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| 19:02 Uhr

Orchester fordert Rücktritt von Evan Christ
„Was muss noch passieren, dass sich etwas ändert?“

Wie gestaltet sich künftig das Zusammenspiel im Philharmonischen Orchester?
Wie gestaltet sich künftig das Zusammenspiel im Philharmonischen Orchester? FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Orchestermusiker des Staatstheaters Cottbus halten ein weiteres Zusammenspiel mit dem Generalmusikdirektor Evan Alexis Christ für schwierig. Von Ida Kretzschmar

Die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters haben ihren Generalmusikdirektor um  Rücktritt gebeten. „Wir wollten nicht, dass diese in einem Brief an Evan Alexis Christ und die Theaterleitung geäußerte Bitte an die Öffentlichkeit gelangt, aber da es passiert ist, bestätigen wir es“, sagen sechs aufgewühlte Musiker, die vom Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus beauftragt wurden, in seinem Namen zu sprechen, gegenüber der RUNDSCHAU:

„Wir können uns eine weitere Zusammenarbeit nur schwer vorstellen“, bekräftigen sie. Der Theaterbetrieb aber dürfe dadurch nicht gestört werden. „Die Premiere von ,Macbeth’ bestreiken wir auf keinen Fall. Als Musiker geben wir unser Bestes, dass es ein schöner Abend für das Publikum wird“, versichern sie.

Nach den Opernsolisten, die harsche Kritik an dem Führungsstil des Generalmusikdirektors geübt hatten, reden nun auch die Orchestermusiker: „Uns liegt es fern, in der Öffentlichkeit schmutzige Wäsche zu waschen. Wir wollen dem Ruf unseres schönen Theaters keineswegs schaden. Aber wir sehen keinen anderen Ausweg mehr. Jahrelang haben wir versucht, eine interne Lösung zu finden. Das ist nicht gelungen.“

Mehrere von ihnen waren dabei, als sich Evan Alexis Christ vor zehn Jahren in Cottbus vorstellte. „Er war eingeladen zum Vor-Dirigat. Als wir ihn dabei erlebten, waren wir sehr hoffnungsvoll. Mit frischer Energie brachte er positive Stimmung ins Orchester. Er wirkte extrem lebendig, inspirierte nicht nur die Zuschauer, sondern auch uns Musiker“, schildert einer von ihnen, warum sie sich damals mehrheitlich für ihn ausgesprochen hatten. Zum 100-jährigen Geburtstag des Orchesters sei dann diese Aufbruchsstimmung plötzlich gekippt. Sie fühlten sich „über das physische Limit hinaus gefordert“, wie die Musiker sagen. „Neun Beethoven-Sinfonien in zwei Tagen mussten wir aufführen. Wir wollen Spitzenleistungen. Aber auch ein Marathonläufer kann nicht jeden Tag die ganze Marathonstrecke laufen. Das aber war es nicht allein. Der Generalmusikdirektor explodierte immer wieder, wie ein Topf, der überkocht. Beleidigungen und Beschimpfungen waren an der Tagesordnung.“

Jahrelang belastete diese Arbeitsatmosphäre den Alltag von mehr als 70 Musikern. Deshalb hatten sie sich in dieser Woche in einem Brief an die Theaterleitung und die Brandenburgische Kulturstiftung auch in allen Belangen hinter den Brief der Solisten der Sparte Oper gestellt. „Auch in unserem Arbeitsalltag erleben wir immer wieder das inakzeptable Verhalten des Generalmusikdirektors Evan Alexis Christ. Und sie bekräftigten auch: „Wir bitten dringend, die Kündigung unseres für das Theater unverzichtbaren Kollegen Frank Bernard zurückzunehmen.“

Als im vergangenen Jahr der Vertrag des Schauspieldirektors nicht verlängert wurde, kämpfte sein Ensemble dafür, dass er ihnen erhalten blieb. Vergeblich. Die Musiker indes sprachen sich in einer außerordentlichen Orchesterversammlung mehrheitlich dafür aus, dass der Vertrag des Generalmusikdirektors nicht verlängert wurde. „Dass er zunächst frischen Wind mitgebracht hatte, dafür waren wir dankbar. Aber wir hofften auf neuen künstlerischen Input, vor allem aber auf menschlichen Umgang.“ Obwohl das Orchester mehrheitlich dagegen war, wurde der Vertrag bis 2024 verlängert.

