drüber ärgere. Das kommt öfter vor: Nehmen wir die Sache mit den Lufttaxis. Die werden als Zukunft des Nahverkehrs bejubelt. Da frage ich mich doch: Können die Leute nicht rechnen? Man verteile mal die Fahrgäste einer gut gefüllten S-Bahn auf lauter fliegende Telefonzellen – dann haben Sie halt künftig auf den Routen einen fliegenden Telefonzellenstau.

Ist das Ihr nächster Romanstoff?

Vermes (lacht abwehrend) Aber ähnlich ist es doch mit der Flüchtlingsdebatte. Da gibt es immer nur diese einfachen Formeln: Alle rein oder alle raus. Zaun bauen. Aber niemand hat genau hingeschaut: Was passiert da eigentlich, warum passiert es? Und was wird passieren, wenn die Grenzen dicht sind? Welches Rezept löst denn das Problem? Dabei kann man sich das meiste an allen fünf Fingern abzählen.

Das haben Sie in Ihrem Roman getan. Er wirkt noch böser, realistischer und komischer als Ihr erster, schreiben Kritiker. Und doch fängt er eigentlich erst dort an, wo der Spaß aufhört.

Vermes Tja. Das Bittere ist: Wenn im Buch kein Quatsch steht, dann kommt das doch wohl so. Gucken Sie in die Zeitung: Sie werden nur lesen, wie die exakten Voraussetzungen für den Roman umgesetzt werden. Jetzt, in diesem Moment. Wir stauen das Problem auf, bis es unbeherrschbar wird. Wir riegeln ab, sorgen dafür, dass die unschönen Bilder weit weg bleiben. Wir verdecken das Ausmaß, und so wird es eines Tages nur unkontrollierbarer.

Am Ende stellt sich die Frage: Was kann man tun, und in welchem Land wollen wir eigentlich leben – wie sieht Ihre Antwort aus?

Vermes Kommt aufs Ziel an. Wollen Sie reich bleiben oder wollen Sie Ausländer vermeiden? Wenn wir reich bleiben wollen, müssen wir mit dem Gedanken leben, dass Menschen ins Land kommen. Aber dann kann man sich drauf vorbereiten. Eine Integrationsindustrie hält auch jede Menge Jobs für Deutsche bereit. Dann haben alle was davon. Wenn Sie Ausländer vermeiden wollen: Wirtschaften wir unser Land runter aufs Niveau von Bulgarien – dann kommt kein Mensch mehr. Funktioniert hundertprozentig.

Komisch böse – wo setzen Sie Ihre eigene Grenze beim Schreiben?

Vermes Wenn ich Leuten auf die Füße trete, dann möchte ich, dass der Gag nicht sinnlos ist. Es muss immer damit ein Gedanke transportiert werden, über den sich nachzudenken lohnt.

Und auf welchem Fuß wollen Sie die Leute mit Ihrem neuen Roman erwischen?

Vermes Dass sie einfach mal die Augen aufmachen. Ich weiß nicht, ob die Armen irgendwann zu Fuß zu uns marschieren, als TV-Show, wie in meinem Buch. Aber ihnen wird irgendeine ganz einfache Idee kommen. Viele andere Länder können wegsehen, wir nicht: Weil wir das Ziel sind. Weil wir reich sind. Und wenn wir’s richtig machen, dann haben wir auch was davon. Das ist wie mit dem Schnee im Winter: Sie können jammern, dass wir das alles nicht schaffen, so viel Schnee, jedes Jahr, wir brauchen ein Dach über Deutschland. Winter ist unfair, Schnee gehört nach Schweden. Oder Sie eröffnen ein Skigebiet. Ich werde aus meinem Buch in Cottbus lesen und ein Szenario entwickeln: Wie würde Deutschland reagieren? Das wird unterhaltsam, aber ob es immer lustig sein wird, das kann ich nicht garantieren.

Lausitzer Lesart, 9. Mai, 19.30 Uhr, Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus, Eintritt: 12 Euro/10 Euro ermäßigt. Reservierung unter Telefon 0355 3806024 oder im Internet: www.lernzentrum-cottbus.de

 Timur Vermes, Jahrgang 1967, lieferte einen der erfolgreichsten deutschen Debütromane. Jetzt kommt er nach Cottbus.
Timur Vermes, Jahrgang 1967, lieferte einen der erfolgreichsten deutschen Debütromane. Jetzt kommt er nach Cottbus. FOTO: Cristopher Civitillo