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| 09:42 Uhr

Junge Wilde in der Dramaturgie
Vorläufer der Graswurzelrevolution in Cottbus

 Der 1. Schauspieldramaturg Lukas Pohlmann in der Kulisse zu „Der Volksfeind“.
Der 1. Schauspieldramaturg Lukas Pohlmann in der Kulisse zu „Der Volksfeind“. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. „Der Volksfeind“ hat am 25. Mai im Staatstheater                                                               Premiere – für Lukas Pohlmann Sprungschanze in die neue Spielzeit. Von Ida Kretzschmar

Eine Graswurzelrevolution will er anzetteln. Was dahinter steckt, davon wird noch die Rede sein. Lukas Pohlmann gehört zu den jungen Wilden aus der Dramaturgie, denen Schauspieldirektor Jo Fabian zugetraut hat, die nächste Spielzeit zu konzipieren.

Für die letzte Premiere der laufenden Theatersaison, Henrik Ibsens „Der Volksfeind“, indes war Pohlmann maßgeblich an der Fassung beteiligt. Am 25. Mai wird das Stück im Großen Haus des Staatstheaters zu erleben sein. „Faszinierend für mich ist: Diese Produktion in Regie von Jo Fabian, der auch für Videos und Sound sorgt, ist wie eine Sprungschanze in die neue Spielzeit“, glaubt Lukas Pohlmann.

Ursprünglich sei etwas anderes geplant gewesen, verrät der 1. Schauspieldramaturg, Jahrgang 1987. Aber als sich im vergangenen Frühling nicht nur das politische Klima in der Region und in ganz Deutschland veränderte, sondern sich auch das Staatstheater Cottbus mit sich selbst auseinandersetzen musste, entwickelten Fabian und er die Idee, dieses Stück über die Widersprüche zwischen Wahrheitsfindung und Mehrheitsmeinung auf die Bühne zu bringen. „Und jetzt kommt es zum Wahlwochenende zur Premiere, was keine Absicht ist, aber passend“, sagt der gebürtige Magdeburger. Seit seiner Regieassistentenzeit am Theater Junge Generation in Dresden ist er von Jo Fabians Art, Theater zu denken, Stücke und Selbstbewusstsein zu entwickeln, entflammt. In Cottbus warf Pohlmann zur Spielzeit 2017/18 Anker.

Der 31-Jährige ging für die Probenfassung von Ibsens klassischem Text aus, verdichtet, erweitert ihn unter Verwendung von Motiven von Aristophanes „Weibervollversammlung“ und Texten der Moderne, wobei auch die Rolle der Frauen in der Demokratie reflektiert wird.

Regie und Bühnenbild aber katapultieren die Zuschauer zurück zu den Anfängen der Demokratie. Vom norwegischen Kurort des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird das Geschehen in einen antiken Tempel verlagert. Das erzeugt „Bildstörungen“, die Demokratieerfahrungen der Menschheitsgeschichte offenbaren und den Zuschauern Zeitsprünge in die bürgerliche Gesellschaft ermöglichen.

Taugt der Mehrheitsentscheid als das Mittel politischer Vernunft und Wahrheit – oder anders: Wie viel Wert hat die Herrschaft des Volkes, wenn die Masse zur Unvernunft neigt? Wer überhaupt ist das Volk? Wessen Stimme hat das Potenzial, Mehrheiten zu lenken? Wie viel Hoffnung bieten weibliche Sichtweisen? Fragen, die das Stück aufwirft, aber nicht beantwortet. Für die Cottbuser Fassung nahm Pohlmann den klassischen Text mit auf die wochenlange Probereise. Der Stoff verwandelte sich in der Auseinandersetzung im Ensemble, dem Regisseur Fabian Freiräume gibt, die mit Verantwortung zu füllen sind. Wie ein Werkstück verband sich der Text mit anderem Material, Videos, Sound. „Theater lebt sehr von bildnerischer Stärke. Bilder dienen nicht nur der Illustration, sondern erzählen eigene Geschichten“, weiß der Dramaturg. Und so formte sich allmählich das Werkstück. „Die Konflikte auf zwischenmenschlicher Ebene zu belassen, erschien Jo Fabian und mir zu schmal. Wir wollen politisches Theater machen, das Widersprüche schärft, die Möglichkeit bietet, sich am Untersuchungsgegenstand zu reiben, ein eigenes Bild zu entwerfen. Mit ideologischen Botschaften kommen wir nicht über die Rampe“, so Pohlmann. Und doch habe es warnende Stimmen gegeben. Schon der Titel klinge so negativ. „Volksfeind“. Das könnte wie schon vor Jahren die Leute abschrecken. Lukas Pohlmann kontert mit dem Satz, mit dem er auch im jungen, wilden Dramaturgenteam mit Wiebke Rüter provoziert: „Wir haben keine Angst vor leeren Sälen, wir haben Respekt vor der Bedeutungslosigkeit“, heißt es darin. Diesem Respekt wollen sie die kommende Spielzeit entgegensetzen.

„Wir verabschieden uns von vermeintlichen Sicherheiten und binden alle Vorhaben an ein Leitmotiv, das direkt unserem Erfahrungshorizont entspringt“, kündigen sie an. „Mit Veränderungen der Wirklichkeit kann man nur durch offene Kommunikation auf Augenhöhe unter Tolerierung aller Haltungen umgehen – so lange die, die diese Haltungen für sich geltend machen, ebenfalls an dieser Kommunikation interessiert sind“, ist Pohlmann überzeugt. „Das Theater muss noch mehr zum Kommunikationsort werden.“ Und so stehen vor allem Uraufführungen, also Stücke, die nie ein Mensch zuvor gesehen und getestet hat, auf dem Spielplan. „Sie bieten uns die Chance, der Ängstlichkeit und dem vorauseilenden Geschmacks-Gehorsam zu begegnen, die sich durch vergegenwärtigte Klassikeradaptionen und Unterhaltungsstücke auf Bühnen spiegelt“, hofft das Dramaturgenteam. Sie haben für die Uraufführungen Leitmotive aus der Wirklichkeit entlehnt: Zukunft. Heimat. Nationale Identität. „Ich habe keine Angst zu irritieren, zu provozieren“, sagt Lukas Pohlmann. Der 31-Jährige hofft mit solchen Wortspielen noch weitaus mehr Menschen in das Theater zu locken, um mit dem Publikum gemeinsam auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen, wie es schon heute vielfach nach den Vorstellungen passiert. Und dann spinnt er noch einmal an der Idee von der Graswurzelrevolution. „Wenn schon junge Leute spüren, wie viel Kraft und Lust im Theater steckt, wenn etwas langsam keimt, sich faszinierend ausbreitet...“

So hat er auch keine Scheuklappen, mit dem „Volksfeind“ zu spielen: „Ohne Feind kein Volk?“ stiftet er zu einer breiten Debatte über die demokratische Grundordnung an – im Kommunikationsraum Theater.

Für die Premiere am 25. Mai und Vorstellungen am 29. Mai und 6. Juni gibt es Karten bei der RUNDSCHAU, im Besucherservice, Ticket-Tel.: 0355/7824242; an der Abendkasse und: www.staatstheater-cottbus.de.

 Lukas Pohlmann in der Kulisse zu "Der Volksfeind". Foto: Marlies Kross
Lukas Pohlmann in der Kulisse zu "Der Volksfeind". Foto: Marlies Kross FOTO: Marlies Kross