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| 15:14 Uhr

Neue Führungsspitze gesucht
Wer reißt am Staatstheater das Ruder herum?

27 Jahre lang hat Martin Schüler als Theater- und Opernmacher das Staatstheater geprägt. Ist ein Rücktritt vom Rücktritt denkbar?
27 Jahre lang hat Martin Schüler als Theater- und Opernmacher das Staatstheater geprägt. Ist ein Rücktritt vom Rücktritt denkbar? FOTO: Marlies Kross
Cottbus . Das Staatstheater Cottbus muss eine neue Führungsspitze suchen. Der Vertrag mit dem Generalmusikdirektor Evan Christ soll gelöst werden. Martin Schüler will zum Ende der Spielzeit als Intendant zurücktreten. Die RUNDSCHAU schaut sich um: Wer käme für einen Neuanfang infrage? Von Ida Kretzschmar und Peggy Kompalla

Wer wird künftig den Taktstock am Cottbuser Staatstheater schwingen? Wer vermag das Ruder so herumzureißen, dass es wieder in ruhigere, aber keineswegs seichtere Gewässer gelangt? Diese Fragen beschäftigen derzeit Theaterleute wie Zuschauer. Bei all den Wirbelstürmen der vergangenen Wochen: „Die neue Spielzeit ist sorgfältig vorbereitet.“ Das versicherte Martin Roeder jüngst im Cottbuser Bildungsausschuss. „Es gibt nur wenige Leerstellen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus – Frankfurt (Oder). Martin Schüler werde bis zum 31. Juli als Intendant seine Arbeit fortsetzen und habe zugesagt, dass die neue Spielzeit sicher ablaufen kann. Die Intendanz werde bis zur Nachbesetzung mit einem Interim besetzt werden müssen.

Was die Orchesterleitung betrifft: Die offenstehenden Dirigate sind hausintern verteilt worden. Allein für das 8. Philharmonische Konzert am 1. und 3. Juni, in dem Claude Debussys Jeux und Images pour Orchestre im Mittelpunkt stehen werden, habe sich das Haus für einen Dirigenten von außerhalb entschieden. „Dieses besondere Konzert wollen wir hochkarätig besetzt wissen“, erklärte Roeder, ohne einen Namen zu nennen. Auf der Internetseite des Staatstheaters wird das Konzert bereits mit dem renommierten Deutsch-Amerikaner Jonathan Stockhammer als Dirigenten beworben.

Kandidaten zum Vordirigieren

Der Posten des Generalmusikdirektors solle so schnell wie möglich neu besetzt werden. Denn eine weitere Beschäftigung von Evan Christ schließt das Haus nach den Worten von Martin Roeder aus. „Vordirigate sind bereits geplant.“

Das kann ein langer Prozess sein, weiß RUNDSCHAU-Theaterkritikerin Irene Constantin. Natürlich ist es nie verkehrt, sich unter den Dirigenten von morgen umzuschauen. Studenten der Dirigierklasse der Zürcher Hochschule der Künste haben ja gerade erfolgreich mit dem Philharmonischen Orchester in Cottbus gezeigt, was in ihnen steckt. Aber natürlich müssen die jungen Orchesterleiter noch Erfahrungen sammeln, vor allem die Autorität entwickeln, um ein Orchester weiterzubringen. Da könnte man vielleicht eher unter den 1. Kapellmeistern großer Häuser suchen, glaubt Irene Constantin. Dem 1. Kapellmeister in Cottbus Alexander Merzyn traut sie auf alle Fälle zu, interimsmäßig in die Bresche zu springen.

In der Jobbörse des Deutschen Bühnenvereins tauchen die bald vakanten Posten des Staatstheaters Cottbus nicht auf. Neben einem neuen Orchesterleiter wird ja vor allem ein neuer Intendant gesucht. Da wird sicher auch der Stiftungsrat der Brandenburgischen Kulturstiftung mehr als ein Wörtchen mitzureden haben. Wie zu hören war, könnte sich der Findungsprozess bis ins Jahr 2019 hinziehen.