Seit Jahren gab es zahlreiche Gespräche sowohl mit Evan Christ als auch mit der Theaterleitung zur Verbesserung des Arbeitsklimas. „Entgegen seiner Darstellung hat sich dieses aus unserer Sicht nicht nachhaltig gebessert. Die Proben finden in einer Atmosphäre unterschwelliger Aggressivität statt“, heißt es in dem Brief: Kollegen werden nach wie vor eingeschüchtert und ,vorgeführt‘, wir müssen stets mit einem erneuten cholerischen Ausbruch rechnen.“

In den Gesichtern der Musiker ist zu lesen, wie sie die Situation belastet. „Wir wollen die Zuschauer nicht merken lassen, unter welch hohem physischen und psychischen Druck wir stehen. Aber hat schon einer bemerkt, dass wir in den Vorstellungen kaum lächeln. Bei den Proben sitzen wir verkrampft wie das Kaninchen vor der Schlange. Das geht an die künstlerische und menschliche Substanz, führt zu einem deutlich erhöhten Krankenstand“, berichten die Musiker.

Sie haben die Theaterleitung aufgefordert, ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen, um den massiv gestörten Betriebsfrieden wiederherzustellen. „Was muss noch passieren, dass sich etwas ändert?“ fragen sie. Am Montag soll es eine Zusammenkunft mit der Brandenburgischen Kulturministerin Martina Münch (SPD) und dem Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) geben. Die Musiker wollen dabei sehr deutlich machen: „Was muss noch passieren, dass sich etwas ändert? Wenn ein Trainer die Mannschaft nicht mehr erreicht, muss man ihn auswechseln. Das Vertrauensverhältnis ist nachdrücklich gestört.“

Mit dem Thema konfrontiert ist auch die Landtagsabgeordnete Kerstin Kircheis (SPD), Mitglied der Brandenburgischen Kulturstiftung  Cottbus-Frankfurt (Oder). Anfang der Woche schrieb sie auf ihrer Homepage: „Die Fronten in der Debatte um den Führungsstil von Generalmusikdirektor Evan Christ scheinen verhärtet. Musiker . . . empfinden die Zusammenarbeit mit ihm als nicht zumutbar, zu oft gab es Äußerungen ,unter der Gürtellinie‘. Unbenommen ist Evan Christ ein großartiger Musiker, die Cottbuserinnen und Cottbuser lieben ihn, und die Theaterlandschaft hat ihm viel zu verdanken. Aber er muss sich seiner Führungsrolle auch bewusst sein. Seine Musiker müssen ihn nicht lieben, aber respektieren. Wenn diese aber anfangen, ihn zu fürchten, wird der Zustand für alle Beteiligten auf Dauer untragbar“, betrachtet die Landtagsabgeordnete und Mitglied der Brandenburgischen Kulturstiftung  Cottbus-Frankfurt (Oder) Kerstin Kircheis (SPD) das Geschehen.

Kerstin Kircheis sieht nur eine Chance: „Beide Seiten müssen einen Schritt aufeinander zugehen. Die Musiker müssen ihre Abneigung gegen Christ zurückstellen, dieser wiederum sollte dringend an sich arbeiten, damit derartige Entgleisungen nicht mehr passieren. Die Führung des Staatstheaters könnte die Tür für ein erstes Entgegenkommen öffnen und Frank Bernard wieder einstellen. „Nicht der Facebook-Post hat das Fass zum überlaufen gebracht, sondern seine Kündigung hat die Künstler auf den Plan gerufen und das Problem öffentlich gemacht. Für eine neue, verbesserte Zusammenarbeit wäre dies der erste wichtige Schritt in diesem so wunderbaren Theater“, so ihre Auffassung.

Die Theaterleitung und der Generalmusikdirektor waren gestern zu einer Stellungnahme zu der Rücktrittsbitte nicht zu erreichen.