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| 15:56 Uhr

Lesereihe
Den Gefühlen auf die Schliche kommen

Nicht nur Muße – das Spreewald-Literatur-Stipendium lockt immer wieder interessante Autoren zum Arbeiten in die verwunschene Landschaft.
Nicht nur Muße – das Spreewald-Literatur-Stipendium lockt immer wieder interessante Autoren zum Arbeiten in die verwunschene Landschaft. FOTO: ZB / Patrick Pleul
Burg. Die Spreewald-Stipendiatin Tamara Bach liest im Hotel Bleiche in Burg aus ihrem Jugendbuch „Marsmädchen“. Von Renate Marschall

Es ist wieder Lesezeit im Hotel Bleiche in Burg. Der elfte Jahrgang des Spreewald-Literatur-Stipendiums wurde am Mittwochabend eröffnet. Während draußen über den Wiesen bereits Nebel aufsteigen, das Mystische dieser Landschaft unterstreichen und an Krimi denken lassen, geht es in dem gemütlichen Veranstaltungsraum um Gefühle. Solche, die sich, nebulös wie sie sind, nicht genau definieren lassen, stetig wechseln, verunsichern.

Was ist das, was der Kopf da mit einem macht, in einer bestimmten Phase des Lebens? Jeder hat sie irgendwie selbst erlebt und aus anderer Perspektive vielleicht dann auch bei den Kindern.

Tamara Bach, die Herbst-Stipendiatin 2018, beschreibt das in ihrem Roman „Marsmädchen“ aus der Sicht der 15-jährigen Miriam. Die Lesung kann man fast szenisch nennen, wie sich die Stimme der Autorin wandelt, sodass man tatsächlich den Eindruck hat, dem Mädchen gegenüberzusitzen, das bei seiner Selbstbespiegelung wenig Zufriedenstellendes entdeckt.

Die Augen sind schön, aber der Rest ist bestenfalls Mittelmaß. Wie die aus der Zwölften möchte sie sein – alles an der scheint makellos. Bestimmt sagt sie auch nur kluge Sachen, meint Miriam.

Die Heranwachsende lebt in einer kleinen Stadt, in der man im Sommer viel machen kann und die im Winter einfriert. Mit ihren beiden Freundinnen ist sie unterwegs, wobei sie unsicher ist, ob ihr Zusammensein wirklich etwas mit Freundschaft zu tun hat. Der Zufall hat sie zusammengeführt und die Langeweile zusammengehalten. Bis zu jenem Tag, als Laura, die ganz vorn in der Schulbank sitzt, sie mit ihren grünen Augen ansieht. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander und Miriam spürt, wie sie es genießt, Laura zu berühren. Zugleich fühlt sie sich gehemmt. Warum? Nach und nach kommt Miriam ihren Gefühlen auf die Schliche, wobei ein gemeinsamer Diskobesuch eine entscheidende Rolle spielt.

Beeindruckend ist, wie sich Tamara Bach gemeinsam mit ihrer Figur vortastet, sie sich selbst und ihre Umwelt immer wieder anders entdecken lässt. Miriam ist kein Ausbund an irgendwas, sondern ein ganz normales 15-jähriges Mädchen, dessen Entwicklung die Autorin sehr gelassen nachspürt und das auch sprachlich überzeugend umsetzt, in einem nicht anbiedernden, sondern eher sachlich beschreibenden, humorvollen Stil. Ihre Erzählweise hat eine große Leichtigkeit, die junge Leser – und nicht nur die – in ihre Geschichten hineinzuziehen versteht.

Das gilt auch für die Kurzgeschichte „Alles Heilige“, die außerdem an diesem Abend zu hören war.

Die 1976 in Limburg an der Lahn geborene Autorin studierte an der Freien Universität Berlin Deutsch und Englisch auf Lehramt. Ihren ersten Roman „Marsmädchen“, der 2003 erschien, schrieb sie während eines Studienaufenthalts in England – aus Langeweile, wie sie sagt. In nur drei Monaten.

Sie hat eins ihrer Bücher auch schon in elf Tagen geschafft. Dennoch geht sie akribisch vor, lässt Freunde, die Stärken auf unterschiedlichen Gebieten haben und die sie meist vom Treffen Junger Autoren kennt, die Manuskripte lesen. Über so einen Vor-Leser gelangte ihr Manuskript „Marsmädchen“ in die Hände der Jury des Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreises und wurde 2002, noch vor seiner Veröffentlichung, ausgezeichnet.

Sechs weitere Romane hat Tamara Bach inzwischen geschrieben, seit 2012 sogar alle zwei Jahre, und viele Preise dafür eingeheimst. Außerdem ein Theaterstück.

Dabei ist sie ihren jugendlichen Lesern treu geblieben. Zu ihnen gesellen sich nun die Jüngsten: Im Frühjahr 2019 erscheint bei Carlsen Verlag ihr erstes Kinderbuch „Wörter mit L“. Zudem arbeitet Tamara Bach zurzeit an einem Theaterstück für Kinder „Das Huhn“, in dem es um Mobbing geht. Noch viel Arbeit, da kommt ihr das Stipendium in der Bleiche gerade recht. Zudem tut ja vielleicht der Spreewald mit seinen mystischen Herbststimmungen ein Übriges und animiert zu einer Grusel-, Krimi-, Schauergeschichte? Die könnte dann nächstes Jahr gelesen werden.

Wer neugierig geworden ist, kann Tamara Bach in den kommenden drei Wochen noch bei Lesungen erleben: am 14. mit „Marienbilder“, am 21. mit „Vierzehn“ und am 28. November mit ihrem jüngsten Roman „Mausmeer“. Der Eintritt ist frei.