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| 18:16 Uhr

Cottbuser Bücherfrühling
Die Poesie aufgebrochener Türen

Der preisgekrönte Dichter und Erzähler Lutz Seiler (l.) im Gespräch mit Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro.
Der preisgekrönte Dichter und Erzähler Lutz Seiler (l.) im Gespräch mit Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro. FOTO: Michael Helbig
Cottbus . Schriftsteller Lutz Seiler gibt in der Lausitzer Lesart Kostproben aus einem Manuskriptversuch. Von kretz

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Wie schwer das neunte Gebot zu befolgen ist, führt Lutz Seiler Dienstagabend in der Cottbuser Stadt- und Regionalbibliothek seinen Zuhörern ernüchternd, aber anrührend vor Augen.

Es ist die anarchische Zeit im Wendejahr 1989 in Berlin. Sein Held, der an den Germanistik-Studenten Edgar Bendler aus Seilers preisgekröntem Debütroman „Kruso“ erinnert, sucht für sich und seine Freundin nebst Kind eine Höhle, um der neuen Welt seinen Anteil abzutrotzen. Im Liebes- und Besetzer-Rausch muss manch verschlossene Tür im Hinterhaus dran glauben. Seilers Beschreibung aber lässt die Verlorenheit in dieser Stadt so genau und detailgetreu spüren, den rohen Stein und die rohe Gewalt, den Rhythmus der Mietskasernen und die Scham von damals, die immer noch wächst, dass auch jenen Zuhörern, die Seilers Gedichte noch nicht kennen, offenbar wird: Dieser Erzähler ist ein Dichter. Was wohl auch gut zum diesjährigen Bücherfrühlingsmotto „Außenseiter“ passt, wie Uta Jacob von der Bibliothek bemerkt.

„Meine Wohnung“ überschreibt Lutz Seiler seinen Manuskriptversuch – wie er ihn nennt – Stoff womöglich für seinen neuen Roman, den er während der Lausitzer Lesart – eine Reihe, die gemeinsam mit dem Brandenburgischen Literaturbüro und der RUNDSCHAU veranstaltet wird – in Auszügen vorstellt. Im Gespräch mit seinem Freund Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro, der ihn nach Cottbus gelockt hat, erzählt er, dass „Meine Wohnung“ bereits in der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ erschienen ist sowie in einem Buch aus dem Herder-Verlag „Dekalog heute“, eine Sammlung von 21 literarischen Texten, die sich Strahlkraft und Zumutungen der Zehn Gebote widmen.

Gedichte aber sind sein Heimathafen, in den er immer wieder gern zurückkehrt. Auch an diesem Abend in Cottbus. Da entfaltet sich die Atmosphäre des Peter-Huchel-Hauses in Wilhelmshorst, in dem vor ihm schon viele Dichter gelebt und gearbeitet haben auch als Zweifel, ohne die, so beteuert der Autor im Gespräch, nichts Gutes zustande kommt. Mehr noch: Seiler verbreitet den „Geruch der Gedichte“, wobei er der Mutter gedenkt, die sonntags thüringische Klöße kocht, während sie den kleinen Jungen Gedichte rezitieren lässt – erst ohne, dann mit Betonung.

„Wie aber kommt ein Baufacharbeiter zum Schreiben?“ fragt Hendrik Röder. Er habe sehr spät angefangen zu lesen, antwortet Lutz Seiler. Erst bei der Armee. Ihre freie Zeit vertrieben die Soldaten damit, aus Sperrholz Schwibbögen und Weihnachtsfiguren auszusägen. „Man muss dafür eine lockere Hand haben. Aber ich zerbrach selbst die Reservesägeblätter, sodass mich die Kameraden vom Tisch verbannten“, gesteht er. Aus dieser Not heraus sei er zum Lesen gekommen. „Das war eine so intensive Begegnung mit der Literatur, dass ich sofort angefangen habe zu schreiben“, erinnert er sich: „Ich musste schreiben. Ich konnte nicht anders.“ Als er in den Neunzigern in Berlin lebte, hatte er jedes neue Gedicht auf einer Staffelei platziert und im Vorbeigehen immer wieder geprüft: Ist es gut? Zehn Jahre dauerte es, bis er seinen ersten Gedichtband veröffentlichte. „Für einen Autor gibt es nichts Größeres als das erste Buch“, versichert er. Selbst sein Roman „Kruso“, der ihm den Deutschen Buchpreis und heftige Reaktionen einbrachte, konnte in ihm nicht dasselbe Gefühl auslösen.

 Lutz Seiler aber erweist sich hier nicht nur als begnadeter Erzähler, sondern auch als Dichter von besonderer Sprachkunst. Die Lesehungrigen genießen diesen Abend, an dem sich die Poesie aufgebrochener Türen erschließt – als warte dahinter noch immer das erträumte Leben.