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| 17:48 Uhr

Künstlergespräch mit Rudolf Sittner
Den Farben Südamerikas ganz nah

 Rudolf Sittner vor seinem Werk „Die Mine“, Acryl auf Leinwand, entstanden im Jahre 2005.
Rudolf Sittner vor seinem Werk „Die Mine“, Acryl auf Leinwand, entstanden im Jahre 2005. FOTO: Ralf Jokschmann
Cottbus. Der Cottbuser Künstler erzählt, wie Reisen seine Formensprache veränderten – und über neue Projekte. Von Ida Kretzschmar

Seit 2008 finden in der Landesärztekammer Brandenburg in Cottbus Ausstellungen statt. Noch bis Juni präsentiert dort Rudolf Sittner Malerei und Zeichnung. Im Künstlergespräch gibt der Cottbuser Maler und Grafiker, der am 15. Mai seinen 75. Geburtstag feiert, Einblick in sein Schaffen.

Rudolf Sittner, manche Künstler ziehen es vor, o.T. (ohne Titel) zu arbeiten. Sie halten das anders, warum?

Sittner Ich betrachte Kunst nicht nur als Selbstreflexion und Selbstvergewisserung. Das ist sie für mich auch. Aber ich bin ebenso auf Kommunikation aus. Dafür möchte ich mit den Titeln einen gewissen Anstoß geben. Da wir gerade bei Titeln sind. In der Lausitzer Rundschau wurde zur Ankündigung dieses Künstlergesprächs eines meiner Bilder veröffentlicht. Sicher hat sich mancher über den Titel: „Paar in der Landschaft“ gewundert. Das Paar suchte man vergeblich. Es wurde einfach abgeschnitten.

Das tut mir sehr leid. Aber in der Ausstellung kann man es wiederfinden. Da schmiegt sich ein Paar in die Landschaft, geht förmlich eine Symbiose mit ihr ein. Warum beschäftigt Sie gerade dieses Thema: Mensch und Natur, einerseits ein Teil von ihr, andererseits ihr brachialer Veränderer?

Sittner Ich bringe Dinge zusammen, die man nicht ohne Weiteres zusammen sieht, um zu verdeutlichen: Alles ist eins. Alles ist im Fluss. Wir vergessen das sehr oft. Meine Bilder, die Landschaften darstellen, zeichnen sich also nicht dadurch aus, dass sie eine bestimmte Landschaft wiedergeben. Manchmal schon, meistens kommt die Fantasie dazu.

Viele der Bilder haben mit Südamerika, vor allem mit Chile zu tun, das Sie mehrfach bereist haben. Sie werden zuweilen magischer Realist genannt. Dieses Tal des Mondes, wie viel Magie haben Sie dem Realismus hinzugefügt?

Sittner Dieses Tal des Mondes gibt es in der Atacama-Wüste in Chile, in der Nähe von San Pedro de Atacama. Abends, wenn die Sonne untergeht, strömt alles dorthin, weil es wirklich faszinierend ist, wie die Landschaft, die am Tage eher so rötlich-grau erscheint, auf einmal flammend-rot erstrahlt. Da habe ich in dem Bild nicht einmal übertrieben. Zu allem Überfluss ging da noch der Vollmond über dem Vulkan auf. Das brauchte ich wirklich nur noch so malen wie es war. Bevor die vielen Touristen kamen, war dieses Tal ein heiliger Ort für die Ureinwohner.

Die Magie des Ortes ist in Ihrem Bild spürbar. Ich habe den Eindruck: Es geht Ihnen nicht in erster Linie um wirklichkeitsgetreue Abbildungen, sondern um Assoziationen, die das Bild auslöst. Wie halten Sie es mit der Realität?

Sittner Es gibt ja Maler, die sagen, sie verfolgten keine Absicht in ihren Bildern. Sie wollen dem Betrachter völlig frei überlassen, was er sich denkt. Auf dem Standpunkt stehe ich nicht. Ich möchte auch bei abstrakten Bildern, einige davon sind ja auch in der Ausstellung, Assoziationen wecken. Ich möchte den Betrachtern ein Türchen offen lassen, damit er Zugang findet zu dem Bild. Die meisten sind ja mehr mit der sichtbaren Wirklichkeit vertraut als mit Abstraktionen. Dabei bewegt sich jedes gute Bild nach meiner Meinung immer in dem großen, unerschöpflichen Bereich zwischen Realität und Abstraktion.

Welchen Einfluss hatten Ihre Reisen nach Südamerika auf die Farbkraft, die in Ihren späten Arbeiten weit stärker zutage tritt?

