| 19:49 Uhr

Premiere
Sprachlosigkeit in drei Teilen

Teil 2 in der Regie von Matthias Horn.
Teil 2 in der Regie von Matthias Horn. FOTO: Kross
Cottbus. Tolle Premiere des Stückes „Das brennende Aquarium“ im Staatstheater Cottbus: Das Publikum erlebt dabei einen vielseitigen und abwechslungsreichen Abend mit zwei grandiosen Schauspielern. Von Renate Marschall

Ein Text, zwei Schauspieler, drei Regisseure und ein Paradoxon – das brennende Aquarium. Darin zwei Fische. Besagtes Aquarium ist Teil des minimalistischen Bühnenbildes (Pascale Arndtz) und hängt an der Decke – interessante Konstruktion übrigens. Auf der Bühne eine Couch, ein Tisch, Stühle, die an der Wand hängen und bei Bedarf als Sitzgelegenheit dienen oder als Silbenwürfel über den Boden gerollt werden. Mehr braucht man für ein Aquarium nicht, in dem sich die Menschen beinahe ebenso sprachlos wie Fische bewegen.

Die Schauspieler, Kristin Muthwill und Boris Schwiebert  (neu am Haus), die für Mann und Frau stehen, agieren in allen drei Regiearbeiten mit zum Teil wiederkehrenden Texten. Wie sie das machen ist beeindruckend und zeigt, was schauspielerisches Können, was Theater vermag.

Auch darum ging es an diesem Abend. Mit ihrer ganz eigenen Ästhetik haben sich drei Regisseure der Geschichtensammlung „Liebst du mich?“ von Ronald D. Laing genähert und völlig unterschiedliche Stücke auf die Bühne gebracht. Zeugnisse des normalen Wahnsinns, wie er uns alle umgibt und bei dem wir fröhlich – oder auch nicht – mitmischen.

Für Ronald D. Laing, der in den 1960er- und 1970er-Jahren so etwas wie ein Kult-Psychoanalytiker war, ist das gesellschaftliche wie private Umfeld der Menschen, ihr Daseinskampf, das Eingepferchtsein in Zwänge, für einen Teil ihrer Erkrankungen, der Schizophrenie etwa, verantwortlich. Gesprächsprotokolle, Erfahrungen ließ er in sein literarisches Schaffen einfließen. Fehlende und missglückte Kommunikation, Redundanz, mangelnde Empathie, die sich bis zum Hass steigert, sind Erfahrungen, die sie und er mehrfach an diesem Abend machen und die wohl allen im Publikum irgendwie bekannt vorkamen.

Max Schumacher, Regisseur des ersten Teils, geht es analytisch an. Die Schauspieler bewegen sich wie in einer Versuchsanordnung. Er spürt dem geteilten Ich nach, spielt mit dem Publikum, indem er englische Originaltexte nutzt und schon da die Verlässlichkeit von Sprache infrage stellt: Was ist die Übersetzung wert?

Zusätzlich malen die Schauspieler mit der Nebelmaschine Buchstaben in die Luft – fragile Gebilde. Einzelne Wortfetzen wabern durch den Raum, Wiederholung macht Verständigung nicht besser und auch nicht der Versuch, sich etwas in den Mund zu legen. Sie: „Das weißt du ganz genau.“ Er: „Nein, das weiß ich nicht ganz genau.“ Er: „Hör auf damit.“ Sie: „Hör du auf damit.“ Womit? Max Schumacher findet viele ungewöhnliche Bilder für Sinnentleerung und Sprachlosigkeit. Er und sie sind eher kühle Typen, unterstrichen durch die Kleidung. Das Spiel vollzieht sich vorrangig über die Mimik der Darsteller, die oft genug das Gegenteil der Wortinhalte ausdrückt.

Ein verliebtes Pärchen, jung, fröhlich – zunächst – schickt Matthias Horn im zweiten Teil auf die Bühne. „Liebst du mich?“ ist hier die zentrale Frage. Am Anfang atemlos voller Begierde gestellt, wird sie irgendwann banal, um schließlich so viel Hass zu entfachen, dass er sich in Tätlichkeiten entlädt. Selbst das gemeinsame Musikhören wird zur Kampfhandlung. Er mit Rammstein, sie mit dem Uraltschlager „Wenn ein junges Mädchen weint“. Sie ist enttäuscht vom Leben, von dem Mann, der sich nicht als der Richtige entpuppt hat, sie will ihn nicht mehr, da kann er machen, was er will.

Man fragt sich, warum trennen die sich nicht? Statt dessen als Endlosschleife: „Das ist immer das Gleiche. Lass uns nicht wieder davon anfangen.“ Schwer abzustellen und in der Realität wahrscheinlich öfter als vermutet, vorhanden.

Um Grenzen der Kommunikation auf allen Ebenen – im Zwischenmenschlichen ebenso wie in der Politik – geht es Regisseurin Angelika Zacek in Variation Nummer drei. Ein Kaleidoskop von Möglichkeiten einer gewollt oder ungewollt nicht vorhandenen Verständigung mittels Worten blendet Angelika Zacek in 13 schnell aufeinanderfolgenden Szenen auf. Sie nutzt dafür verschiedene Mittel des Theaters von der Maske über Tänzerisches bis zu Videoeinblendungen.

Bemerkenswert, was Kristin Muthwill und Boris Schwiebert allein in diesem Teil leisten. In Minuten wechseln sie mit dem Kostüm den Charakter (auch Donald Trump ist dabei) und immer ist das stimmig. Großes Kino – oder vielmehr Theater, belohnt mit viel Applaus.

Dieser Abend ist intellektuell anspruchsvoll, dabei unterhaltend und durchaus komödiantisch. Spannend, was aus ein und demselben Text mit Kreativität entstehen kann. Nach der Vorstellung gab es im Foyer der Kammerbühne eine Diskussionsrunde, die sich ein bisschen schwer tat. Da muss auch das Publikum noch Mut fassen, um wie der neue Schauspieldirektor Jo Fabian es will, zum Mitakteur zu werden.

Szene aus Teil 3 (Regie: Angelika Zacek).
Szene aus Teil 3 (Regie: Angelika Zacek). FOTO: Marlies Kross/ Theaterfotografin / Kross