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| 18:18 Uhr

Interview mit Reinhold Messner
Bergriesen – und der erste Schritt nach oben

Reinhold Messner
Reinhold Messner FOTO: dpa / Niranjan Shrestha
Cottbus/Bozen. Der Südtiroler will Besucher in die Natur führen und erklärt, warum dort die besten Geschichten zu finden sind. Von Bernd Töpfer

Er hat 14 Achttausender bestiegen und war vor 40 Jahren gemeinsam mit dem Österreicher Peter Habeler der Erste, der den Mount Everest ohne Sauerstoff bestiegen hat. Im November kommt Extrembergsteiger Reinhold Messner in die Cottbuser Stadthalle. „Weltberge – die 4. Dimension“ heißt sein Vortrag. Die LAUSITZER RUNDSCHAU hat mit dem Südtiroler gesprochen.

Herr Messner, Sie sind ein Mensch, der in den Bergen lebt, ohne Handy. Und zum Telefoninterview sind Sie jetzt zu ihrer Tochter in die Stadt gefahren. Welche Botschaft wollen Sie den Menschen beim Vortrag vermitteln?

Messner Ich habe keine Botschaft, ich lehre keine Religion. Ich erzähle in dem neuen Vortrag über 13 Weltberge. Dafür ist Empathie nötig. Ich erzähle mit hoher Empathie vor Erwachsenen, Kindern, Greisen. Ich erzähle so, wie es stimmt und dass es begreiflich ist.

Woher speist sich Ihre Empathie für die Berge?

Messner Ich behaupte, die Natur schenkt uns die besten Geschichten. Die Natur reagiert in der Wildnis nicht nach Gesetzen, die der Mensch geschrieben hat. Sie reagiert nicht nach den Geboten Gottes. Die Natur ist da. So wie sie ist. Ich tauche beim Vortrag ein in eine archaische Welt. Das Leben schenkt uns beim Eintauchen die Geschichten. Diese zu erleben ist sehr spannend!

Sie haben in Ihrem Leben viel erlebt. Wie wollen Sie dies vermitteln?

Messsner Ich gehe gedanklich dorthin, wo ich war, wo die Geschichten spielen. Dabei sehe ich den Schnee vor mir, wie er am Berg liegt. Ich bin am Berg und ich erzähle, wie es war. Auch, wie es war, den ersten Schritt zu machen. Denn das Losgehen ist wichtig. Diese Geschichten verstehen die Zuhörer. Sie verstehen die Emotionen, über die ich ihnen berichte. Dabei lasse ich Zahlen weg. Wie hoch die Tour war, wie viel Höhenmeter überwunden wurden. Wie viel Lager es gegeben hat. Ob es nun sechs oder sieben waren, das ist unerheblich. Wie viele Schritte ich gegangen bin – das spielt keine Rolle.

Sprechen Sie auf einer anderen Ebene, so von Seele zu Seele?

Messner Ich würde mich freuen, wenn die Leute aus meinem Vortrag rausgehen und diskutieren. Darüber, was sie gehört haben zum Beispiel. Dass sie sagen: ‚Das ist ja verrückt’, was der Messner gemacht hat. Wenn sie aufgeregt sind, sich mit Nachbarn darüber unterhalten, dann würde es mich freuen. Und wenn sie dann sagen: ‚Wir gehen jetzt raus, in den Wald zum Beispiel.’ Wenn sie gehen, selbst mit kleinen Schritten. Die Leute müssen nicht auf einen Berg klettern.

Warum?

Messner Es ist das größte Geschenk, die Natur, diese Wirklichkeit, wahrzunehmen. Wir Menschen sind eigentlich Fußgänger. Und nur in dieser Geschwindigkeit nehmen wir die Natur wahr, nehmen wir sie auf. Schauen Sie: Wir fliegen mit dem Flugzeug, nach Asien zum Beispiel. Das ist eine hohe Geschwindigkeit, mit der wir uns fortbewegen. Wir fahren mit dem Auto in die Stadt. Im Verkehr gibt es Aggressionen. Wir nehmen dabei die Natur, so wie sie ist, nicht wirklich auf. Oder, ein, anderes Beispiel: Die Leute rennen die Berge hoch. Das ist ein Sport geworden in den Alpen. Die Natur ist einmalig und unverwechselbar. Die Geschwindigkeit, mit der wir sie aufnehmen, ist die Geschwindigkeit, mit der ein Fußgänger läuft.

Ist das die Botschaft, die Sie vermitteln wollen?

Messner Wie gesagt, ich vermittle keine Botschaft. Ich bin kein Religionslehrer. Ich möchte nichts lehren.

Dennoch, bin ich der Auffassung, können Sie viel vermitteln. Wie vor einigen Jahren, als Sie den Vortrag „ÜberLeben“ hielten ...

Messner Da habe ich Geschichten erzählt, die vor allem auf das Thema Eigenverantwortlichkeit aufbauen. Das Besondere an der wirklichen Abenteuerei ist, dass es in absoluter Eigenverantwortung stattfindet. In unserer Zivilisation hingegen sind wir ja ununterbrochen abgesichert. Das heißt, unsere Zivilisation, die seit 10 000 Jahren bequemer und bequemer wird, ist ja nichts anderes als eine Absicherungshysterie.

Sehen Sie das als Problem der modernen Gesellschaft?

Messner Das ist sicher etwas negativ ausgedrückt, denn der Mensch will das ja haben, und das verstehe ich auch. Letztlich suchen auch die Abenteurer nach Absicherungen, aber dort, wo das nicht mehr möglich ist, findet das wirkliche Abenteuer statt. Und dann kommt eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Mut, mit Angst, mit Eigenverantwortung, mit Kreativität, mit Gott und dem Tod ins Spiel. Die Perspektive wird eine andere, als wenn ich eben brav und versichert, in einer normgeprüften Umgebung meiner Arbeit nachgehe und mir gar nicht bewusst ist, dass mir jederzeit ein Ziegel auf den Kopf fallen kann.

Wie viele Bücher haben Sie überhaupt geschrieben?

Messner Es sind an die 50 eigenständige Bücher. Darüber hinaus habe ich auch einige Titel in Verantwortung als Herausgeber übernommen, aber diese zähle ich nicht als eigenständige Bücher.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Messner Nein, nicht im populistischen Sinne. Betrachtet man allerdings das Feinstoffliche, gehen unsere Zellen oder Atome ja auch nach dem Tod nicht verloren. Die werden wieder in die Natur zurückgeführt, das Atom eines Menschen kann so wieder in einer Pflanze oder einem anderen Lebewesen auftauchen.

mit Reinhold Messner
sprach Bernd Töpfer.