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| 17:38 Uhr

Neu im Kino
„Es gibt immer wieder Hauptmänner“

Szenenbild aus „Der Hauptmann“ von Regisseur und Drehbuchautor Robert Schwentke: Hauptmann Willi Herold (Max Hubacher) mit seinem Gefolge Freytag (Milan Peschel) und Kipinski (Frederick Lau).
Szenenbild aus „Der Hauptmann“ von Regisseur und Drehbuchautor Robert Schwentke: Hauptmann Willi Herold (Max Hubacher) mit seinem Gefolge Freytag (Milan Peschel) und Kipinski (Frederick Lau). FOTO: Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih
Der Film „Der Hauptmann“ ist zu großen Teilen in und Um Görlitz gedreht worden. Inzwischen ist der Film Robert Schwentke in den deutschen Kinos angelaufen und hat gute Chancen auf Filmpreise.

Es ist das erste Mal, dass Sie sich mit „Der Hauptmann“ als Regisseur einem historischen Stoff nähern. Warum?

Schwentke Erst einmal hat mich die Geschichte selbst sehr umgetrieben. Ich glaube, dass ich mir einen Film über diese Art von Verbrechen nicht hätte ausdenken können. Ich habe einen wahren Fall gebraucht, an dem ich mich abarbeiten konnte.

Regisseur und Drehbuchautor Robert Schwentke.
Regisseur und Drehbuchautor Robert Schwentke. FOTO: Jennifer Howard

Wie sind Sie auf diesen falschen Hauptmann Willi Herold gekommen?

Schwentke Im Emsland, wo das alles passiert ist, kennt man seinen Namen. Ich habe eine Geschichte gesucht, die es mir ermöglicht, einen Film über die NS-Zeit zu drehen, der aus einer anderen Sicht erzählt.

Es ist ein Film aus dem Inneren des Täterkreises.

Schwentke Genau. Es gibt in Deutschland eigentlich nur zwei Filme, die aus dieser Perspektive erzählt werden. Das ist die „Wannseekonferenz“ aus den späten 70ern. Dabei geht es um die Endlösung. Dann gibt es „Aus einem deutschen Leben“, die fiktive Biografie des SS-Offiziers und Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, gespielt von Götz George. Ein wunderbarer Film. Er stammt aus den 80ern. Damit hat es sich aber eigentlich.

Und „Der Untergang“?

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Dreharbeiten in Görlitz für "D FOTO:

Schwentke Der Film ist das genaue Gegenteil zu „Der Hauptmann“. Uns ging es um die dynamischen Aspekte des Nationalsozialismus. Dass eben nicht nur ein Mann das Land in den Abgrund geführt hat, sondern dass es ganz viele Menschen gebraucht hat, damit diese kulturelle Katastrophe zwischen 1933 und 1945 passieren konnte.

Das spiegelt sich in ihrem Film ganz subtil wider. Denn Willi Herold wird nur zum Hauptmann, weil die anderen mitmachen.

Schwentke Genau. Sie machen mit, weil sie davon profitieren. Darum geht es. Das ist die Relevanz des Films. Es gibt immer wieder Hauptmänner und Leute, die sich um sie scharen und nicht Einhalt gebieten.

„Der Hauptmann“ ist eine Blaupause über die Verführungen der Macht. Damit ist der Film eine Punktlandung in einer Zeit, in der Populisten die Politik aufmischen – in Deutschland, in Europa und in Amerika.

Schwentke In Amerika wird das auch auf Donald Trump bezogen. Als wir den Film in Moskau gezeigt haben, war das für das Publikum kein historischer Schwarz-Weiß-Film, sondern ein Film über das moderne Russland.

Das ist doch ein Glücksfall für einen Regisseur, wenn die Menschen den Film nicht als eine abgeschlossene Geschichte verstehen, sondern als Parabel auf das Heute.

Schwentke Der Film verkauft sich tatsächlich weltweit. Er kommt in Amerika in die Kinos, er startet diesen Monat in Frankreich. Er wird in Japan und England anlaufen. Das ist zwar ein Film, der eine Situation aus dem Zweiten Weltkrieg beschreibt, aber universell relevant ist.

Der menschliche Abgrund, der in dem Film gezeigt wird, steckt in uns allen?

