ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 13:22 Uhr

Vor der Premiere
Wie entdecken Sie unbekanntes Land?

Jeder betritt auf seine Weise unbekanntes Land: Musiker Lars Neugebauer, Schauspielerin Lisa Schützenberger und Maler David Lehmann (v.l ).
Jeder betritt auf seine Weise unbekanntes Land: Musiker Lars Neugebauer, Schauspielerin Lisa Schützenberger und Maler David Lehmann (v.l ). FOTO: Marlies Kross
Ein choreografisches Figurentheater von Jo Fabian hat am 24. März im Staatstheater Cottbus Premiere. „Terra In Cognita“ (Unbekanntes Land) entsteht als Stückentwicklung – also ohne literarische Vorlage. Unbekanntes Land auch für Mitwirkende und Beteiligte. Die RUNDSCHAU fragte drei, was das für sie bedeutet. Von Ida Kretzschmar

Lisa Schützenberger (26), Schauspielerin: Ohne literarische Vorlage zu arbeiten, ist etwas ganz anderes, als ich es bisher gewohnt bin. Ein unbekanntes Land, wie der Titel des Stücks schon sagt, auch für uns Schauspieler. Bislang habe ich mich mehr mit den Figuren beschäftigt, die ich verkörpern sollte. Bei dieser Stückentwicklung nähern wir Schauspieler uns über den Inhalt der Form, erschaffen gemeinsam mit dem Regisseur Figuren, Situationen und Modelle. Das Spiel ist minimalistisch, erfordert Körperarbeit, die sich zu einem Gemälde fügt. Das ist neu für mich, ein Prozess, der mit Risiken verbunden ist, mit Sich trauen und Vertrauen. Schön ist es, sich Zeit zu nehmen zum Reden und zum Nachdenken über das unbekannte Land.

Noch ist der Prozess nicht zu Ende. Ich  bin gespannt, wie ich reagiere, wie das Publikum reagiert. Die Proben sind ein Wechselbad der Gefühle. Manchmal ergibt sich ein Knoten, der miteinander gelöst werden muss. Ich brauche extreme Herausforderungen. Sie gehören zu meinen Beruf, überhaupt zu meinem Leben. Denn ich bin gern unterwegs in unbekannten Ländern. Oft schon bin ich mit dem Rucksack in Asien herumgereist und finde es aufregend, nicht alles so genau zu planen, sondern einfach zu schauen, wo man ankommt. Ich habe die Erfahrung gemacht: Gerade an einem Ort, wo man eigentlich gar nicht hin wollte, lässt sich Überraschendes erleben.


Lars Neugebauer (39) Musiker:
Ich habe gemeinsam mit Jo Fabian schon einige Produktionen gemacht, am Staatstheater Cottbus aber ist es die erste, zumal in seiner Doppelfunktion als Schauspieldirektor und Regisseur. So gesehen ist das auch für mich neues Terrain, obwohl ich als Mastermind des „Black Friday“-Drum-Klubs schon gute Erfahrungen mit dem Haus gemacht habe. Das Spannende an diesem Stück aber ist, dass niemand vorher weiß, wo die Reise hingeht. Das Stück entwickelt sich von Woche zu Woche, immer wieder entdecken wir Neues, aus dem sich wieder Neues ergibt. Das ist sehr viel aufregender, als in gewohnten Bahnen zu denken. Ich studiere zum Beispiel mit den Darstellern ein Trommelbild ein, das sind ganz ungewohnte Anforderungen, denen sich die Schauspieler stellen. Oder ich steuere Statisten  als Galeerensklaven mit Trommelschlägen durch das erste Bild. Zusätzlich kümmere ich mich um das Sound-Design, das ja stark die Atmosphäre beeinflusst. Ich hoffe sehr auf ein Publikum, das nicht berieselt werden will und nicht danach fragt: Was will der Regisseur mir da sagen, sondern sich selbst einen Reim darauf macht. Es sollte auch genug Sitzfleisch mitbringen. Es wäre schade, wenn es die Videos verpasst, in denen alle Beteiligten und weitere Mitwirkende zu erleben sein werden. Dafür trommele ich auch noch mal.

David Lehmann (30): Maler: Seit Januar hospitiere ich am Staatstheater Cottbus. Das ist gar nicht so ungewöhnlich für einen Maler, selbst Picasso interessierte sich für Bühnenbilder, und doch ist es unbekanntes Land. Nachdem ich den Entstehungsprozess von „Die Verwandlung“ beobachtet hatte, bin ich jetzt mit einer diametralen Arbeitsweise konfrontiert und wurde für das Video sogar Sklaventreiber, Sklave und Maler, wobei mir die Rolle des Malers am leichtesten fiel. Ich liebe Theater, habe auch das sinfonische Bildertheater von Jo Fabian „Francesco“ gesehen. Seine Arbeitsweise betrachte ich als einen malerischen  Prozess, weil er aus dem Zufall heraus entspringt. Die Schauspieler werden ermutigt, sich zu beteiligen. Jede Position muss man sich selbst erarbeiten. Durch die Komposition der Figuren wird eine Bildkraft von innen heraus erzeugt. Eine soziale Praxis, ganz im Sinne von Joseph Beuys, dessen berühmter Spruch im Proberaum hängt: „Wer nicht denken will, fliegt raus.“ Die Kunstproduktion an sich immer wieder zu hinterfragen, ist ein unheimliches Geschenk. Manchmal sind statt großer pathetischer Gesten ein Detail, der Hauch einer Assoziation, das Besondere.

Ich finde das ist auch eine gute Diagnostik für die Gesellschaft,  um vielleicht so wieder Ruhe zu finden für die leisen Töne und nicht auf die lauten Phrasen des Marktplatzes zu hören. Ich habe bei der Entdeckung von „Terra In Cognita“ viel gelernt und bin glücklich, dabei gewesen zu sein. Nun werde ich, vielleicht für das Kunstmuseum Bonn, bald wieder die Farben mischen und mich überraschen lassen, was dabei herauskommt.

MIT DEN DREI „LANDVERMESSERN“

SPRACH IDA KRETZSCHMAR