ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:51 Uhr

Philharmonisches Konzert und Jazz
Klassik und Jazz perfekt im Einklang

 Mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und Nina Šenk und einer Jazz-Session im Anschluss faszinierte Solist Markus Becker die Zuhörer.
Mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und Nina Šenk und einer Jazz-Session im Anschluss faszinierte Solist Markus Becker die Zuhörer. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Pianist Markus Becker zeigt beim Philharmonischen Konzert seinen großen Erfahrungsschatz. Von Rüdiger Hofmann

Dass Konzertpianist Markus Becker eine ungemeine Wandlungsfähigkeit am Flügel beherrscht, stellt er am Wochenende im Cottbuser Staatstheater beim 5. Philharmonischen Konzert perfekt unter Beweis. Liefert er im klassischen Teil eine Hommage an Mozart in seinen späten Lebensjahren, gibt es bei der anschließenden Jazz-Session unter anderem Friedrich Gulda auf die Ohren. Eine solche Verbindung gab es noch nie im Großen Haus. Ein geglücktes Experiment, was gern fortgesetzt werden kann!

Kurzfristig wird vor der Premiere noch die Reihenfolge der Sinfonien getauscht. Die Philharmoniker unter Leitung des griechischen Dirigenten George Petrou eröffnen mit der Sinfonie Nr. 35, auch bekannt als „Haffner-Sinfonie“. Anlass der damaligen Komposition (1783 uraufgeführt) war die Verleihung eines Adelstitels an Sigmund Haffner den Jüngeren, Humanist und Sohn des Salzburger Bürgermeisters Sigmund Haffner der Ältere. Mozart bevorzugte es, für spezielle Anlässe zu komponieren.

Insbesondere im ersten Satz kann man den künstlerischen Austausch zwischen Mozart und Haydn erkennen: Hier konzentrieren sich die Cottbuser Musiker ganz auf ein rhythmisch prägnant punktiertes Thema, das klanglich, harmonisch und kontrapunktisch in unzähligen Verwandlungen erscheint. Imponierend und raumgreifend agiert das Orchester. Mozart beschränkte sich hierbei auf wenig Material, was eigentlich typisch für Haydn war.

Der zweite Satz wirkt artig, hält aber tänzelnd dagegen. Ein klangvoller Mittelteil über dunklen Bassgängen bildet den ernsten Kontrast. Im Menuett spielen die Philharmoniker schelmisch auf. Mozart notierte in seinen Ausführungen, „dass das letzte Allegro so geschwind, als es nur möglich ist“ zu spielen sei. Das Orchester meistert diese Klippe.

Nun ist es Zeit für den Solisten. Drei „Echo-Klassik“-Preise und der Preis der Deutschen Schallplattenkritik sprechen für sich. Seit 1993 ist Becker Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Der Star des Abends interpretiert Mozarts letztes Klavierkonzert Nr. 27. Mozart trat bei der Uraufführung im März 1791 in Wien das letzte Mal öffentlich als Pianist auf.

Becker spielt mit leichtem Anschlag und kristallklarem Ton. Dass zwischenzeitlich ein Handy im Saal klingelt, bringt ihn nicht aus der Ruhe, lediglich ein prüfender Blick Richtung Publikum zeigt den glücklicherweise nur kurzen Moment der Überraschung. Sein Spiel durchzieht eine klare Linie ohne ausschweifende Emotionalität. Becker bringt eine Leichtigkeit und den bei akzentuierten Passagen nötigen Nachdruck mit. Die Durchführung des Hauptsatzes ist von einer selten gehörten Dichte an Modulationen und einer geistreichen Verarbeitung des Themas gekennzeichnet. Im dritten Satz verbindet Becker lyrische Kantabilität mit der Rondoform und sparsamen thematischen Mitteln. Ein kräftiger Unisonolauf des Orchesters beendet das Konzert mit einigen optimistischen Akkorden und zukunftsweisend Richtung Romantik-Epoche. Becker gibt hier bereits eine Zugabe (Haydn), obwohl er später noch in einer dreiviertelstündigen Jazz-Session weiter seine Vielseitigkeit offenbart – von Jazz-Rock bis zur Barcarole, von einer technisch extrem anspruchsvollen Fuge bis zu eigenen Interpretationen. Ein Teil des Publikums setzt sich auf sein Anraten hin sogar mit ihm auf die Bühne. Auch das hat es so noch nicht gegeben.

Selbst die Uraufführung hat was an diesem Abend: Die 1982 geborene Nina Šenk aus Slowenien hat „Impulses“ vorgelegt. Musikalisch wird in dem Stück eine Art Großstadtgetriebe in Szene gesetzt. Auch wenn man von einer Zuhörerin das Wort „disharmonisch“ wahrnimmt, gab es schon deutlich schwierigeren Zugang zu dieser Art Musik. Akustische Ausbrüche reißen jeden Träumer im Saal von den Sitzen. Kraftvoll und energisch sind die dargebotenen Impulse, vom Grundtenor aber positiv und lebhaft.

Danach kommen auch die Kritiker der modernen Uraufführungen wieder auf ihre Kosten. Mozarts Sinfonie Nr. 40 ist das finale Schlaglicht. Wo es um die letzten Werke eines Komponisten geht, ist die Legendenbildung nicht weit. Seine letzten drei Sinfonien komponierte Mozart im Sommer 1788 innerhalb weniger Wochen, voller Geldsorgen und schwarzer Gedanken.

Das berühmte Eröffnungsmotiv tönt oft durch Fernsehwerbungen. Dem Orchester gelingt es, kompositorische Komplexität mit einer bezwingenden musikalischen Einfachheit zu vereinen. Während der dritte Satz in seiner Schroffheit wie eine tänzerische Groteske wirkt, lässt Mozart im Finalsatz seinen dunklen Gedanken freien Lauf. Wie klar Musiksprache doch auskomponiert sein kann!

 Mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und Nina Šenk und einer Jazz-Session im Anschluss faszinierte Solist Markus Becker die Zuhörer.
Mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und Nina Šenk und einer Jazz-Session im Anschluss faszinierte Solist Markus Becker die Zuhörer. FOTO: Michael Helbig