Schwentke Auf jeden Fall. Diese Mechanismen haben sich nicht verändert. Gewisse Bedingungen sind allerdings nötig, um das Feld für ein Massaker zu ebnen. Das fängt immer mit der Rhetorik an. Sie bereitet Aktionen vor und fordert sie sogar ein. Deshalb sind die scharfen Worte, die man jetzt überall hört, auch sehr ernst zu nehmen und gefährlich. Im Falle eines Massakers oder Genozids ist die Rhetorik entmenschlichend. Das ist auch im Film der Fall. Die Gefangenen werden nicht als Menschen wahrgenommen. Dann wird ein illegaler Vorgang durch oberste Ränge legitimiert.

Der Film ist in Schwarz-Weiß gedreht. Soll dadurch eine historische Distanz geschaffen werden?

Schwentke Nein. Das hat einen anderen Sinn. Dazu gibt es eine wunderbare Anekdote mit Michael Powell – einer meiner Lieblingsregisseure und der größte Meister der Farbe im Kino. Er hat Testaufnahmen von Martin Scorseses „Wie ein wilder Stier“ gesehen. Die waren in Farbe. Das waren Boxszenen, wo das Blut spritzte. Daraufhin hat Michael Powell zu Scorsese gesagt: Den Film kannst Du auf gar keinen Fall in Farbe machen. Den musst Du Schwarz-Weiß drehen, weil das Blut es dem Zuschauer unmöglich machen wird, den Film anzugucken. Sie werden den Eindruck haben, dass Du einen gewalttätigen Film gemacht hast, anstatt einen Film über Gewalt.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Schwentke Ja. Das muss man sehr ernst nehmen. Das ist eine sehr intelligente und korrekte Einschätzung der Wahrnehmung der Zuschauer.

Schwarz-Weiß schafft aber auch eine Distanz.

Schwentke In den 50er-Jahren wäre das nicht der Fall gewesen.

Aber aus unserer Sicht schon.

Schwentke Das stimmt.

Deshalb überrascht in Ihrem Film eine Einstellung in Farbe umso mehr. Die Wirkung ist wie ein Zoom vom Damals ins Heute.

Schwentke Regiekollegen in Amerika haben genau dieses Farbbild in Frage gestellt, weil es fast ein Verfremdungseffekt ist, der einen aus dem Film rauswirft und ihn unterbricht. Aber das ist meine Absicht. Ich will, dass die Zuschauer nicht nur der Geschichte folgen, sondern auch reflektieren. Bertholt Brecht hat aus dem Grund in Hollywood keinen Fuß gefasst. Diese Art von Entfremdungseffekt widerspricht allem, wofür das amerikanische Erzählkino steht.

Aber Ihr Film ist sehr formal aufgebaut mit einem klaren Vorspiel, einem Hauptteil und einem Abspann. In dem Sinne setzt das Farbbild einen Akzent.

Schwentke Das freut mich.

Ohne dem Publikum zu viel über den Schluss zu verraten. Im wahren Leben ist Willi Herold hingerichtet worden. Sie lassen ihre Hauptfigur entkommen.

Schwentke Das Schlussbild ist eher allegorisch. Die Idee, Herold und seine Truppe in der Jetztzeit zu zeigen, kam mir, weil es in der Zeit, als ich das Drehbuch geschrieben habe, viele Meldungen über IS-Gruppen gab, die in Nordafrika in Dörfer einfielen. Dort spielten sie Richter und Henker, wenn die Menschen Musik hörten oder rauchten. Wenn man diese Meldungen liest, dann kommt einem das unheimlich weit weg vor. Ich nenne sie mal Barbaren. Solche Barbaren gibt es aber auch bei uns. Die sehen nur ein bisschen anders aus. Dazu würde ich Donald Trump zählen, aber auch einige Staatsoberhäupter in Europa. Die verfolgen genau dieselben Ziele, nämlich die demokratische Grundsubstanz abzutragen.

Der Mensch ist immer der gleiche.

Schwentke Warum erzählt man das? Meiner Ansicht nach ist die Membran zwischen dem Chaos und der Zivilisation hauchdünn. Wenn man glaubt, dass man gefeit sei. Dann wird es gefährlich.

Mit Robert Schwentke sprach
Peggy Kompalla