Eine interessante Kandidatin

Die Potsdamer Intendantin Bettina Jahnke steht für „Haltung, Offenheit und Toleranz“. Ihre Sporen hat sie sich in Cottbus verdient.
Die Potsdamer Intendantin Bettina Jahnke steht für „Haltung, Offenheit und Toleranz“. Ihre Sporen hat sie sich in Cottbus verdient. FOTO: Ralf Hirschberger

Als am Hans-Otto-Theater in Potsdam die Intendantenfrage anstand, wurde unter Vorsitz des Oberbürgermeisters eine Findungskommission gebildet. Dabei haben die elf Kommissionsmitglieder aus Politik und Kultur die Bewerbungen gesichtet und sich auf einen Vorschlag verständigt. Insgesamt waren 80 Bewerbungen eingegangen, doppelt so viele von Männern als von Frauen. Fast ein Jahr hat sich das Gremium Zeit genommen, einen geeigneten Kandidaten für die Besetzung dieser wichtigen Stelle zu finden. Aber es ist fündig geworden.

Wirklich schade für Cottbus, dass Bettina Jahnke nun schon im kommenden Sommer das Hans-Otto-Theater in der Schiffbauergasse in Potsdam als neue Intendantin leiten wird. Eine Frau an der Führungsspitze würde auch dem Staatstheater gut zu Gesicht stehen. Überhaupt sollte man da die talentierten Frauen nicht einfach so gehen lassen. Bettina Jahnke war Assistentin bei Christoph Schroth, als dieser als Intendant in Cottbus bewies: „Wo ich bin, ist keine Provinz“. Und sie hat ein wirklich heißes Konzept, dass sie in Potsdam „Hot“ genannt hat. Dahinter verbergen sich „Haltung, Offenheit und Toleranz“.

Obendrein kennt sie nicht nur Cottbus, sondern auch die Lausitz sowie den Senftenberger Intendanten Manuel Soubeyrand. Als dieser in Esslingen begann, übernahm sie seine Eröffnungsinszenierung. Der heutige Intendant der Neuen Bühne Senftenberg beobachtet die Ereignisse in Cottbus mit Sorge. „Das Wichtigste ist, sich jetzt nicht unter Zeitdruck bringen zu lassen. Man kann doch einen Intendanten nicht wie ein Kaninchen aus dem Hut zaubern, sollte sich erst einmal in Ruhe klar werden: Wohin soll künftig die Reise am Staatstheater gehen?“, erklärt Manuel Soubeyrand, der sicher gut in einer Findungskommission mitwirken könnte. Ein Interimsintendant wäre immer besser als eine übereilte Entscheidung, meint er. Vielleicht eine kluge Dramaturgie? Ein Friedensstifter müsse nicht unbedingt ein Künstler sein.

27 Jahre hat Martin Schüler als leidenschaftlicher Theater- und Opernmacher das Staatstheater geprägt. Es gibt Stimmen, die für einen Rücktritt vom Rücktritt plädieren. Wird er darüber nachdenken? Bis Ende der Spielzeit, so hat Schüler versprochen, wird er das Ruder auf alle Fälle in der Hand behalten. Danach hat er sich für einen Neuanfang ausgesprochen.

Wer aber käme dafür infrage?

Kommt ein alter Bekannter zurück?

Sewan Latchinians Herz schlägt noch immer für die Lausitz.
Sewan Latchinians Herz schlägt noch immer für die Lausitz. FOTO: Bernd W¸stneck

Gerade ohne Theater ist Sewan Latchinian, der in seinem Haus in der Uckermark an einem Roman „über Kultur und Barbarei“ arbeitet, eine Inszenierung an den Hamburger Kammerspielen vorbereitet  und als Gastdozent an der Busch-Hochschule Berlin lehrt.

