ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 14:34 Uhr

Konzertkritik
Die wunderbare Schönheit der Verzweiflung

Solist Jörgen van Rijen, erster Posaunist des Royal Concertgebouw Orchestra, bot eine starke Vorstellung im 6. Philharmonischen Konzert am Cottbuser Staatstheater an seinem Instrument.
Solist Jörgen van Rijen, erster Posaunist des Royal Concertgebouw Orchestra, bot eine starke Vorstellung im 6. Philharmonischen Konzert am Cottbuser Staatstheater an seinem Instrument. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Posaunist Jörgen van Rijen trumpft beim 6. Philharmonischen Konzert am Cottbuser Staatstheater groß auf. Von Rüdiger Hofmann

Eine Ballettsuite von Bernd Alois Zimmermann, das Konzert für Posaune und Orchester von James Macmillan und die Vierte Sinfonie von Brahms sind die Zutaten dieses Konzerterlebnisses im Cottbuser Staatstheater. Im Mittelpunkt stehen die Posaune als Soloinstrument und ihr Meister, der Niederländer Jörgen van Rijen, der unter der Leitung von Generalmusikdirektor Evan Alexis Christ sein Instrument nicht nur souverän bespielt und beherrscht, sondern zugleich auch zeigt, was mit ihr alles möglich scheint.

Aber der Reihe nach. Zum Auftakt ein Porträt von Bernd Alois Zimmermann (1918 - 1970), der sich selbst den „Ältesten der jungen Komponistengeneration“ nannte und sich als „eine sehr rheinische Mischung von Mönch und Dionysos“ charakterisiert hat, war tatsächlich Asket und explosiver Apokalyptiker in einer Person, ein kühler Rationalist und expressiver Dramatiker zugleich, ein kluger, vielseitig gebildeter Musiker, der bis ins Detail auf strenge ästhetisch-formale Balance achtete und dennoch die wilde, pathetische Geste nicht scheute.

Aus seinem Schaffen präsentiert das Philharmonische Orchester die Ballettsuite „Alagoana“ – eine fünfsätzige Komposition über einen indianischen Schöpfungsmythos. So viel Tiefe und emotionale Ausdruckskraft bündelt sich in dieser Komposition, die doch alles andere als eine heile Welt repräsentiert. Stampfende, rhythmische Impulse ziehen unter Christs Dirigat in einen suggestiven Hexentanz herein. Anklänge an Ravels Bolero, motivische Zitate aus Strawinskys Sacre de Printemps oder Quartenmelodik wie bei Bartok verdichten diese Aura eines klingenden magischen Realismus voller Emotion und Bildkraft. Gewaltig!

Dann kommt der Solist des Abends auf die Bühne: Jörgen van Rijen, vielfach international ausgezeichnet, unter anderem 2004 mit dem Niederländischen Musikpreis. Van Rijen spielt Macmillans Konzert für Posaune und Orchester („Trombone Concerto“). Es ist deutsche Erstaufführung und Auftragswerk zugleich.

Van Rijen präsentiert eine wundervolle Mischung aus Klangfarben, sakral leuchtenden Melodien, reichen Akkorden und ohrenbetäubenden Klangausbrüchen – alles in kaleidoskopischer Form mit einem vereinheitlichenden Hymnen-Thema vorgetragen. Das einsätzige Werk basiert auf einem gespenstischen Thema aus sieben Noten (und drei Tonhöhen), das am Anfang zu hören ist und in vielen verschiedenen Gestalten während des gesamten langsamen Abschnitts wiederholt wird. Jedes Mal kommt neues Gegenmaterial dazu, vor allem eine ausdrucksstarke Melodie auf der Solo-Posaune. Die Holzbläser entfalten sich durch ein feines Klanggeflecht aus Harfe und Vibraphon. Ungewöhnliche Echos in Streichern, Piano und Harfe folgen. Und auch plötzliche apokalyptische Sequenzen aus Perkussion, Blechbläsern und einer Sirene bereichern dieses großartige Konzert.

Herausragend ist der spektakuläre Paarungstanz aus vier Posaunen: Van Rijen dreht sich vom Publikum weg und spielt mit drei Posaunisten aus dem Orchester auf Augenhöhe – es wirkt improvisiert und ist dennoch als schnatternde Unterhaltung fest geplant. Zum Ende hin tritt zwischen den heiteren Harmonien, die zu einem Moment der Ruhe führen, die Posaune mit einem herzzerreißenden Ausbruch hervor: Es ist die wunderbare Schönheit der Verzweiflung.

Eine Zugabe hätte dieser großartige Auftritt allemal verdient gehabt, bleibt aber dieses Mal aus.

Im zweiten Teil gibt es nach der Ersten Sinfonie von Brahms im vergangenen Philharmonischen Konzert nun seine Vierte Sinfonie e-Moll op. 98, zugleich die letzte aus seiner Feder. Die Uraufführung fand im Oktober 1885 in Meiningen statt.

Generell mutet die Sinfonie wie ein Totentanz an, ein illusionsloser Blick auf das Ende, und der illusionslose Blick von dort zurück.

Der erste Satz spiegelt das wachsende Bewusstwerden des sich auf der letzten Reise Befindens. Der zweite Satz ist der Blick zurück aus bereits unendlichem Abstand – daher der ferne, altertümlich anmutende Klang. Der vierte Satz – die Passacaglia – ist der eigentliche Totentanz: ein Gestalten in größter Freiheit (tolle Variationen!) über härtester Gesetzmäßigkeit (das ständig anwesende Passacagliathema). Brahms komponierte den dritten Satz – eine Burleske alias Scherzo – zuletzt – und hatte bei diesem Triumph des lachenden Todes ein Finale mit Piccolo und Triangel.

Zwei liebevolle Passagen bleiben unvergesslich: im zweiten Satz der Garten der Erinnerung (Violoncello), und in der Passacaglia der Gesang der Nachtigall über dem künftigen Grab (Flöte und Posaunen).