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| 14:21 Uhr

Rezension
Ein furchterregend präziser und gnadenlos ungepolsterter Abend

Die „Macbeth“-Premiere am Staatstheater Cottbus, hier eine Szene mit Sanja Radišic (Lady Macbeth) und Jaco Venter (Macbeth) begeisterte das Publikum.  Foto: M. Müller
Die „Macbeth“-Premiere am Staatstheater Cottbus, hier eine Szene mit Sanja Radišic (Lady Macbeth) und Jaco Venter (Macbeth) begeisterte das Publikum. Foto: M. Müller FOTO: Foto: Martin Müller / Staatstheater Cottbus
Cottbus. „Macbeth“-Aufführung am Staatstheater mit brillanten Chor- und Orchesterleistungen. Von Irene Constantin

Fast immer kommt der Chor in Kritiken nur „unter ferner liefen“ vor. Diesmal nicht. Die Herren und noch viel mehr die Damen des Opernchors und des Extrachors sogen das Publikum förmlich in das Werk hinein, sie sangen und spielten Hauptrollen: Krieger, Mörder, geschundene Schotten und vor allem – die Hexen. Körperspannung, musikalisch-rhythmische Spannung, Intonation, Ausdruck, Präzision, Bewegung auf der Bühne, feiner Chorklang oder opulente Klangpracht: es stimmte einfach in diesem Chor. Wie grotesk gruselig der so seltsam beschwingte Chor der Meuchelmörder, wie heiter und schadenfroh begeistert die Hexen bei ihren zwielichtigen Orakeln. In jedem Moment wurde der spezifische Verdi-Ton getroffen. Chorleiter Christian Möbius und seine Sängerinnen und Sänger hatten den Extra-Premierenbeifall am Schluss mehr als verdient.

Nicht minder formidabel das Orchester. Schon die ersten Takte der Ouvertüre, gestochen genau gespielt, dabei fern, geheimnisvoll und düster, führten mitten hinein in den schottischen Nebel und Blutdunst. Der ganze Abend furchterregend präzis und trocken, gnadenlos ungepolstert. Genau getroffen, was sich Verdi, die Librettisten Piave und Maffei und Shakespeare gewünscht haben: den nüchternen Blick auf die Macht und was sie mit den Menschen macht. Nichts da mit Schicksal und tragischer Verstrickung. Nichts da also mit Klangschmeichelei, cellosamtener Seelentiefe oder sonstigem Seidenglanz. Alexander Merzyn, 1. Kapellmeister des Cottbuser Orchesters, heimste die Lorbeeren für die Orchesterleistung ein. Zu recht. Aber. Die Einstudierung dieses orchestralen Meisterstücks hatte Evan Alexis Christ besorgt. Bei jedem Takt, der am Premierenabend zu hören war, sollte man, sofern man die Musik liebt, jede Häme vergessen und einfach nur traurig sein über die Entwicklung der Dinge in der Opernsparte des Staatstheaters. Das schlechthin genial musizierte Vorspiel zur Nachtwandel-Arie der Lady wäre ohne die inzwischen zehnjährige Arbeit von Christ mit dem Orchester nicht im Entferntesten so vorstellbar gewesen.

Noch ein Premierenjubel-Einheimser: Jaco Venter in der Titelrolle. Ein Paar Nervositäts-Wackler ganz am Anfang des Abends, aber dann kam der Gast aus Karlsruhe immer besser in seine Partie hinein. Ausgezeichnet seine Szene vor dem noch halbherzig gefassten Entschluss zum Königsmord. Noch hört man Zweifel und letzte Reste von Anstand, bevor sie restlos aus Körpersprache und Stimmführung verschwinden. Baritonharte Hybris als knirschende Schutzschicht über dem Wahnsinn. Tolle Leistung; die Zweitbesetzung Andreas Jäpel steigt erst in der nächsten Saison ein.

Die heimliche Hauptrolle ist natürlich nicht die Titelfigur, sondern die Lady Macbeth; in Cottbus Sanja Radišic. Wenn es eine Verdi-Figur gibt, auf die die emotionsstarke osteuropäische Gesangsschule perfekt passt, dann ist es diese Lady. Einen wohllautenden Engelsgesang wollte schon Maestro Verdi nicht, er wünschte eine „raue, erstickte, hohle Stimme“, die etwas „Teuflisches“ ausstrahle. Gott sei Dank hat man sich in Cottbus nicht wörtlich an diese Forderungen gehalten, aber eine Stimme, die mehr Charakter anbietet als Lieblichkeit verströmt, war von Sanja Radišic durchaus zu hören. Nicht, dass sie nicht auch strahlen konnte. Selbst kleinere Partien glänzten: Jens Klaus Wilde mit der Klagearie als Macduff und mit Hardy Brachmann, Malcolm, in einem knackigen Tenor-Duett. Ingo Witzke war als Banquo sängerisch und als Figur genau richtig gefordert: treuer, verratener Freund.

Regisseur Martin Schüler und seine Ausstatterin Gundula Martin siedelten das Stück in unbestimmt abstrakter Sphäre an, Schottland ist immer und überall. Genial die Einstiegsszene, aus trauernden Witwen schälen sich auf einem Schlachtfeld die Hexen, und sie werden immer auf der Szene sein, fast alles sehend, den Rest ahnend. Ansonsten vertraute Schüler auf die musikalisch-darstellerische Präsenz seines Ensembles und er tat Recht daran. Langer rhythmischer Beifall.