| 14:30 Uhr

Cottbus
Ein angesexter Aufklärungs-Nachmittag

Jochen-Martin Gutsch (l.) und Maxim Leo begeisterten mit ihrem Programm „Es ist nur eine Phase, Hase“.
Jochen-Martin Gutsch (l.) und Maxim Leo begeisterten mit ihrem Programm „Es ist nur eine Phase, Hase“. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Leo und Gutsch machen im Cottbuser Weltspiegel dem zahlreich erschienenen Publikum Mut für die Alterspubertät. Von Renate Marschall

Das Publikum im voll besetzten großen Kinosaal des Cottbuser Weltspiegel entsprach am Sonntagnachmittag zu mindestens 98 Prozent der Zielgruppe. Aus den Lautsprechern klingt verheißungsvoll Karel Gotts „Für immer jung“. Dieser wunderbaren Vorstellung, der die Natur in der Realität glücklicherweise einen Riegel vorgeschoben hat, machen die Journalisten, Satiriker, Buchautoren Maxim Leo und Jochen Martin Gutsch, vielen von Radioeins bekannt, gründlich den Garaus. In ihrem Buch „Es ist nur eine Phase,  Hase“ beschäftigen sie sich mit den untrüglichen Zeichen dafür, dass sich die Jugend auf dem absteigenden Ast befindet – oder wie Gutsch sagt: In der Jugend nimmt alles zu, die Muskeln, die Körpergröße, der Sex, mit zunehmendem Alter wird das alles weniger, außer dem Körpergewicht und dem Harndrang. Ein Point of no Return, der etwa mit 45 beginnt. Aber „Es ist nur eine Phase, Hase“.

Die beiden sind Verfechter klarer Worte, wie sich im Laufe dieses angesexten Aufklärungs-Nachmittags der besonderen Art noch zeigen wird. Es fängt harmlos an, mit der den einen oder anderen in Richtung 50 heimsuchenden Sehschwäche, die das Pubertier, in dem Fall Gutsch,  natürlich zu überspielen sucht. Im Restaurant etwa, wenn die Liebste fragt,: Was nimmst Du? Er in Ermangelung sichtbarer Alternativen antwortet: Dasselbe wie du. „Ich habe Glück, wenn sie Appetit auf Kalbsschnitzel hat, Pech, wenn es Kürbis-Ingwer-Suppe gibt.“ Schlimmer noch ist das ständige Versteckspiel, das Brillen so an sich haben. Kennt jeder, der eine besitzt. Allerdings klingelt nicht bei jedem ein weißbärtiger Mann im weißen Bademantel und mit weißen Badelatschen, um sich darüber auszulassen, wie ganz oben über die der Jugend nachhaschenden Alterspubertiere gelacht wird, die sich Botox in den Arsch spritzen lassen und über den Jakobsweg rennen. „Ich habe mir was aufgebaut“, sagt Gott, „die Erde.“ Er arbeite nicht mehr so viel: alles kann, nichts muss. Freitags schalte er schon mal eine Rufumleitung zum Papst. Freilich, in seiner Jugend hätte er auch manchen Unsinn erfunden, räumt der alte Herr ein: den roten Pavianarsch, Brokkoli, Rosenkohl, die deutschen Mittelgebirge, Heuschnupfen und Cottbus. Protest!

Wissendes Lachen im Publikum, als es um die sich verändernden Schlafgewohnheiten geht. Wofür früher ein schmales Studentenbett reichte, genügen heute 1,80 Meter nicht mehr. Ein Problem ist schon das Einschlafen, während sie fünf Minuten liest und dann Ruhe möchte, würde er gern noch eine halbe Stunde lesen. Trotz Schlafbrille behauptet sie, das Licht doch zu spüren. Auf dem Rücken schlafen ist verboten, Embryonalstellung rechts und nicht mehr bewegen, das stört. So weit Eskalationsstufe eins. Stufe zwei: Er fliegt raus. Manch einer sehnt sich vielleicht zurück zu dem in zwei Lehrfilmen gezeigten Frauenbild der 50er-, 60er-Jahre. Sie um Heim und Herd und ein Lächeln des Gatten bemüht, der mit Dr.-Oetker-Kuchen milde gestimmt wird. Originalzitat: „Eine Frau hat nur zwei Lebensfragen: Was soll ich kochen? und: Was soll ich anziehen?“ Ist vorbei, Jungs!

Jung und gesund sein, ist das Motto der Zeit. Manch einer nimmt dafür einiges auf sich. Fasten zum Beispiel: Ramadan für Hipster. Und in Berlin, der Hauptstadt der Veganer, ganz offen ein Kilo Hack zu kaufen, könne lebensbedrohliche Situationen hervorrufen.

Zu erörtern ist dann noch die Weinerlichkeit alterspubertierender Männer, Erlebnisse beim Urologen und die nachpubertäre Phase, in der irgendwann die Rollen von Eltern und Kindern wechseln. Der 80-jährige Vater im Krankenhaus. Er hatte einen Schlaganfall und den Sohn beim ersten Besuch nicht erkannt. Drei Tage später will er nach Hause. Der Sohn sucht das zu verhindern: Du hast mich nicht mal erkannt, wer bin ich? Antwort: Das wirst du doch wohl selbst wissen. Ich will hier raus, schau dich um, hier sind nur alte Leute.

Während es dann noch kurz um Mittelalte, also 50-Jährige geht, die zum Geburtstag meist so viel Alkohol geschenkt bekommen, dass sie, wenn sie ihn trinken, den 60. Geburtstag nicht mehr erleben, nähert sich der Nachmittag dem Abend und dem Thema: Wie lässt sich trotz zunehmender Lust auf Schlafen der Sex aufpeppen? Nicht so einfach. Fesselspiele fallen flach wegen mangelnden Talents in Sachen Verpacken und Design. Der Dildo landete als Pflanzholz im Garten. Dirty Sex sei ein schmaler Grat, vor allem, wenn man nicht dirty ist. Bleibt, sich zum Sex verabreden. Wo? Nach Diskussion verschiedener Möglichkeiten wird das eigene Schlafzimmer als bequemster Ort definiert, und weil es mit dem Terminplaner so schwierig ist, kann man es ja auch gleich tun. Vielleicht das nächste Mal mit den Kopfkissen am Fußende – wegen der Abwechslung?

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