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| 11:45 Uhr

Interview mit Maite Kelly
„Ich muss nicht von der Decke fliegen“

 Maite Kelly steht zum Schlager.
Maite Kelly steht zum Schlager. FOTO: Edith Held / EdithHeld
Cottbus. Die Sängerin ist am 29. April in der Stadthalle Cottbus zu erleben und bekräftigt mit ihrem neuen Album: „Die Liebe siegt sowieso“. Von Olaf Neumann

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit haftete dem Schlager ein verstaubtes Image an. Heute kommt er frisch, modern und zukunftsorientiert daher – dank Sängerinnen wie Maite Kelly. Vor ihrem Konzert am 29. April in der Stadthalle Cottbus erfuhr die RUNDSCHAU von der 39-jährigen Sängerin, weshalb Schlager heilsam sind.

Maite Kelly, wie schreibt man authentische Liebeslieder mit hohem Gänsehautfaktor?

Kelly Indem man Erlebtes aufschreibt und vielleicht auch mal zulässt, den Schmerz zu spüren. „Heute Nacht für immer“ zum Beispiel ist nicht autobiografisch, aber ein sehr ehrlicher Song. Wenn man eine Beziehung eingeht, dann fängt es ja mit der ersten Nacht an. Das ist auch ein gewisses Risiko, man will ja den längsten One-Night-Stand der Welt. Ich habe bei der neuen Platte nicht versucht, klug zu schreiben, jede Zeile kommt aus meinem Herzen und ich wollte Gänsehautworte. Ich wollte selber eine Gänsehaut, wenn ich sie singe.

Machen Sie Platten wie „Die Liebe siegt sowieso“, weil Sie sich nach einem Land mit mehr Liebe und Mitgefühl sehnen?

Kelly Ich habe in meinem Leben so viel Liebe erfahren, gerade auch in der Gemeinschaft. Ich gehe auf die 40 zu und bin am Ende der vielleicht ersten Hälfte meines Lebens. Wenn ich alle meine Höhen und Tiefen zusammenrechne, komme ich zu dem Schluss: Die Liebe siegt sowieso. Und zwar gegen alle Schwierigkeiten. Eigentlich wird ein Mensch wie ich kein Popstar, ich sehe ja nicht aus wie Cinderella. Ich bin aber der lebende Beweis, dass die Liebe siegt. Es gab immer einzelne verrückte Leute, die an mich geglaubt haben. Weil sie glaubten, dass ich gut schreiben kann und dass meine Worte gehört werden sollen. Ich empfinde dies als ein Geschenk.

Dem Schlager wurde oft vorgeworfen, er besinge nur die heile Welt. Sie sind Vertreterin einer neuen Generation?

Kelly Ich komme von der Folklore. Die ist dramatisch. Ich bin in Spanien und in ganz Europa aufgewachsen und habe die Folklore gelebt. Wir wurden oft in TV-Shows eingeladen, wo ich die großen Persönlichkeiten des Schlagers kennenlernen durfte. Die hatten alle Ecken und Kanten und den Mut, über Tod, Verlust und sogar Erotik zu singen. Eine Verbindung zwischen Verstand und Herz. Und auch ich bin im Schlager zu Hause. Deswegen gibt es bei mir auch keinen Jazz- oder Pop-Schlager, sondern einfach Schlager-Schlager. Als ich einmal auf einer Hochzeit war, tanzten und sangen alle zu „Warum hast du Nein gesagt“. Ich war gerührt vor Dankbarkeit und Freude. In dem Moment war mir klar, dass der Schlager mein Weg ist.

Warum dominieren Frauen die Schlagermusik?

Kelly Das ist momentan auch im Pop so. Wir haben Beyoncé oder Adele. Es gibt eine tolle neue Generation. Auch in den Disney-Shows sind im Moment die Frauenfiguren sehr stark. Das liegt daran, dass Frauen momentan mutiger sind als Männer und sich deshalb als Vorbilder eignen. Wir Frauen können uns in dieser Zeit viel mehr erlauben, weil die Popmusik sehr moralisch geworden ist. Wir können in der Schlagermusik über intime Dinge singen, die die meisten sich nicht einmal trauen auszusprechen. Es kommt aber gerade eine neue Generation von Männern auf. Andreas Gabalier zum Beispiel ist sehr mutig. Wir brauchen wieder authentische männliche Helden im Schlager.

Deutschlands erfolgreichste Schlagersängerin Helene Fischer wurde öffentlich dazu aufgefordert, sich politisch zu äußern. Wie denken Sie darüber?

Kelly Man kann nicht erwarten, dass Künstler wie Politiker agieren. Ich befürworte eher, Politik zu leben. Deswegen bin ich auch in der katholischen Kirche sehr aktiv.

Wie sehr hat Sie als Mutter und Katholikin der Missbrauchsskandal in Ihrer Kirche getroffen?

Kelly Es ist klar, dass einiges geändert werden muss. Ich bin eine Mitschwester, und wenn da ein paar Brüder etwas verbockt haben, muss das auf den Tisch gelegt werden. Wir Katholiken durchleben gerade eine schmerzliche Zeit, aber der Missbrauch muss aufgearbeitet werden und Dinge müssen sich ändern.

Sollte der Zölibat abgeschafft werden?

Kelly Gottgeweihte Menschen sollten in einem Zölibat leben dürfen, das gab es auch schon vor der katholischen Kirche. Ich wollte selber Nonne werden. Ich glaube nicht, dass Pädophilie etwas mit dem Zölibat zu tun hat; Missbrauch gibt es leider überall, auch in der Familie. Wo Menschen sind, werden Fehler gemacht. Nichtsdestotrotz sollten Verbrechen, die im Raum stehen, benannt und für die Opfer Gerechtigkeit eingefordert werden.

Wie gehen Sie mit Versuchungen wie männlichen Groupies oder Drogen um?

Kelly (lacht) Um Gottes willen, ich bin eine Mutter von drei Kindern! Ich lebe auf einer Tournee noch disziplinierter als privat. Ich habe nie Drogen genommen. Das Einzige war Ibuprofen gegen Entzündungen in meinen Schultern. Ich mache nach den Konzerten keine Autogrammstunden, weil ich da zu viel rede und deshalb Verhärtungen an den Stimmbändern kriege. Ich singe auf der Bühne mit viereinhalb Oktaven, manchmal mit fünf. Die Höhen sind einfacher zu singen im Gegensatz zu den Tiefen. Dafür müssen meine Stimmbänder vollkommen entlastet sein, und da gehört Disziplin und Verantwortung einfach dazu.

Schreiben Sie gezielt Songs für eine Fünf-Oktaven-Stimme?

Kelly Man muss es nicht übertreiben. Ich könnte mit meiner Stimme viel mehr machen, aber das ist nicht das Ziel. Das Beste ist, wenn der Zuhörer nur mich fühlt und gar nicht mehr darüber nachdenkt, was ich da mache. Aber als Technikerin muss ich schon wissen, was ich tue. Ich spiele auf meiner Tournee 30 Konzerte und ich will jeden Abend die gleiche Leistung garantieren. Das ist mein Job, aber von der Decke fliegen muss ich nicht. Das kann Helene besser. Was ich auf der Bühne mache, sind Hochleistungen. Ich tanze viel und muss verantwortlich mit meinem Körper umgehen.

 Maite Kelly steht zum Schlager.
Maite Kelly steht zum Schlager. FOTO: Edith Held / EdithHeld