„Ich bin trotz vieler Enttäuschungen nicht resistent gegen die Theaterwelt. Und mein Herz hängt an der Lausitz“, ließ er am Telefon wissen. Zehn Jahre lang war er Intendant an der Neuen Bühne Senftenberg. Im Sommer 2014 verabschiedete er sich in der RUNDSCHAU mit den Worten: „Auch in Rostock trotze ich weiterhin der Barbarei.“ Doch er durfte nur kurze Zeit Kapitän des Volkstheaters Rostock sein. Schon im Juni 2016 ist er dort wegen seines Widerstands gegen geplante Spartenschließungen als Intendant gekündigt worden. Die Kündigung sei zwar im vergangenen Dezember vom Oberlandesgericht als unwirksam erklärt worden. Aber an Rückkehr ans Ruder ist nicht zu denken.

„Ich habe mit Respekt verfolgt,  dass das Cottbuser Ensemble den Mut hatte, freundliche, professionelle Arbeitsbedingungen einzufordern. Und es imponiert mir als ehemaliger Kollege sehr, dass Martin Schüler Fehler eingestanden hat,  und ich wäre bereit zu helfen“, sagt Latchinian. Bevor er in Rostock anheuerte, habe es im Potsdamer Kulturministerium schon einmal Gespräche gegeben, bei einer Fusion des Theaters Senftenberg mit Cottbus als Chef zur Verfügung zu stehen. Seine Handynummer ist noch immer dieselbe...

„Ziel ist es für mich, entweder als Schauspieldirektor wieder ein Ensemble zu führen oder aber als Intendant ein Theater zu leiten. Warum nicht Cottbus?“ Das sagte vor einem Jahr Mario Holetzeck im Abschiedsinterview mit der RUNDSCHAU. Sein Vertrag als Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus war nicht verlängert worden, obwohl sein Ensemble für ihn gekämpft hatte. Holetzeck kennt den Laden. Für ihn war das Staatstheater ein kreatives Zuhause. Er begegnete Menschen und Künstlern auf Augenhöhe, vermochte sie zusammenzuschweißen. „Wir haben uns als Schauspiel-Ensemble gegenseitig befruchtet, gefordert, gestritten, aber auch viel gelacht, Spaß gehabt. Immer waren wir auf der Suche, was Theater heute und hier noch bewirken kann“, sagte er zum Abschied. Er habe nicht nur seine Fähigkeiten als Theaterregisseur hier weiterentwickeln können, sondern auch als Chef, der jährliche Spielzeit-Konzepte entwickelt, Inszenierungen realisiert, die Auswahl der Künstler trifft, aber auch Vertragsverhandlungen führt und für die Finanzierung verantwortlich ist.

Mario Holetzeck kennt das Haus. In seiner Zeit als Schauspieldirektor in Cottbus vermochte er Künstler  zusammenzuschweißen.
Mario Holetzeck kennt das Haus. In seiner Zeit als Schauspieldirektor in Cottbus vermochte er Künstler zusammenzuschweißen. FOTO: Marlies Kross

Die ganz großen Namen

Natürlich könnten die Segel in Cottbus auch wieder eher in Richtung Musiktheater gesetzt werden. Auch ein Blick in die Hauptstadt lohnt. Sieben Stunden „Faust“ beim Berliner Theatertreffen, Frank Castorfs letzte große Regiearbeit an der Berliner Volksbühne, zeigte noch einmal, welch große Theaterära zu Ende gegangen ist, als er den Chefsessel an dem Theater nach einem Vierteljahrhundert als Intendant räumen musste. Sein Nachfolger, der Belgier Chris Dercon, hatte im vergangenen Monat seinen Posten nach viel Kritik vorzeitig wieder aufgegeben.

Chris Dercon galt schon an der Volksbühne für keine glückliche Wahl.
Chris Dercon galt schon an der Volksbühne für keine glückliche Wahl. FOTO: dpa / Paul Zinken

Ist es überhaupt noch zeitgemäß, eine Intendantin oder einen Intendanten als Alleinherrscher zu haben? Daniel Richter (42), Leitender Dramaturg des Theatertreffens, hat in einem Interview die Frage so beantwortet: „Das Theater als Kreativmodell und Reflexionsort der Gesellschaft lebt stets von sehr vielen starken Schultern und klugen Köpfen und nicht von einer Einzelperson. Das Sonnenkönig-Modell der Alleinherrschaft hat längst ausgedient und damit auch ein System der Ungleichheit und Willkürherrschaft.“