Sittner Der Putsch auf die Allende-Regierung in Chile 1973 hat mich und viele andere sehr erschüttert. Es war doch ein sehr sympathisches Regime im Gegensatz zu unserer Altenherren-Riege in der DDR. Unter den Chilenen, die nach Cottbus ins Exil gingen, waren auch zwei Berufskolleginnen. Wir wurden eingeladen in die Familien von Rosa und Cecilia, nahmen an Festen mit vielen anderen Chilenen teil, und obwohl ich damals weit davon entfernt war, dorthin reisen zu dürfen, brachten sie mir Chile sehr nah. Beide leben heute wieder in ihrer Heimat. Nach der Wende besuchten wir uns gegegenseitig. 1997 war ich das erste Mal dort und dann noch weitere Male für mehrere Wochen. So entwickelte sich eine sehr intensive Beziehung zu diesem Land und seinen Menschen. Das Jahr 1997 bildete in meinem künstlerischen Schaffen eine Art Zäsur, die meine Farbigkeit und meine Formsprache nachhaltig verändert hat.

Auf Ihren Bildern lassen sich auch die in Mexiko allgegenwärtigen Treppen entdecken.

Sittner Im Jahre 2003 war ich auch in Mexiko, und auch dieses Land wirkte sich auf meine Bilder aus. Dort habe ich für mich erfahren, dass Farblehren nur bedingt nützlich sind. Ich kann mich auf mein Farbgefühl verlassen. In Mexiko hat man den Eindruck, die Farben wuchern. Und trotzdem funktioniert es. Das hat mich beeinflusst.

Dabei gelingt es Ihnen, Themen anzusprechen, die uns auch hier in der Lausitz beschäftigen. „Die Mine“ heißt ein Bild, das zeigt, wie der größte Kupfertagebau der Welt im Norden von Chile menschliche Behausungen verdrängt.

Sittner Solche sozialen Probleme interessieren mich natürlich. Chile hat viele davon, die man nur bedingt in Bildern ausdrücken kann. „Die Mine“ aber kann es, weil sie auch eine Brücke in die Lausitz schlägt: dieses Verdrängen von menschlichen Siedlungen durch die Menschen selbst.

Und manchmal tauchen Sie die uns vertraute Landschaft in die Farben Südamerikas.

Sittner Diese mich beeindruckenden Farben, die Formensprache der Völker des alten Amerika, das schlägt sich in meiner Kunst nieder. Aber es bleibt nicht bei dieser Thematik. Und so tauchen eben in meinem Bild „Weiden an der Elbe“ Farben auf, die diese so nicht haben. Es gibt auch Bilder vom Spreewald in den Farben Südamerikas.

Trotz der sinnlichen Farben und Formen wird es manchmal ziemlich ungemütlich. Da wird der Betrachter aufgestört, irritiert, geschockt, provoziert.

Sittner Mir ist wichtig, dass er genau hinsieht. Manches entdeckt man ja erst auf den zweiten Blick. Ich bin von Haus aus Gebrauchsgrafiker. Was ich gestaltet habe, hatte immer einen Zweck. So ganz komme ich von diesem Zweck und der grafischen Form nicht los. Das ist nicht nur kein Problem, sondern bereichert meine Bildsprache. Bilder sollen nicht agitieren. Aber politisch können, sollten sie durchaus sein.

Grafische Elemente und Klarheit in der Form sind all Ihren Werken eigen. Klare Formen gegen die Unwägbarkeiten, denen wir in der digitalisierten Welt ausgesetzt sind?

Sittner Auf jeden Fall sind mir klare Formen und klare Worte lieber als irgendwelches halbdiplomatisches Gewäsch. In der bildenden Kunst sind es die mit Wortschwulst umgebenen allgegenwärtigen Beliebigkeiten, die mich abstoßen.

Wie lange arbeiten Sie an einem Bild?

Sittner Ich bin fast 75 Jahre. So lange brauche ich. Es ist eine Entwicklung. Manchmal krame ich aus meinen Skizzenbüchern etwas heraus und denke: Hier kannst du weitermachen. Es muss natürlich immer wieder Neues hinzukommen. Ich arbeite gerade an einem 80-seitigen handgeschriebenen Buch nach guter mittelalterlicher Manier, Schrift und Miniatur auf Papyrus. Der Text stammt von Alfons Goldschmidt, einem deutschen Juden, der den Spuren der Azteken gefolgt ist und nach der Machtergreifung der Nazis in Mexiko bleiben musste.

Nach fast 50 Jahren künstlerischer Arbeit: Wie gelingt es, sich nicht selbst zu imitieren, heute nicht zu wissen, was morgen entsteht, sich immer wieder neu zu erfinden?

Sittner Manchmal weiß ich das schon, denn ich habe einen Ideenfundus, der hoffentlich nicht so schnell versiegt. Wichtig ist es, offen für die Welt zu bleiben und die Menschen, auch mal gegenzuhalten. Dazu ist mir bisher immer noch etwas eingefallen.

Ausstellung bis Juni 2019, Cottbus, Dreifertstraße 12, zu den Geschäftszeiten der Landesärztekammer

 Rudolf Sittner vor seinem Werk „Die Mine“, entstanden nach seinen Reisen durch Chile.
Rudolf Sittner vor seinem Werk „Die Mine“, entstanden nach seinen Reisen durch Chile. FOTO: Ralf Jokschmann