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| 13:26 Uhr

Fürst Pücklers Wohnzimmer
Orient in Branitz und ein kleines Wunder

Restauratorin Andrea Strietzel bei der Restaurierung der Pücklerschen Wohnräume auf Schloss Branitz.
Restauratorin Andrea Strietzel bei der Restaurierung der Pücklerschen Wohnräume auf Schloss Branitz. FOTO: Michael Helbig
Branitz. Restauratorin Andrea Strietzel verhilft Türkischem Zimmer, Kabinett und Pfeifenzimmer wieder zu Strahlkraft.

Im Sommer soll alles fertig sein, sagt Kustodin Simone Neuhäuser und schaut Andrea Strietzel erwartungsvoll an. Wie wird die Restauratorin auf diese Ankündigung reagieren? Zurückhaltend. Bei den Restaurationsarbeiten am Türkischen Zimmer, dem Kabinett und dem Pfeifenzimmer, auch Spiegelkabinett genannt, im Schloss Branitz ergeben sich immer wieder neue Erfordernisse, werden Dinge entdeckt, die der Überprüfung bedürfen – und das kostet Zeit.

Aber auch so ist das Vorhaben ambitioniert. Die zum Teil reich und vielfarbig bemalten Papiertapeten müssen mit Schwämmchen gereinigt werden. An den Stellen, an denen das schon geschehen ist, haben die Farben an Leuchtkraft gewonnen. Nur sind die bearbeiteten Flächen noch winzig klein, dienten der Prüfung der Haftung einzelner Farben. „Wir tasten uns ran“, sagt Andrea Strietzel. Jede einzelne Farbe muss auf ihre Wischfestigkeit untersucht werden, an einigen Stellen sind Löcher in der Papiertapete zu schließen.

Schon allein die Ornamente und die verwendeten Farben geben Auskunft: Hier waren ganze Generationen am Werk, malten die Zimmer weiter aus, wie es dem jeweiligen Zeitgeschmack entsprach. Das Kabinett etwa war früher einmal blau, jetzt ist es rot. „Wir haben einige wenige Quellenbelege von 1851 und sehr viele von 1858, die natürlich auch alle auszuwerten sind“, beschreibt Simone Neuhäuser den großen Arbeitsaufwand. „Dann sind die Räume in den 1920er-Jahren offenbar noch einmal aufwendig ausgemalt, farbiger gemacht worden, wie sie heute zu sehen sind.“ Fürst Pückler hat die Räume so also nie gesehen und dennoch atmen sie seinen Geist. So soll er aus dem Bade über die Wendeltreppe ins Spiegelkabinett gekommen sein, um sich dort orientalisch zu gewanden und zur Pfeife zu greifen. Hier konnte er sich seiner Sehnsucht Orient hingeben. Nicht zufällig wählte Pückler das Türkische Zimmer zu seinem Sterbeort.

Überall in den Räumen sollen dicke Teppiche gelegen haben, wie Besucher berichteten. Wertvolle Kunstgegenstände, orientalische Waffen, Meißner Porzellan habe es gegeben. „Heinrich Graf von Pückler, der Neffe des Fürsten, soll mit allerlei Exponaten, unter anderem dem Baldachinbett, auf der Görlitzer Kunstgewerbemesse und wohl auch auf der Weltausstellung in Wien gewesen sein“, erzählt die Kustodin.

Andrea Strietzel ist derweil damit beschäftigt, einen Riss im Türkischen Zimmer unsichtbar zu machen. Sie hat ihn zunächst mit Papier überklebt, um nun mit vorsichtigen Pinselstrichen die türkisblaue Farbe aufzutragen. Die mischt sie aus Farbpigmenten und Bindemittel, wie das zu Pücklers Zeit üblich war. „Sonst erreicht man nicht die gleiche Farbigkeit“, erklärt sie und fügt hinzu: „Leider hat das Schloss bis heute mit Setzungsschäden zu kämpfen.“ Auch die Decke soll einst tapeziert gewesen sein, aber wegen der Risse hat man die Tapete wohl noch zu Fürst Pücklers Lebzeiten entfernt und gleich auf den Putz gemalt. „Ein Anlass für Restaurierungen könnte auch eine Stippvisite des Äthiopischen Botschafters 1926 gewesen sein“, mutmaßt Simone Neuhäuser.

Eine groß angelegte Instandsetzung habe es dann in Vorbereitung auf Pücklers 200. Geburtstag ab 1983 gegeben. Damals habe man begonnen, die Zimmer, die vorher für Besucher nicht zugänglich waren, zu sanieren. Leider mit wenig Sachkenntnis. Der beauftragte Maler und Grafiker hat viele Fehler gemacht. „Eine Restauratorenausbildung gab es damals noch nicht“, erzählt Andrea Strietzel. So ist manches schiefgegangen. „Der Maler hat Bindemittel verwendet, die zu viel Spannung auf die Farbe gebracht haben und – noch schlimmer – er hat begonnen, das Spiegelkabinett mit Ornamenten weiter auszumalen, was man als Restaurator niemals tut. Es muss um möglichst originales Erhalten gehen.“

Andrea Strietzel selbst hat Bauingenieur in Dresden studiert, um danach in Erfurt noch ein Studium Konservierung und Restaurierung anzuschließen. Konzentrationsfähigkeit und Kreativität gehören zu ihrem Beruf, sagt sie und natürlich viel Aufmerksamkeit für die unendlich vielen Details und Überraschungen, die so ein historisches Gebäude bereit hält. So haben sich zum Beispiel Rechnungen für die Papiertapeten, 1,02 Meter breit, gefunden, die aus dem Jahr 1851 stammen. Wenn sich ihre Verwendung beweisen lässt, hieße das, Pückler hat als Erster im Berliner Umland Papiertapeten verwendet. Eine kleine Sensation, die zu bestätigen der Verband Papiergeschichte mit ins Boot geholt wurde. „Man lernt bei jedem Projekt dazu“, so Andrea Strietzel, „und bekommt ein Gefühl dafür, dass die Menschen zu allen Zeiten ausprobiert und dazugelernt haben.“ Auch Branitz steckt, wie man sieht, voller Überraschungen. Für die Besucher könnte es eine Überraschung sein, wenn sie anlässlich der Ausstellung „Sehnsucht nach Konstantinopel. Europa sucht den Orient“ in Branitz schon ganz viel Orient finden.